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29/08/2016

Studie: Deutschland trotz Energiewende noch Jahrzehnte von Kohle, Gas und Öl abhängig

Energie und Umwelt

Studie: Deutschland trotz Energiewende noch Jahrzehnte von Kohle, Gas und Öl abhängig

Trotz ehrgeiziger Ziele zu den Erneuerbaren Energien: Kohlekraft wird in Deutschland nch Dekaden wichtig bleiben.

© Wolfgang Staudt (CC BY-NC-ND 2.0)

Bis 2022 raus aus dem Atomstrom und hin zu den Erneuerbaren – das ist das Ziel der Bundesregierung. Doch einer Studie zufolge wird Deutschland während der Energiewende noch für viele Jahre auf fossile Energiequellen wie Öl, Kohle und Gas angewiesen sein. Diese Energieträger dürften aber noch für Jahrzehnte reichen.

Trotz Energiewende und des kürzlich beschlossenen Nationalen Aktionsplans Energieeffizienz hat Deutschland beim Ausstieg aus den nicht erneuerbaren Energien noch einen langen Weg vor sich. Eine am heutigen Mittwoch veröffentlichten Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) geht davon aus, dass das Land noch Jahrzehnte von fossilen Energieträgern wie Öl, Gas und Kohle abhängig sein wird. 

“Mögen die regenerativen Energien in der öffentlichen Wahrnehmung dominieren, so wird dessen ungeachtet Deutschland noch über Dekaden in einem Energiemix auch auf nicht-erneuerbare Energieträger angewiesen sein, um einen sicheren Übergang in ein kohlenstoffarmes Energiesystem zu erreichen”, schreiben die Autoren der Studie.

Auch mehr als zehn Jahre nach Einleitung der Energiewende, so die Erkenntnis, tragen Erdöl, Erdgas, Steinkohle und Braunkohle mit rund 80 Prozent den größten Teil zur Deckung des deutschen Energieverbrauchs. Durch die Beschlüsse zur Förderung der erneuerbaren Energien und zum Ausstieg aus der Kernenergie stieg der Anteil der erneuerbaren Energien 2013 bislang um knapp fünf Prozent.

Weiter Weg zur Verringerung der Treibgasemmissionen

Die Studie bestätigt damit die Kritik, die vor wenigen Tagen durch eine von der Bundesregierung selbst bestellte Expertenkommission vorgetragen wurde. Die neuen Aktionspläne der Bundesregierung zu Klimaschutz und Energieeffizienz seien unkonkret und nicht ausreichend, um die Ziele zu erreichen, kritisierte das vierköpfige Professorengremium.

Auch dem vor wenigen Tagen vorgestellten weltweiten Klimaschutz-Index der NGO Germanwatch zufolge steigen in Deutschland die CO2-Emissionen aus der Kohleverstromung bislang weiter. Unter den 58 größten CO2-Emittenten belegt Deutschland demnach Platz 22.

Der Anfang Dezember beschlossene Aktionsplan Klimaschutz der Bundesregierung will das ändern. Das nächste Etappenziel ist es demnach, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken.

“Wir sorgen dafür, dass die Energieeffizienz endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient”, bewarb Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) das Papier. Und auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) gab sich überzeugt: “Deutschland schafft sein Klimaziel.”

Erdöl könnte bald knapp werden

Doch der Weg hin zu mehr Erneuerbaren scheint noch lang. Selbst die Erdölförderung in Deutschland, die im internationalen Maßstab der Erdölproduzenten vernachlässigbar ist, hat laut der neuesten BGL-Studie im Jahr 2013 mehr zur heimischen Energieversorgung beigetragen als die gesamte inländische Photovoltaik.

Auch weltweit ist Erdöl derzeit der wichtigste Energielieferant. Der Anteil an Erdöl am Welt-Primärenergieverbrauch liegt etwa bei einem Drittel. Dies werde sich der Studie zufolge in den kommenden Jahren nicht ändern.

In den kommenden Jahrzehnten werde sich die steigende Nachfrage nach Erdöl allerdings  wahrscheinlich nicht mehr decken lassen. Daran ändere auch die zunehmende Nutzung von nicht-konventionellen Reserven wie Schieferöl langfristig nichts, heißt es darin.

Die meisten konventionellen Energiequellen sprudeln noch länger

Ein Großteil der nicht erneuerbaren Energierohstoffe ist laut der BGR-Vorhersage aber weltweit noch reichlich vorhanden. So könne die Versorgung mit Erdgas und Kohle aus geologischer Sicht trotz eines absehbar steigenden Bedarfs – insbesondere aufgrund des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum der Schwellenländer – noch über viele Jahrzehnte gewährleistet werden.

Bei aller Vorsicht, mit der die BGR-Studie dem Umstieg in die Erneuerbaren entgegensieht, gibt sie sich aber vorsichtig optimistisch, was den grundsätzlichen Energieverbrauch in der Zukunft betrifft.

Zwar steige die weltweite Nachfrage nach Energie seit Jahrzehnten nahezu ungebrochen an, schreiben die Wissenschaftler. Doch die seit Jahren rückläufigen Energieintensitäten insbesondere in den Ländern der OECD würden zeigen, dass ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts mittlerweile auch ohne steigenden Energiebedarf möglich sind.

Hintergrund

Der Europa?ische Rat hatte sich Ende Oktober auf den Rahmen fu?r die Klima- und Energiepolitik bis 2030 fu?r die EU versta?ndigt. Fu?r den bis 2030 zu erreichenden Anteil der erneuerbaren Energien am Energieverbrauch in der EU wird ein EU-Ziel von mindestens 27 Prozent festgesetzt. Dieses Ziel wird auf EU-Ebene verbindlich sein.

Zur Verbesserung der Energieeffizienz bis 2030 wird auf EU-Ebene ein indikatives Ziel von mindestens 27 Prozent vorgegeben. Gebilligt wurde außerdem das verbindliche Ziel, die EU-internen Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren.

Bei der UN-Klimakonferenz Ende 2015 in Paris sollen die Teilnehmerstaaten weltweit verbindliche Klimaziele festlegen.