EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

23/07/2016

Studie: Produktion von Biokraftstoff auch mit geringen Umweltschäden möglich

Energie und Umwelt

Studie: Produktion von Biokraftstoff auch mit geringen Umweltschäden möglich

Die indirekte Landnutzungsänderung bei der Biokraftstoffen kann Utrechter Forschern zufolge vemieden werden. Foto: Roland Peschetz/Flickr

Die EU-Mitgliedsstaaten könnten ihre Produktion von Biokraftstoffen erhöhen, ohne dadurch mehr Wälder zu zerstören und die Umwelt schwer zu belasten, sagt eine Studie. EurActiv Brüssel berichtet. 

Biokraftstoffe sind die wichtigste grüne Alternative zu fossilen Brennstoffen für den Verkehrssektor. Allerdings konkurrieren sie mit Nahrungsmitteln, die auf denselben landwirtschaftlichen Nutzflächen angebaut werden müssen.

Deshalb werden Wälder in landwirtschaftliche Nutzflächen verwandelt, um die Anbaufläche für Nahrungsmittel zu vergrößern. Das ist die sogenannte indirekte Landnutzungsänderung (ILUC).

ILUC wird von Umweltaktivisten als großes Problem gesehen und sorgt für hitzige Debatten unter den politischen Entscheidern. Es stellt sich darum die Frage, wie die Produktion erneuerbarer Energien erhöht werden kann, ohne die Landnutzung zu beeinflussen.

Forscher der Universität Utrecht könnten mit ihrer Studie jetzt eine Lösung gefunden haben, wie man ILUC vermeiden kann. Ihnen zufolge kann es gelingen, wenn man unzureichend genutztes Land für die zusätzliche Produktion von Biokraftstoffen nutzt. Die Utrechter Wissenschaftler forschten über einen Zeitraum von zwei Jahren. Das niederländische Ministerium für Infrastruktur und die Umwelt finanzierte das Projekt.

“Auf diese Art müssen Nutzpflanzen nicht anderswo angebaut werden und es gibt keinen Grund Naturflächen in zusätzliche Anbaufläche zu verwandeln”, so Birka Wicke, Wissenschaftlerin an der Universität Utrecht.

Die Wissenschaftler forschten über zwei Jahre lang in Indonesien, Polen, Rumänien und Ungarn. Dabei zeigte sich, wie viele zusätzliche Ausgangsstoffe für Biokraftstoff in bestimmten Regionen mit geringem ILUC-Risiko produziert werden können.

Wicke berichtet von einem Beispiel in Polen: “Die landwirtschaftliche Nutzfläche in einer einzigen Woiwodschaft hat das Potenzial, das insgesamte Ziel des Landes für Biokraftstoffe der zweiten Generation bis 2020 zu erfüllen – ohne ILUC zu verursachen”.

Auch für Ungarn könnte es der Studie zufolge mit der Umsetzung einiger ihrer Empfehlungen viel Biokraftstoff mit geringem ILUC-Risiko geben. Die Forscher gehen von 1,2 – 5,2 Milliarden Liter Bioethanol aus Mais bis 2020 aus.

“Die Ertragssteigerung ist die wichtigste Maßnahme zur Realisierung des Potenzials”, so die Wissenschaftler.

“Es ist aber wichtig, dass Europa eine Strategie zur Maximierung der Synergien zwischen Landwirtschaft und Bioenergie entwickelt. Die Maßnahmen, die sich nur auf Biokraftstoffe konzentrieren, werden zur Vermeidung von ILUC nicht genug sein.”

Diese Befunde würden die Spielregeln in der ILUC-Debatte vollkommen verändern, meint der Verband für erneuerbares europäisches Ethanol, ePure.

“Es gibt in Europa großes Potenzial für die Produktion nachhaltiger Biokraftstoffe mit wenigen oder keinen ILUC-Auswirkungen, aber wir müssen diese Vorteile verwirklichen – mehr Arbeitsplätze, bessere Ressourceneffizienz und die Reduzierung der Treibhausgasemissionen im Verkehr”, so ePure.

Das Europaparlament beginnt mit der zweiten Lesung über die europäische Biokraftstoff-Politik. Die Utrechter Forscher empfehlen den EU-Ländern eine Erhöhung ihrer Investitionen im landwirtschaftlichen Sektor sowie die Erhöhung der Produktivität und Ressourceneffizienz. Ihnen zufolge sind Unterstützung und Anreize zur Produktion auf derzeit unbenutzten Anbauflächen ebenfalls wichtige Maßnahmen. Sie könnten ebenfalls zur Reduzierung der negativen ILUC-Folgen beitragen.

Robert Wright, ePure-Generalsekretär sagt: “Die politischen Entscheider sollten Mittel und Wege finden, die es Biokraftstoffen mit geringem ILUC-Risiko ermöglichen zu den Energie- und Klimazielen der EU im Bereich Transport beitragen.”

Positionen

Faustine Defossez, Referentin für Landwirtschaft beim Europäischen Umweltbüro sagt:

"Eine Biokraftstoff-Produktion mit geringem ILUC-Risiko wird es nur geben, wenn Regeln geschaffen werden, die die Investitionen in ihre Produktion nach oben treiben. Diese Regeln müssten zuallererst eine korrekte Kohlenstoffberechnung für Biokraftstoffe gewährleisten, welche die ILUC-Faktoren und eine Deckelung für Biokraftstoffe vom Land bei derzeitigen Verbrauchsraten aufnimmt."

 

Hintergrund

Biokraftstoffe sind die wichtigste grüne Alternative zu fossilen Brennstoffen für den Verkehrssektor. Allerdings konkurrieren sie mit dem Nahrungsmittelanbau, der auf demselben Agrarland angebaut werden muss. Das Getreide, das durch die anderweitige Nutzung entfällt, muss ersetzt werden, um einem Nahrungsmittelausfall vorzubeugen.

Deshalb werden üblicherweise Wälder, Grasland und Feuchtgebiete in landwirtschaftliche Nutzfläche verwandelt, um die Anbaufläche für Nahrungsmittel zu vergrößern. Das ist die sogenannte indirekte Landnutzungsänderung (ILUC).

Damit werden aber auch die Kohlenstoffaufnahmespeicher in zunehmendem Maße aufgebraucht. Dieser Prozess wird durch das Verbrennen von Wäldern noch verstärkt. Zusätzliche werden große Mengen von Treibhausgas-Emissionen in die Atmosphäre gepumpt.

Die Kommission führte über 15 Studien über verschiedene Biokraftstoffe durch. Demnach wird Europas Biokraftstoff-Politik in den nächsten zehn Jahren einen indirekten Einfluss auf eine Fläche von 4,5 Millionen Hektar- ein Gebiet von der Größe Dänemarks-haben. 

Weitere Informationen