Forstwirtschaftliche Berechnungsregeln bringen die Glaubwürdigkeit der EU-Klimaschutzvorstellungen in Gefahr

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Forstwirtschaftlicher Klimaschutz sollte nach einer wissenschaftlich objektiven Vorgehensweise gemessen werden, die es Staaten nicht erlaubt, die Auswirkungen politischer Maßnahmen, die die Nettoemissionen erhöhen, zu verbergen, meint Dr. Joanna I. House. [Yannik S/Flickr]

Forstwirtschaftlicher Klimaschutz sollte nach einer wissenschaftlich objektiven Vorgehensweise gemessen werden, die es Staaten nicht erlaubt, die Auswirkungen politischer Maßnahmen, die die Nettoemissionen erhöhen, zu verbergen. Dies schreibt eine Gruppe von Umweltwissenschaftlern unter der Leitung von Dr. Joanna I. House.

Als Präsident Trump sich vom Pariser Klimaschutzübereinkommen zurückzog, sprach der EU-Kommissar für Klimapolitik, Miguel Arias Cañete, für alle EU-Mitgliedstaaten, als er meinte: „Dies hat uns eher zusammengeschweißt als geschwächt, und dieses Vakuum wird von einer neuen breiten engagierten Führung aufgefüllt werden.” Der französischen Staatspräsident, Emmanuel Macron, schlug mit seinem Tweet in die gleiche Kerbe: „Macht unseren Planeten erneut groß”.

Entsprechend der Redewendung ‚den Worten müssen Taten folgen’, gibt es keinen besseren Beginn als gerade jene Gesetze, die die EU derzeit vorbereitet, um die Zielvorgaben für 2030 nach dem Pariser Übereinkommen zu implementieren. Dies beinhaltet ein besonders umstrittenes Thema, das die EU-Umweltminister am 19. Juni erörtern werden, nämlich die buchhaltungstechnischen Grundsätze für die klimatischen Auswirkungen von Wäldern.

Wälder sind entscheidend für die Begrenzung der Erderwärmung auf 2 Grad Celsius. Auf die Abholzung gehen fast 10 % der von Menschen verursachten CO2-Emissionen zurück, während Wälder fast ein Drittel der CO2-Emissionen aus der Atmosphäre entnehmen.

In der EU wachsen derzeit mehr Wälder als geerntet werden.  Daraus ergibt sich ihre Rolle als Netto-CO2-Senke,  die jährlich über 400 Mio t CO2 aus der Atmosphäre entfernt. Dies entspricht 10 % aller Treibhausgasemissionen der EU.

Die von den Mitgliedstaaten beschlossenen oder beabsichtigten Maßnahmen werden sie wahrscheinlich veranlassen, mehr Bäume abzuholzen (z.B. für die Bioökonomie und Bioenergie), und hierdurch die  CO2-Senke zu verringern. Die Auseinandersetzung geht einfach gesagt darüber, wenn Wälder aufgrund dieser Politik weniger CO2 entnehmen, sollte dies rechnerisch berücksichtigt werden.

Gestützt auf die aus dem Kyoto Protokoll gelernten Erfahrungenschlug die EU-Kommission vor, dass sich die buchhaltungstechnische Verrechnung der Auswirkung der Wälder auf die Atmosphäre auf eine wissenschaftlich robuste Grundlinie stützen sollte. Letztere (auch als ‘Forstwirtschaftlicher Referenzwert’ bezeichnet) sollte historische Daten zu fortwirtschaftlichen Aktivitäten und Forstwirtschaftsdynamik (altersspezifischer Wandel) berücksichtigen. Falls Staaten in der Entwicklung forstwirtschaftliche Aktivitäten ändern, so würden die atmosphärischen Auswirkungen dieses Wandels insgesamt berechnet aufgrund der resultierenden Veränderungen in den Treibhausgasemissionen und -Senken gegenüber dem Referenzwert. Diese Vorgehensweise stimmt überein mit der Treibhausgas-Bilanzierung aller anderen Sektoren.

Dann haben einige EU-Mitgliedstaaten vorgeschlagen, eine Ausweitung der Abholzung, potentiell bis hin zur gesamten Wald-Zuwachsrate, nicht zu bestrafen. Dies würde erreicht, indem man diese Erntezunahme und den diesbezüglichen Wandel der Netto-Kohlenstoffsenke im Referenzwert integriert.

Als Bodennutzungsexperten, die an wissenschaftlichen und methodischen Berichten (einschließlich dem Zwischenstaatlichen Sachverständigenrat für Klimafragen, IPCC), der Implementierung der Treibhausgas-Inventurberichte und der wissenschaftlichen Beratung von Regierungen beteiligt sind, haben wir mehrere wissenschaftliche Bedenken bei dieser Vorgehensweise.

Im Hinblick auf die Atmosphäre führt eine verringerte CO2-Senke in Wäldern zu mehr in der Atmosphäre verbleibendem CO2, und entspricht tatsächlich einer Netto-Steigerung der Emissionen. Dies ist wahr, selbst wenn die Wälder „dauerhaft” bewirtschaftet werden, d.h. selbst wenn die Ernten nicht den nachwachsenden Wald übersteigen.

Dies ist umso komplizierter als die Themen sektorübergreifend sind. Größere Erntemengen können die CO2-Aufnahme durch Wälder verringern, aber die Verwendung von  geerntetem Holz kann in anderen Sektoren zu Emissionsreduktionen führen, z.B. mit der Substitution anderer emissionsintensiverer Materialien (z.B. Zement) oder fossiler Energie durch Holz. Diese Emissionsreduktionen werden implizit in den Nicht-LULUCF-Sektoren verrechnet.  Daher müssen, um Verzerrungen durch unvollständige Bilanzierung zu vermeiden, auch die gesamten Auswirkungen einer ausgeweiteten Ernte ausgewiesen werden.

Außerdem könnten politisch induzierte Erntesteigerungen im Referenzwert effektiv bis zu jährlich 400 Mio t CO2 aus der forstwirtschaftlichen Biomass-Buchhaltung der EU verstecken verglichen mit der “Senkenleistung”, mit der die EU-Wälder derzeit aufwarten, oder bis zu jährlich 300 Mio t CO2 bezogen auf einen wissenschaftlich begründeten Referenzwert (bis zu zwei Drittel der jährlichen Emissionen Frankreichs).

Falls politische Auswirkungen auf die landgebundenen Netto-CO2-Senken ignoriert oder geschmälert werden, würde dies:

  • die Glaubwürdigkeit der EU-Bioenergiebilanzierung beeinträchtigen: die aktuellen IPCC-Vorgaben zur Meldung von Bioenergieemissionen gehen nicht davon aus, dass sie CO2-neutral sind, aber irgendwelche CO2-Reduktionen sollten besser unter den ‚Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft’ (LULUCF) Sektoren als im Energiesektor bilanziert werden (um eine Doppelerfassung zu vermeiden). Die EU-Rechtsvorschriften zur Bioenergie vertrauen in ähnlicher Weise auf der Annahme, dass CO2-Emissionen vollkommen unter LULUCF ausgewiesen werden.
  • die Übereinstimmung von EU-Klimazielen und den IPCC-Entwicklungsbahnen gefährden. Das Ziel der EU, Treibhausgasemissionen  bis 2030 um 40% (-80/95% bis 2050) gegenüber den Werten von 1990 zu senken, beruht auf dem IPCC-Treibhausgasziel von 2°C für  Industrieländer. Diese Zielvorgabe stützt sich nicht allein auf Emissionen, sondern auch auf landbezogenen Senken. Wird ein Rückbau von landbezogenen Senken verborgen, riskiert man Misserfolge, die Temperaturziele zu erreichen, und würden weitere Emissionsverringerungen in anderen Sektoren notwendig, um mit den IPCC-Ziellinien konsistent zu bleiben.
  • dem Gedanken des Paris Übereinkommens widersprechen, nämlich dass „die Beteiligten Maßnahmen zur Erhaltung und Ausweitung von Senken ergreifen sollten”, und dass die Parteien für Transparenz in der Bilanzierung sorgen sollten;  der Aufbau von Vertrauen sollte dafür sorgen, dass der einzelstaatlich festgelegte Beitrag jedes Landes (das Ausmaß seines angestrebten Klimaschutzes) erreicht wird, ohne die Auswirkungen nationaler Politik zu verbergen.
  • international ein gefährlicher Präzedenzfall sein, der möglicherweise andere Länder zu gleichem Verhalten verleiten könnte (d.h. zur Festlegung von Referenzwerten für die  Abholzung). Dies würde die Glaubwürdigkeit des von Vielen erwarteten Beitrags der Forstwirtschaft zum Pariser Übereinkommen kompromittieren.

Das Pariser Übereinkommen benötigt eine glaubhafte und transparente forstwirtschaftliche Buchhaltung; die Führungspersonen der EU treffen derzeit Entscheidungen, die den Standard festlegen könnten.  Die Aufnahme politisch initiierter Erntesteigerungen in Referenzwerten bedeutet, dass die atmosphärischen Auswirkungen politischer Forstmaßnahmen wirksam vor den Bilanzen verborgen werden (während sie für Treibhausgaseinsparungen in anderen Sektoren sorgen). Ginge forstwirtschaftliche Buchhaltung von einem objektiv wissenschaftlichen Ansatz aus, würde dies für die Glaubwürdigkeit der Bioenergie-Buchhaltung, die Übereinstimmung zwischen den Klimazielen der EU und den IPCC-Zielvorstellungen von 2°C sowie für die Erfüllung des Gedankens des Pariser Übereinkommens sorgen. Eine falsche Entscheidung würde die Gefahren eines Klimawandels vergrößern und unsere Fähigkeiten untergraben, “unseren Planeten wieder groß zu machen”.

Dr. Joanna I. House ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für ökologische Wissenschaften und Umweltpolitik am Cabot Institute, Universität Bristol, Vereinigtes Königreich. Sie ist zusammen mit anderen, am Ende dieses Artikels aufgeführten, Umweltwissenschaftlern Koautorin dieses Meinungsartikels.

Unterzeichnende:

  • Joanna I House, Reader in Environmental Science and Policy, Co-Chair Global Environmental Change, Cabot Institute, University of Bristol, UK
  • Jaana K Bäck, Professor in Forest – atmosphere interactions, Chair of the EASAC Forest multifunctionality report, University of Helsinki, Finland
  • Valentin Bellassen, Researcher in Agricultural and Environmental Economics, INRA, France
  • Hannes Böttcher, Senior Researcher at Oeko-Institut.
  • Eric Chivian M.D., Founder and Former Director, Center for Health and the Global Environment Harvard Medical School
  • Pep Canadell, Executive Director of the Global Carbon Project
  • Philippe Ciais, scientist at Laboratoire des Sciences du Climat et de l’Environnement, Gif sur Yvette, France
  • Philip B. Duffy, President and Executive Director Woods Hole Research Center, USA
  • Sandro Federici, Consultant on MRV and accounting for mitigation in the Agriculture and land use sector
  • Pierre Friedlingstein, Chair, Mathematical Modelling of Climate Systems, University of Exeter, UK.
  • Scott Goetz, Professor, Northern Arizona University
  • Nancy Harris, Research Manager, Forests Program, World resources Institute.
  • Martin Herold, Professor for Geoinformation Science and Remote Sensing and co-chair of Global Observations of Forest Cover and Land Dynamics (GOFC-GOLD), Wageningen University and Research, The Netherlands
  • Mikael Hildén, Professor, Climate Change Programme and the Resource Efficient and Carbon Neutral Finland Programme, Finnish Environment Institute and the Strategic Research Council, Finland
  • Richard A. Houghton, Woods Hole Research Centre USA
  • Tuomo Kalliokoski University of Helsinki, Finland
  • Janne S. Kotiaho, Professor of Ecology, University of Jyväskylä, Finland
  • Werner A. Kurz, Senior Research Scientist, Natural Resources Canada
  • Beverly Law, Professor, Forest ecosystems & society, Oregon State School of Forestry, USA
  • Donna Lee, Climate and Land Use Alliance
  • Anders Lindroth, Lund University, Sweden
  • Jari Liski, Research Professor, Finnish Meteorological Institute, Finland
  • Brendan Mackey, Director, Griffith Climate Change Response Program, Griffith University, Australia
  • James J. McCarthy, Harvard University, USA
  • William R. Moomaw, Co-director Global Development and Environment Institute, Tufts University, USA
  • Teemu Tahvanainen, University of Eastern Finland
  • Olli Tahvonen, Professor forest economics and policy, University of Helsinki, Finland
  • Keith Pausitan, University Distinguished Professor, Colorado State University, USAColin Prentice, AXA Chair in Biosphere and Climate Impacts, Imperial College London, UK
  • N H Ravindranath, Centre for Sustainable Technologies (CST), Indian Institute of Science, India
  • Laura Saikku, Senior Scientist, Finnish Environment Institute
  • Maria J Sanchez, Scientific Director of BC3 (Basque Center for Climate Change), Spain
  • Sampo Soimakallio, Senior Scientist, Finnish Environment Institute
  • Zoltan Somogyi, Hungarian Forest Research Institute, Budapest, Hungary
  • Benjamin Smith, Professor of Ecosystem Science, Lund University, Sweden
  • Pete Smith, Professor of Soils & Global Change, University of Aberdeen, UK
  • Francesco N. Tubiello, Team Leader, Agri-Environmental Statistics, FAO
  • Timo Vesala, Professor of Meteorology, University of Helsinki, Finland
  • Robert Waterworth
  • Jeremy Woods, Imperial College London, UK
  • Dan Zarin, Climate and Land Use Alliance