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27/09/2016

Stahlhersteller fürchten Mehrkosten durch ETS-Reform

Energie und Umwelt

Stahlhersteller fürchten Mehrkosten durch ETS-Reform

Ein Hochofen der Redcar-Stahlwerke in Großbritannien.

[Archangel12/Flickr]

Eine Reform des Kohlenstoffmarktes könnte ab 2020 die Produktionskosten in der Stahlindustrie erheblich steigern. Um diesen Differenzbetrag auszugleichen, setzt die EU-Kommission auf billige Energie sowie auf Technologien zur CO2-Abscheidung und -Sequestierung. EurActiv Frankreich berichtet.

Seit 2005 sind Stahlhersteller und andere Industriezweige unter dem EU-Emissionshandelssystem (ETS) dazu angehalten, ihre CO2-Emissionen zu senken. Die Stahlproduktion ist ein sehr CO2- intensiver Prozess, bei dem Eisenerz mit Kokskohle eingeschmolzen wird.

EU-weit gibt es 437 Hochöfen – beziehungsweise 620, wenn man jene mit verwandten Tätigkeiten dazuzählt. Mit 160 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr produzieren sie den größten Kohlenstoffaustoß in der europäischen Industrie. Die Stahlerzeugung ist Schätzungen zufolge für fünf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich.

Aufgrund der Schließung und eingeschränkten Nutzung einiger Hochöfen in Europa, ging die Stahlproduktion zurück. Somit galt das ETS für die Industrie in den letzten zehn Jahren eher als Einnahmequelle und nicht als Kostenfaktor. Dieses Phänomen hat mit dem verlangsamten Wirtschaftswachstum zu tun und beschränkt sich nicht nur auf die Stahlbranche. Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch in anderen CO2-intensiven und konjunktursensiblen Wirtschaftszweigen feststellen wie zum Beispiel in der Zementindustrie oder der Petrochemie.

Eine im März 2016 veröffentlichte Studie der Umweltberatung CE Delft zeigt: Der Stahlsektor profitierte letzten Endes vom Kohlenstoffmarkt, da es in manchen Ländern zu viele CO2-Zertifikate gab. Außerdem kamen der Industrie die erhöhten Stahlpreise entgegen, die sie für ihre angeblichen CO2-Mehrkosten entschädigen sollten.

Die Situation ist innerhalb der EU jedoch sehr unterschiedlich. Zwischen 2008 und 2014 erhielten französische Stahlproduzenten keine zusätzlichen CO2-Zertifikate. Sie mussten sogar zusätzliche Emissionsrechte für elf Millionen Tonnen CO2 erstehen, um ihren Gesamtausstoß von 136 Millionen Tonnen zu decken.

In Großbritannien emittierte die Branche weitaus weniger CO2 als erwartet. Dadurch entstanden ihr keine Zusatzkosten für den Kohlenstoffausstoß. Im Gegenteil: Die Stahlindustrie konnte sogar überschüssige CO2-Zertifikate auf dem Emissionsmarkt verkaufen. CE Delft zufolge strich die britische Stahlindustrie auf diese Weise etwa 163 Millionen Euro zwischen 2008 und 2014 ein.

Mehrkosten ab 2020

Nun zeichnet sich ein strikteres ETS am Horizont ab. Die fetten Jahre der Industrie scheinen vorbei. Der CO2-Markt soll revolutioniert werden, wie die EU-Kommission vergangenen Juli bekannt gab. Das bedeutet hitzige Diskussionen. Denn das neue ETS sieht eine jährliche Verringerung der CO2-Zertifikatszahlen vor, die den kohlenstoffintensiven Branchen zur Verfügung stehen. Die freie Vergabe von Emissionsrechten soll dann weitestgehend der Vergangenheit angehören. Stattdessen will man sie an den Höchstbietenden versteigern.

Ab 2020 könnten somit im Stahlsektor eine Vielzahl von Zertifikaten fehlen, bestätigt eine Ecofys-Studie die vom europäischen Stahlverband Eurofer in Auftrag gegeben wurde. Dies würde die Produktionskosten erheblich steigern. Die Differenz könnte 2021 schon bei 31 Prozent der CO2-Emissionen liegen und bis 2030 auf 48 Prozent steigen. In diesem Zeitraum stünde die Industrie somit zusätzlichen Kosten in Höhe von 26,1 Milliarden Euro gegenüber, so Eurofer. Diese Mehrausgaben entsprechen den Preisen für CO2-Zertifikate und den indirekten Kosten für den Stromverbrauch. Insgesamt geht die Industrie davon aus, dass das neue ETS die Produktionskosten für Stahl um 28 Euro pro Tonne erhöhen wird.

Jedoch stimmen nicht alle mit diesen Hochrechnungen überein. Die NGO Sandbag bestreitet Eurofers Zahlen.  Die Vorhersagen einer fünfprozentigen Produktionssteigerung bis 2020 seien zu wohlwollend. Eurofer habe außerdem verpasst, die derzeit überschüssigen Emissionsrechte mit einzubeziehen. Diese könnten die zukünftigen Kosten ausgleichen, so Sandbag.

CCS-Technologien weiterhin nur Theorie

Die europäische Stahlindustrie habe es zweifellos nicht leicht, gestand EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete am 19. April bei einer Anhörung vor dem Umweltausschuss des EU-Parlaments. Hauptgrund dafür sei aber nicht der CO2-Preis in Europa. „Für das Stahlproblem sind vor allem die chinesische Stahlproduktion und die hohen Strompreise in der EU verantwortlich. Letztere versuchen wir im Rahmen der Energieunion anzugehen“, so der Kommissar.

EU-Kommission sehe vor allem in den Technologien zur CO2-Abscheidung und -Sequestierung (CSS) eine langfristige Lösung für die Stahlindustrie, erklärt Cañete. Das Unternehmen ArcelorMittal widmete sich diesen Möglichkeiten im Rahmen des Ulcos-Projekts in der französischen Region Lorraine. 2012 wurde das Projekt jedoch fallen gelassen, auch wenn das Unternehmen noch immer behauptet, es liege nur auf Eis.

Auf europäischer Ebene gibt es noch immer einen Fördermechanismus für CSS-Projekte: das Programm NER 300. Theoretisch finanziert es sich aus dem Verkauf von Emissionsrechten. Um das Programm steht es jedoch alles andere als gut. Die meisten Projekte mussten aufgrund fehlender Mittel abgesagt werden.