Wir brauchen eine klügere Kreislaufwirtschaft – Nur den Kreis schließen reicht nicht

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.com PLC.

Der für nachhaltige Entwicklung zuständige Erste Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, hat am Mittwoch ein Paket an Maßnahmen für die so genannte Kreislaufwirtschaft vorgelegt. [EC]

Würde jeder Mensch so leben wie ein durchschnittlicher Europäer, bräuchten wir 2,6 Erden. Weniger Konsum und eine bessere Kreislaufwirtschaft sind notwendig. Zwingend ist vor allem ein effizienterer Einsatz von Ressourcen am Anfang der Wertschöpfungskette. Das Kreislaufwirtschaftspaket, das die EU-Kommission präsentiert, setzt keine konkreten Ziele und ist nicht bindend. Aber es enthält Elemente, die es Deutschland ermöglichen, es besser zu machen.

Eigentlich ist es ganz einfach: Die Ressourcen, die unsere Erde uns bietet, sind endlich. Also sollten wir damit auch so sparsam wie möglich umgehen. Das gilt vor allem für die Rohstoffe, die gar nicht oder nicht in absehbarer Zeit nachwachsen. Erdöl gehört dazu, aber auch andere Rohstoffe wie Metalle oder seltene Erden. Wenn man aber im Jahr 2015 durch die Supermärkte läuft, dann merkt man davon – nichts. Dabei geht es nicht nur um die Menge an Produkten, die uns wie selbstverständlich unabhängig von der Jahreszeit zur Verfügung gestellt werden. Es geht auch darum, wie sie verkauft werden. Eingeschweißte Gurken. Gummibärchen in kleinen Portionspackungen, wiederum verpackt in einer großen Verpackung. Käse in Scheiben, zwischen zwei Scheiben nochmal ein Plastikblättchen. Von „Mogelpackungen“, die nur halb gefüllt sind, gar nicht zu reden. Und alles war natürlich vorher nochmal verpackt, für den Transport.

Den meisten Menschen fällt das gar nicht mehr auf, so normal ist es. Aber ökologisch gesehen ist es ein riesiges Problem: Wir verbrauchen mehr Ressourcen als unsere Erde uns mittelfristig bieten kann. Würde jeder Mensch so leben wie ein durchschnittlicher EU-Bürger, bräuchten wir 2,6 Erden. Rechnet man das Bevölkerungswachstum mit ein, werden es 2050 etwa 3 bis 5 Erden sein. Die Schlussfolgerung ist ganz einfach: Wir müssen mit weniger Ressourcen auskommen. Die Rechnung geht sonst nicht auf.

Eine Lösung ist weniger Konsum, aber Verzicht klingt für die allermeisten nicht sehr sexy, die Wahrscheinlichkeit, dass die Masse das freiwillig macht, ist gering. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Politik Verzicht qua Gesetz vorschreibt, ist gleich Null. Aber es gibt auch eine andere Herangehensweise: die gleichen Produkte mit weniger Ressourcen herstellen. Sie leichter machen, sie leichter verpacken, alle nicht zwingend notwendige Ressourcen in der Produktion einsparen. Alles, was gar nicht erst anfällt, muss nicht aufwendig recycelt werden, landet nicht auf dem Müll. Es führt zu einer absoluten Reduktion der verbrauchten Ressourcen, gleich zu Beginn der Produktionskette.

Die EU-Kommission veröffentlichte am Mittwoch ein neues „Circular Economy Package“. Das Ziel dieses Pakets ist es, Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft in Europa voranzubringen. Ihre eigenen Daten zeigen, dass ein effizienterer Einsatz von Ressourcen nicht nur die CO2-Emissionen reduzieren würde. Gelingt es, die Ressourcenproduktivität um 30 Prozent zu erhöhen, würde das Bruttoinlandsprodukt um ein Prozent steigern – und gleichzeitig zwei Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Trotzdem hat die Kommission die Chance vergeben, ein konkretes Ziel in Bezug auf die Ressourceneffizienz in diesem Paket zu nennen.

Deutschland hingegen ist eines der wenigen Länder, das dies bereits ein Ressourcenproduktivitätsziel hat. Nach Aussage der Bundesregierung hat Deutschland zwischen 1994 und 2010 seine Ressourcenproduktivität um 47 Prozent erhöht, allerdings nur in Relation zum Bruttoinlandsprodukt. Die absolute Menge an Ressourcen dürfte sich hingegen in deutlich kleinerem Umfang verringert haben. Auch deshalb bleibt Deutschland – trotz einer Recycling- und Kompostierquote von 65 Prozent bei den kommunalen Abfällen – einer der größten Müllproduzenten in Europa. 611 kg Müll produziert jeder Bundesbürger im Jahr. EU-weit liegt der Durchschnitt bei 492 kg. Hier gibt es Luft nach oben.

Ein möglicher Ansatzpunkt hierfür könnte der Handel sein. Er hat die Möglichkeit, ineffiziente Produkte auszulisten und durch effizientere zu ersetzen, ohne dabei selber zurückstecken zu müssen. Der Druck auf die Produzenten würde so deutlich steigen, die Konsumenten würden quasi nebenbei bessere Produkte kaufen. Bisher aber hat der Einzelhandel das nicht auf dem Zettel. Das zeigt das ebenfalls am Mittwoch veröffentlichte Ranking von Rank a Brand zu Supermärkten. Kein einziges Unternehmen macht nach eigenen Angaben überzeugend deutlich, wie der Materialverbrauch in der Herstellung seines Produktangebots verringert wird oder werden soll. Das wäre allerdings nicht nur gut für die Umwelt. Die Händler selbst könnten Kosten für Materialeinsatz, Lagerraum und Transport sparen – und ihren Kunden unnötige Schlepperei für unnötige Verpackung ersparen. Supermärkte haben große Marktanteile in Deutschland und dem Rest der EU. Würden sie umdenken, wäre das spürbar innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen.

Das Ergebnis dieser verpassten Chancen von EU, Deutschland und der Unternehmen: Der Berg unnötiger und unnötig großer Verpackungen und inneffizienter Produkte weiter wächst weiter. Einzelne Akteure können dieses Problem nicht lösen. Notwendig ist eine systemische Lösung, die ganz oben ansetzt und dort den Ressourceneinsatz reduziert – lange bevor Produkte in die Läden kommen. Wenn das nicht geschieht, ist eine Bewegung hin zu einer wirklich grüneren Economy unwahrscheinlich. Die deutsche Regierung muss ihre starke Position nutzen, um das EU Kreislaufwirtschaftspaket zu stärken. Und sie muss durch nationale Gesetze den Druck auf alle Wirtschaftsakteure erhöhen, ihren Teil dazu beizutragen, die Ressourceneffizienz zu erhöhen.

Der Autor

Mario Dziamski, Gründer von Rank a Brand – Deutschland, lebt in Berlin und ist verantwortlich für die Gesamtleitung der Rankings von Rank a Brand. Rank a Brand ist eine Initiative, die in Deutschland und den Niederlanden aktiv ist. Selbsterklärtes Ziel ist es zu sensibilisieren: Markenhersteller für Unternehmensverantwortung und Transparenz. Verbraucher für Nachhaltigkeit im Konsum und ihre Einflusskraft.