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24/01/2017

Tschechische Bieter für Vattenfall setzen auf langfristige Kohlenutzung in Deutschland

Energie und Umwelt

Tschechische Bieter für Vattenfall setzen auf langfristige Kohlenutzung in Deutschland

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[glasseyes view/Flickr]

Es könnte sich als riskantes Geschäft herausstellen, aber die tschechischen Kaufinteressenten für Vattenfalls Braunkohlegeschäft setzen auf die Zukunft des fossilen Energieträgers. EurActiv Tschechien berichtet.

Die abschließende Interessentenliste für Vattenfalls Braunkohlegeschäft in Lusatia ist noch immer unbekannt. Nun spekuliert man darüber, wer die potenziellen Erstplatzierten sein könnten und was für Beweggründe hinter einer solchen Übernahme stecken. Laut Informationen des Handelsblattes könnte der deutsche Betreiber Steag am Kauf von fünf Braunkohleminen und vier Kraftwerken in Sachsen und Brandenburg interessiert sein. Derzeit befinden sich diese noch im Besitz des schwedischen Staatsunternehmens Vattenfall.

Steag-Vertreter weigerten sich, Medienanfragen zu kommentieren. Das Unternehmen könnte jedoch ein starker zusätzlicher Konkurrent für die drei tschechischen Energieversorger werden, die vorerst Interesse am Kauf der Vermögenswerte bekundet hatten. Vattenfall hatte in der Vergangenheit angegeben, den Käufer auf Grundlage des angebotenen Preises auszuwählen. Dennoch spekuliert man, deutsche Politiker könnten ein inländisches Unternehmen vorziehen.

Tschechische Interessen

Bisher ging man davon aus, dass das teilstaatliche Unternehmen ?EZ, ein Joint-Venture-Unternehmen des privaten Anbieters EPH und der Finanzgruppe PPF sowie ein Teil des Bergbauunternehmens Czech Coal in den Wettbewerb einsteigen würden, nachdem man der Umweltschutzorganisation Greenpeace das Bieten untersagt hatte.

„Die meisten deutschen Betreiber scheinen es vorzuziehen, in andere Arten der Stromerzeugung zu investieren“, sagte Christine Wörlen, Expertin für die Energiewende und Gründerin der Berliner Agentur Arepo Consult, in einem Gespräch mit EurActiv. Der Bedarf an neuen Kraftwerken sei vor allem in Süddeutschland zu spüren. Es sei daher unter verschiedensten regulatorischen Szenarien von Vorteil, in diesen Teil des Landes zu investieren, erklärte sie.

Michal Šnobr, ein tschechischer Energieanalyst und ?EZ-Minderheitsaktionär, erklärte, Finanzinvestoren würden kaum Interesse am Kauf von Braunkohlegeschäften haben. „Immer mehr Staaten, Finanz- und Investmentfirmen sowie Institutionen wollen nichts mehr mit diesem Geschäftsbereich zu tun haben.“

Natürliches Interesse

Im Gegensatz dazu scheinen tschechische Anbieter ganz versessen darauf zu sein, die Kraftwerke und Bergwerke zu betreiben. Laut ?EZ könne man diese noch jahrelang nutzen.

„2012 nahm man die neuste Anlage im sächsischen Boxberg in Betrieb. Die erwartete Laufzeit beträgt 40 Jahre. Die anderen Anlagen laufen schon etwas länger. Daher müsste man sie wahrscheinlich etwas früher schließen“, erklärte die ?EZ-Sprecherin Barbora P?lpánová EurActiv. In einer Stellungnahme unterstrich das Unternehmen, es würden sich viele Synergieeffekte ergeben. Diese machten die Vattenfallanlagen zu einer solch interessanten Möglichkeit für den Geschäftsausbau.

„?EZ und Czech Coal sind Eigentümer der nahegelegenen Braunkohlebergwerke und der Kraftwerke in Nordböhmen. EPH gehört das Braunkohlegeschäft des Unternehmens Mibarg in Zentraldeutschland. Daher liegt ihren Angeboten eine gewisse Logik zugrunde“, so Šnobr.

Es liege im natürlichen Interesse der tschechischen Betreiber, ihren Marktanteil zu erhöhen, ergänzte Wörlen. „Der tschechische Energiemarkt ist entweder bereits komplett in den größeren deutsch-österreichischen Markt integriert oder aber sehr stark davon abhängig. Indem man die Basis des Geschäftsbereichs ausbaut, erlangt man einen höheren Marktanteil. Das kann wiederum für mehr Widerstandsfähigkeit sorgen.“

Ein riskantes Geschäft

Sollte der neue Vorschlag der deutschen Regierung zur Kohlereserve Anklang bei der EU-Kommission finden, werden die Strompreise ansteigen, während der Wettbewerb unter den großen Kraftwerken nachlässt. Das zumindest hoffen die tschechischen Anbieter, so die Expertin. Nur ein Kraftwerk (Jänschwalde) aus Vattenfalls Bestand soll Teil der Reserve werden.

Die Unternehmen könnten glauben, so Šnobr, man dürfe die inländischen Verbraucher nicht noch weiter belasten und die Zuschüsse zu den Erneuerbaren mit höheren Emissionskosten ergänzen. Auch gingen sie wahrscheinlich davon aus, dass Kohle noch relativ lange als wichtiger, kostengünstiger Brennstoff gelten werde. Nichtsdestotrotz könnte sich ihr Unterfangen als riskant erweisen.

„Wir können die Möglichkeit nicht ausschließen, dass die EU-Kommission die Kapazitätsreserve ablehnt. Dann müsste Deutschland zurück zur Idee einer besonderen Kohlenstoffsteuer. Wenn Deutschland von außen unter Druck steht, konzentriert es sich vielleicht stärker auf einen schnellen Kohleausstieg anstatt auf den geplanten Atomausstieg bis 2022“, mutmaßte Šnobr.

Blick in die Zukunft

?EZ nimmt an, dass die innerdeutsche Debatte zur Zukunft der Braunkohle gerade zum Abschluss kommt. Auch die Unsicherheit gehe zurück. „Natürlich wird die Erzeugung erneuerbarer Energien in Deutschland und der gesamten EU weiter wachsen. Das wird Auswirkungen auf konventionelle Betreiber haben. Das ist jedoch keine direkte Bedrohung, denn wir rechen in all unseren Überlegungen fest mit dieser Entwicklung“, sagte Sprecherin P?lpánová.

Die EPH wollte sich zu den Entwicklungen in Deutschland nicht äußern und auch keine Pläne für die Zukunft bekannt geben. Die Vertreter wollten nämlich zuerst die Verkäufer über ihre Erwägungen informieren. „Wenn wir Erfolg haben, sind wir bereit, besondere Verantwortung beim Finden einer geeigneten Lösung zu übernehmen. Diese besteht womöglich in einem Kompromiss zwischen den betroffenen Regionen, den Handelsverbänden und der Industrie einerseits und der politischen Vertretung sowie den Umweltorganisationen andererseits“, zitierten die tschechischen Medien kürzlich den Vorstand des Unternehmens Daniel K?etínský.

Czech Coal sagte, es warte auf die Einladung zum Due-Dilligence-Verfahren sowie auf die Möglichkeit, eine komplexe Überprüfung und tiefgehende Untersuchung der gebotenen Vermögenswerte durchzuführen. Erst danach würde man über ein eventuelles Angebot entscheiden.

Kohle und Erneuerbare

P?lpánová zufolge sehen ?EZ derzeit von Vattenfall vorgelegte Dokumente durch. Es sei jedoch selbstverständlich, dass das Unternehmen nicht die Absicht habe, den Geschäftsbereich nach dem möglichen Ausschreibungsgewinn zu schließen. „Wir sind ein Unternehmen mit sozialer Verantwortung und dazu verlässlicher Arbeitgeber. Das wollen wir auch in Deutschland unter Beweis stellen. Es wäre nicht der richtige Zeitpunkt, die Kraftwerke abzuschalten. Man braucht sie für den Übergang zu einem dezentralisierten Energiesystem.“

Darüber hinaus ist ?EZ nicht nur an deutscher Braunkohle interessiert, sondern auch an erneuerbaren Energiequellen. Vor Kurzem erwarb es eine Minderheitsbeteiligung beim deutschen Unternehmen für Energiespeichersysteme Sonnenbatterie. Das Unternehmen gab außerdem bekannt, eine Minderheitsbeteiligung der deutschen Firma Sunfire erstanden zu haben. Diese widmet sich der Entwicklung dezentralisierter CO2-armer Technologie.