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28/09/2016

Studie zur Erderwärmung: Öl, Gas und Kohle müssten vielerorts im Boden bleiben

Energie und Umwelt

Studie zur Erderwärmung: Öl, Gas und Kohle müssten vielerorts im Boden bleiben

Der Braunkohle-Tagebau Garzweiler im Rheinischen Braunkohlerevier. Kohlendioxid-Emissionen und Grundwasserabsenkung sind nur einige der dort verursachten Umweltprobleme.

© Henning Mühlinghaus (CC BY-NC-ND 2.0)

Die weltweiten Reserven an fossilen Brennstoffen sind zwar ohnehin begrenzt. Doch um die Klimaerwärmung aufzuhalten, dürften Forschern zufolge die meisten fossilen Energieträger schon jetzt nicht mehr genutzt werden.

Weltweit hat sich die Politik weitestgehend geeinigt: Der globale Temperaturanstieg durch Treibhausgase muss unbedingt begrenzt werden. Doch um die Klimaerwärmung zu bremsen, müsste Forschern zufolge die Nutzung fossiler Brennstoffe enorm gedrosselt werden.

Laut einer Studie im Fachmagazin „Nature“ müssten dazu in den nächsten 40 Jahren weltweit etwa 80 Prozent der gegenwärtig technisch und wirtschaftlich förderbaren Kohle-, 50 Prozent der Gas- und 30 Prozent der Ölvorkommen im Boden bleiben. Denn bei deren Verbrennung entsteht CO2 – ein Treibhausgas, das die von der Erde abgegebene Wärmestrahlung absorbiert, bevor sie ins All abgestrahlt werden kann.

Nur wenn also Verzicht beim Abbau der Brennstoffe geübt werde, so die Wissenschaftler Paul Ekins und Christophe McGlade, bestünde zumindest eine 50-prozentige Chance, die Erderwärmung auf noch als verträglich geltende zwei Grad über dem vorindustriellen Wert zu begrenzen.

Nur ein Drittel der fossilen Reserven dürfte gefördert werden

Wie frühere Studien bereits errechnet hatten, dürften zwischen 2011 und 2050 nur noch rund 1.100 Gigatonnen Kohlendioxid ausgestoßen werden, um das 2-Grad-Klimaziel zu erreichen. Alle Reserven weltweit haben aber das Potenzial für 11.000 Gigatonnen CO2-Emission.

Diese zu hohen CO2-Ausstoß zu verhindern hieße aber, eine große Menge der Reserven unangetastet zu lassen – ein schmerzhafter Verzicht für all jene Länder, die wirtschaftlich auf ihre fossilen Vorräte angewiesen sind.

Welche Regionen besonders zurücktreten müssten, ermittelten die Forscher mit Hilfe von Computermodellen. Dafür nutzten sie unter anderem Daten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, der Internationalen Energieagentur und des Global Energy Assessment.

Mittlerer Osten müsste die Hälfte des Öls im Boden lassen

Unter Berücksichtigung der jeweiligen regionalen Förderkosten und der angenommenen zukünftigen technologischen Entwicklung errechneten die Wissenschaftler letztlich, in welchen Weltregionen welche Ressourcen günstig abgebaut werden können.

Demnach müsste im Mittleren Osten etwa die Hälfte der förderbaren Ölreserven – rund 260 Milliarden Barrel Öl – im Boden verbleiben. Aber auch die USA und Australien müssten 90 Prozent ihrer derzeit nutzbaren Kohlemengen ungenutzt lassen. China, Indien, Afrika und der Mittlere Osten wiederum müssten die Förderung von unkonventionellen Gasreserven entscheidend eingrenzen. In der Arktis sollte der Abbau fossiler Vorräte völlig unterbleiben.

„Eine Frage der Entschädigung“

Zwar ist die vorliegende Studie nicht die erste ihrer Art. Ihre Stärke liege aber in der detaillierten regionalen Aufspaltung, schreiben Michael Jakob und Jérôme Hilaire vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in einem Kommentar zu der „Nature“-Studie.

Besorgniserregend sei das formulierte Ziel besonders für arme Länder, deren Armut durch eine strengere Klimapolitik noch wachsen könnte, schreiben die Potsdamer Wissenschaftler. „Einige Entwicklungsländer fragen sich natürlich, warum sie ihre vorhandenen Reserven ungenutzt lassen sollten, wenn dies doch ihr vorrangiges Ziel – die Bekämpfung der Armut – erschwert“, sagt Jakob. Eine erfolgreiche Klimapolitik sei darum letztlich eine Frage der Entschädigung, die die betroffenen Staaten etwa aus internationalen Fonds erhalten könnten.

Die Industrieländer müssten dazu aber vermutlich große Anreize schaffen. Denn noch, so hatte kürzlich eine Studie der Bundesanstalt für Gewissenschaften und Rohstoffe kürzlich konstatiert, sei ein Großteil der nicht erneuerbaren Energierohstoffe weltweit reichlich vorhanden. Erdgas und Kohle könnten demnach aus geologischer Sicht trotz eines absehbar steigenden Bedarfs – insbesondere aufgrund des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum der Schwellenländer – noch über viele Jahrzehnte gewährleistet werden.

Hintergrund

Der Europa?ische Rat hatte sich Ende Oktober auf den Rahmen fu?r die Klima- und Energiepolitik bis 2030 fu?r die EU versta?ndigt. Fu?r den bis 2030 zu erreichenden Anteil der erneuerbaren Energien am Energieverbrauch in der EU wird ein EU-Ziel von mindestens 27 Prozent festgesetzt. Dieses Ziel wird auf EU-Ebene verbindlich sein.

Zur Verbesserung der Energieeffizienz bis 2030 wird auf EU-Ebene ein indikatives Ziel von mindestens 27 Prozent vorgegeben. Gebilligt wurde außerdem das verbindliche Ziel, die EU-internen Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren.