EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

07/12/2016

Biodiesel klimaschädlicher als fossile Brennstoffe

Energie und Umwelt

Biodiesel klimaschädlicher als fossile Brennstoffe

Sojabasierter Biodiesel an einer US-Tankstelle.

[

Biodiesel erhöht die Schadstoffemissionen, statt sie zu senken. Diesen Effekt würden im Jahr 2020 zusätzliche zwölf Millionen Autos auf den Straßen haben, warnen Umweltaktivisten. EurActiv Brüssel berichtet.

Biodiesel gilt als eine Möglichkeit, den Transportsektor der EU zu dekarbonisieren. Dabei sei er in Wirklichkeit umweltschädlicher als fossile Brennstoffe, meint die NGO Transport and Environment (T&E). Der Verkehr ist für etwa 25 Prozent der EU-weiten Treibhausgase verantwortlich und ist somit nach der Energiebranche der größte CO2-produzierende Sektor. Er ist der einzige Wirtschaftszweig der EU, bei dem der Schadstoffausstoß weit über den Werten von 1990 liegt. Will die EU also ihre Klimaziele erreichen, muss sie die CO2-Emissionen im Transport senken.

Grundlage der T&E-Analyse ist die lange aufgeschobene und umstrittene GLOBIOM-Studie, die im vergangenen Monat endlich veröffentlicht wurde.

Kritiker werfen der EU-Kommission vor, sie habe die 2013 in Auftrag gegebene Studie solange totgeschwiegen, bis die Beratungsphase zur Überarbeitung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED-Richtlinie) vorbei war. „Endlich hat die EU-Kommission gezeigt, dass das Versagen der europäischen Energiepolitik durch die Förderung schädlicher Biobrennstoffe noch spektakulärer ist, als die Wissenschaft zunächst angedeutet hat“, betont Jos Dings, Exekutivdirektor von T&E. Verfasst wurde die Studie von einem Konsortium aus drei anerkannten Forschungsinstituten: Ecofys, IIASA und e4Tech.

Nicht einverstanden mit den Ergebnissen ist Raffaello Garofalo, Generalsekretär des Europäischen Biodieselverbandes (EBB). Er bezeichnet die Studie als unzuverlässig. „Wir sind sehr überrascht von der voreingenommenen T&E-Studie“, betont Garofalo. Die NGO betreibe Lobbyarbeit „gegen Biodiesel und zugunsten fossiler Kraftstoffe“. Eine von T&E veröffentlichte Grafik deutet  tatsächlich an, dass fossile Energieträger weniger Schadstoffe produzieren als Rapsöl, Soja oder Palmöl.

Biofuels-Infographics-April-2016-3

Landnutzungsänderungen

Um Biodiesel herzustellen, mischt man fossiles Öl mit pflanzlichem Öl von Ölpalmen, Raps oder Soja. Der Anbau dieser drei Pflanzen führt jedoch zu Emissionen durch direkte und indirekte Landnutzungsänderungen (iLUC), so die Studie. Das bedeutet, neue oder bereits bestehende Ackerfläche wird für den Anbau von Energiepflanzen genutzt anstatt zur Kultivierung von Nutzpflanzen für die Nahrungsmittelproduktion. Das allein sorge schon für mehr Emissionen als der gesamte Lebenszyklus von fossilem Diesel, erklärt T&E. iLUC erlaubt es, die Auswirkungen der landwirtschaftlichen Verdrängung von Grasflächen und Wäldern zu messen, die hohe Mengen an klimaschädlichem CO2 absorbieren. Diese sogenannten Kohlenstoffsenken in Ackerfläche zu verwandeln, steigert die CO2-Konzentration in der Atmosphäre.

T&E ergänzte die Ergebnisse der Studie noch um den direkten CO2-Ausstoß im Biokraftstoffbereich durch beispielsweise Traktoren und Dünger. Davon zog sie dann die Emissionen alternativer fossiler Kraftstoffe ab. Dies sind die Ergebnisse:

•    Biodiesel aus nativem Pflanzenöl produziert im Durchschnitt 80 Prozent mehr Emissionen als der zu ersetzende fossile Diesel.
•    Soja- und palmölbasierter Biodiesel sind sogar zwei- bis dreimal so schädlich. Er ist besonders beliebt auf dem europäischen Markt und wird bis 2020 wahrscheinlich einen 70-prozentigen Anteil ausmachen.
•    Mehr als 75 Prozent der Biokraftstoffe, die sowohl Bioethanol als auch Biodiesel enthalten, produzieren 2020 Schätzungen zufolge mindestens genauso viele Treibhausgase in ihrem Lebenszyklus wie fossiles Erdöl und fossiler Diesel.

Erst letztes Jahr reformierte die EU ihre Biokraftstoffpolitik und begrenzte den Beitrag von Nahrungsnutzpflanzen an Biobrennstoffen auf sieben Prozent. Diese Obergrenze, die laut Kommissionsentwurf ursprünglich bei nur fünf Prozent liegen sollte, bezog T&E in die Analysen mit ein.

Erneuerbare-Energien-Richtlinie

Die RED-Richtlinie hingegen berücksichtigt die iLUC-Emissionen der Biokraftstoffe nicht in ihren CO2-Rechnungen. Sie befindet sich derzeit im Überarbeitungsprozess und soll noch vor Ende des Jahres mit einer neuen Gesetzgebung aufwarten. Auch die Richtlinie über die Kraftstoffqualität bezieht diese Art des CO2-Ausstoßes nicht mit ein. Das bedeutet, iLUC-Emissionen verursachende Biokraftstoffe gelten als zuträglich für die EU-Klimaziele bis 2020. Somit können sie auf nationaler Ebene öffentliche Fördergelder einstreichen.

Bis 2020 sollen in den EU-Mitgliedsstaaten zehn Prozent der im Transport verbrauchten Energie aus erneuerbaren Quellen stammen. Dazu zählen Biokraftstoffe, Biogas, Strom oder andere erneuerbare Energieträger. „Die Medizin ist deutlich schädlicher als die Krankheit selbst“, warnt Dings. „Die Sieben-Prozent-Grenze für Biobrennstoffe auf Nahrungsmittelbasis hat allerdings etwas gebracht. Nach 2020 sollte man sie auf null Prozent senken. Wenn wir nicht endlich die Anreize für klimaschädliche Biokraftstoffe beseitigen, werden die umweltfreundlichen Energieträger kaum eine Chance haben.“

EBB-Generalsekretär Garofalo hingegen übt Kritik an der zugrundeliegenden GLOBIOM-Studie. Sie stehe nicht für die Ansichten der EU-Kommission, obwohl diese die Untersuchungen in Auftrag gegeben habe. „T&E ignoriert den Mangel an Glaubwürdigkeit der GLOBIOM-Studie und fordert eine Null-Prozent-Grenze für Biokraftstoffe der ersten Generation ab 2020. Dadurch wirbt T&E gewissermaßen für die vermehrte Nutzung von fossilen Energieträgern im Straßenverkehr“, bemängelt Garofalo.

Ihm zufolge sollte man sich eher auf ein anderes Modell beziehen, das vom California Air Resources Board (CARB) entwickelt wurde. CARB ermittelte vor Kurzem gegen die Abgasverstöße in den USA. „Das CARB-iLUC-Modell ist ein offener Prozess mit Möglichkeiten zur Peer-Review . Es hat iLUC-Werte für Biodiesel festgestellt, die vier- bis fünfmal niedriger sind als die der GLOBIOM-Studie“, unterstreicht Garofalo. Am gestrigen Montag bat EurActiv die EU-Kommission um Stellungnahme.

Zeitstrahl

  • Bis Ende 2016: Kommission legt Überarbeitungsvorschläge für die Erneuerbare-Energien-Richtlinie vor.

Weitere Informationen