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01/10/2016

Teures Aus für Braunkohle-Meiler

Energie und Umwelt

Teures Aus für Braunkohle-Meiler

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat sich mit den drei Energiekonzernen RWE, Vattenfall und Mibrag auf einen Plan für das Aus mehrerer Braunkohle-Kraftwerke verständigt.

[Henning Mühlinghaus/Flickr]

In Deutschland sollen in den kommenden Jahren mehr als ein halbes Dutzend Braunkohle-Kraftwerksblöcke zunächst in eine Notfall-Reserve überführt und dann ganz stillgelegt werden. Ein „schmutziger Deal“, kritisieren Umweltverbände.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat sich mit den drei Energiekonzernen RWE, Vattenfall und Mibrag auf einen Fahrplan für das Aus mehrerer Braunkohle-Meiler verständigt. Die Kraftwerksbetreiber sollen für diesen Schritt, mit dem rund 13 Prozent der als unökologisch geltenden Braunkohle-Stromkapazitäten aus dem Markt genommen werden, im Schnitt 230 Millionen Euro im Jahr erhalten, erklärte Gabriel am Samstag.

Für Stromverbraucher könnte die Einigung geringfügig höhere Strom-Preise bedeuten. Die CO2-Emissionen sollen bezogen auf das Zieljahr 2020 um bis zu 12,5 Millionen Tonnen gesenkt werden.

Mit fünf Braunkohle-Kraftwerksblöcken mit je 300 Megawatt Leistung wird der Strom-Riese RWE nach eigenen Angaben den größten Teil der vereinbarten Kapazitäten in eine vierjährige „Sicherheitsbereitschaft“ überführen und dann stilllegen: Betroffen sind Anlagen an den nordrhein-westfälischen Standorten Frimmersdorf, Niederaußem und Neurath. Vattenfall wird zwei 500 Megawatt-Blöcke im brandenburgischen Jänschwalde beisteuern.

Die Gewerkschaft IGBCE sprach von acht Blöcken mit insgesamt 2.700 Megawatt an Leistung, für die die Vereinbarung gelte. Damit sollte auf die ostdeutsche Mibrag, von der keine Stellungnahme zu erhalten war, ein Block mit 200 MW Leistung entfallen.

Gabriel: Beitrag zum Erreichen des Klimaziels

Gabriel verteidigte das Konzept, das noch von den Aufsichtsgremien der Unternehmen abgesegnet werden muss. „Die Maßnahme ist wichtig, um unsere Klimaziele zu erreichen und zugleich sicherzustellen, dass es in den betroffenen Regionen nicht zu Strukturbrüchen kommt.“ Für die Beschäftigten in den betroffenen Regionen und Unternehmen sei das eine „gute und tragfähige Lösung“. Ziel der Bundesregierung ist es, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu mindern. Dazu muss auch die Stromwirtschaft erheblich beitragen.

Die IGBCE lobte das von ihr mitentwickelte Konzept. Ihr Chef Michael Vassiliadis versprach: „Niemand fällt ins Bergfreie.“ Entscheidend sei, dass der Arbeitsplatzabbau ohne Entlassungen gestaltet werden könne. Den betroffenen Regionen im Rheinland und in Ostdeutschland müssten neue Zukunftschancen eröffnet werden.

Dagegen warf der Vize-Fraktionschef der Grünen, Oliver Krischer, Gabriel vor, mit Milliardenkosten eine Kohlereserve zu schaffen, die niemand brauche. „Es geht einzig und allein darum, RWE, Vattenfall und Mibrag milliardenschwere Stilllegungsprämien für altersschwache Kraftwerke zu zahlen“, erklärte er.

Die Linken Energieexpertin Eva Bulling-Schröter monierte, aus dem geplanten Klimabeitrag der privaten Stromwirtschaft sei nun „nach starkem Lobbydruck eine öffentliche Kohlesubvention in Milliardenhöhe geworden“.

Ähnlich positionierten sich Umweltberbände. „Das ist ein milliardenschweres Geschenk an die Kohlekonzerne auf Kosten der Stromkunden“, kritisierte Greenpeace-Energieexperte Niklas Schinerl. Seine Kollegin Tina Löffelsend vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND sprach von einem „schmutzigen Deal“ nach dem Motto „viel Geld für wenig Klimaschutz“. Germanwatch sieht immerhin ein erste Signal, dass in Deutschland Kohlekraftwerke für den Umweltschutz abgeschaltet werden.

Die Wertung der beteiligten Unternehmen fiel anders aus. RWE-Vorstandschef Peter Terium sprach von einem „tiefen Einschnitt, der unserem Unternehmen und unseren Mitarbeitern eine Menge abverlangt“. Mit der Stilllegung von fünf Kraftwerksblöcken mit 1,5 Gigawatt Leistung trage sein Konzern den größten Teil der Last.

Sicherungsnetz gegen Notfälle

Der erste der acht Braunkohle-Blöcke soll zu Winteranfang 2016 in die Reserve überführt werden. Die anderen sieben sollen schrittweise bis 2019 folgen. Mit der „Sicherheitsbereitschaft“ der Braunkohle-Anlagen wird für etwaige Stromengpässe eine zweite Absicherung neben einer kurzfristig nutzbaren Kapazitätsreserve geschaffen.

Im Ministerium wird das mit dem Bild von „Hosenträger zusätzlich zum Gürtel“ beschrieben. Im Wirtschaftsministerium hofft man darauf, dass das vorgeschlagene Konzept von der EU als beihilferechtlich unbedenklich bewertet wird. Ins Bundeskabinett soll die Gesetzesinitiative im November kommen. Beschlossen werden könnte sie dann im ersten Quartal 2016.