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09/12/2016

Studie zum EEG: Fehlanreize noch stärker als erwartet

Energie und Umwelt

Studie zum EEG: Fehlanreize noch stärker als erwartet

Die Photovoltaik-Branche könnte weiter unter Druck geraten. Foto: dpa

Ob Solarpanels auf dem eigenen Dach installiert werden, hängt auch von soziale Faktoren ab, zeigt eine Studie. Die Forscher ziehen daraus auch Schlüsse für das Erneuerbare-Energien-Gesetz.

Um die Energiewende zu erreichen, müssen die erneuerbaren schnellstmöglich ausgebaut werden, heißt es von der Bundesregierung. Unterstützen tun dies auch Stromverbraucher in Deutschland über den Bau von Solarpanels durch eine Abgabe im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG).

Doch während die Solarenergie im Rest der Welt einen steigenden Ausbau erfährt, gehen die Ausbau-Zahlen in Deutschland weiter zurück. Wenn Deutschland seinen Energiebedarf bis 2050 überwiegend oder vollständig aus Erneuerbaren Energien schaffen wolle, so eine Analyse des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme, müssten jährlich dreimal mehr Photovoltaik-Kraftwerke errichtet werden als bisher.

Zwar schaffen immer mehr Menschen und Unternehmen in der Bundesrepublik Solarpanels an. Doch die Fehlanreize durch die gegenwärtige EEG-Förderung sind noch stärker als allgemein erwartet, zeigt nun eine Studie, die den sozialen Faktoren bei der Anschaffung von Solarpanels auf den Grund gegangen ist.

Wo und von wem Solarpanels besonders häufig installiert werden, hängt demnach nicht unbedingt davon ab, ob die Region sonnenarm oder sonnenreich ist und wie die Hausinhaber finanziell aufgestellt sind, stellte das Forscherteam um den Mannheimer Ökonomen Christoph Siemroth in der Untersuchung fest. Stattdessen konzentrieren sich die Panels in Deutschland stark in bestimmten Regionen – wenn Nachbarn und Bekannte auch eins haben.

„Aus wirtschaftlicher Perspektive ineffizient“

Das Ergebnis der ausgewerteten Daten der vier deutschen Netzbetreiber von rund 11.000 Gemeindepaaren zeigte: Die Anzahl der neu installierten Panels ist in Gemeinden mit existierenden Solarpanels um etwa 50 Prozent höher als in den vergleichbaren Gemeinden ohne Panels – und das in abgeschwächter Form auch in weniger geeigneten Gebieten mit niedriger Sonneneinstrahlung.

Die über dem Marktniveau liegenden EEG-Zahlungen machen somit den Panelausbau auch in Gebieten attraktiv, wo es sich weniger lohnt zu installieren, konstatieren die Studieautoren. „Aus wirtschaftlicher Perspektive ist dies ineffizient, da das gleiche Panel an anderer Stelle in Deutschland deutlich mehr Strom produzieren könnte“, so Siemroth.

Siemroth und seine Kollegen ziehen daher folgende Schlüsse, wie die Kosten der Energiewende zu senken wären: „Die Fehlanreize durch die gegenwärtige Förderung des EEG sind noch stärker als allgemein erwartet. Die Entlohnung der Solarpanels sollte umso mehr wettbewerbsorientiert gestaltet werden.“ Ein geeignetes Auktionsverfahren etwa würde den Zuschlag vorrangig an die Panelbetreiber geben, die am günstigsten produzieren, und das würde auch den Nachahmungsausbau in Gegenden mit ineffizient niedriger Sonneneinstrahlung beschränken.

EEG-Novelle: Ausbauziele dringend anpassen

Ob die EEG-Novelle, deren Entwurf am Freitag im Bundestag verabschiedet werden soll, dem Vorschlag entgegenkommt, wird sich zeigen. Der Wettbewerb bei der EEG-Förderung würde demnach künftig eine entscheidende Rolle spielen, indem der Bau neuer Windkraft-, Photovoltaik- und Biomasseanlagen ausgeschrieben wird, damit „die Zahlungen, die die erneuerbaren Energien für den Betrieb ihrer Anlagen benötigen, wettbewerblich ermittelt werden“ können, heißt es in dem Gesetzentwurf.

Die schleswig-holsteinische Bundestagsabgeordnete Nina Scheer, auch Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, warnte jedoch, die Ausbauziele müssten dringend angepasst werden. Mit dem mengenbegrenzenden Instrument von Ausschreibungen und den vorgesehenen Ausbaumengen in dem Entwurf zur EEG 2016 bestehe die Gefahr, dass die jährliche Ausbaumenge massiv zurückgeht. „Gemessen an den Klimaschutzzielen und dem steigenden Bedarf erneuerbarer Energien auch für die Bereiche Wärme und Verkehr ist eine Ausbaubremse der falsche Weg.“

Hintergrund

Noch nie zuvor gab es schnellere Fortschritte bei den Energietechnologien als im Bereich der europäischen Solarkraft. Laut einer Mitteilung von PowerSolar Europe, dem europäischen Verband der Solarindustrie, konnte Europa zuletzt eine Rekordsolarkapazität von mehr als 100 Gigawatt in die Stromnetze einspeisen.

Auch wenn die Solarenergieerzeugung damit noch immer um 40 Prozent hinter der Winkkraft zurückliegt, zeigt sie doch eine weitaus höhere Wachstumsrate. Zwischen 2005 und 2016 hat sich die Stromerzeugung der europäischen Windparks verdreifacht, während die Solarenergiegewinnung im selben Zeitraum von drei Gigawatt auf 100 Gigawatt wuchs – eine Erhöhung um das 33-fache.

In Deutschland, wo der Kauf von Solarstromspeichern ebenso gefördert wird wie die Solarstromerzeugung, deckte die Solarenergie aus rund 1,5 Millionen Solaranlagen im Jahr 2015 laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme mit einer geschätzten Stromerzeugung von 38,5 Terawattstunden rund 7,5 Prozent des Netto-Stromverbrauchs. Rein rechnerisch entspricht das dem Jahresstromverbrauch von mehr als zehn Millionen Dreipersonenhaushalten.

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