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29/09/2016

Schmetterlings- und Bienensterben: Landwirtschaft muss sich ändern

Energie und Umwelt

Schmetterlings- und Bienensterben: Landwirtschaft muss sich ändern

Mehr als 75 Prozent der am häufigsten angebauten Pflanzenarten sind auf die Bestäubung durch Bienen und Schmetterlinge angewiesen.

[Andy Murray/Flickr]

Bestäubende Insekten stehen Bedrohungen nie dagewesenen Ausmaßes gegenüber. Zu keinem Zeitpunkt war der Mensch jedoch mehr auf sie angewiesen. EurActiv-Kooperationspartner Journal de l’environnement berichtet.

Die internationale Wissenschaftsplattform für biologische Vielfalt IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) nimmt ihre Arbeit auf. Ihr erster Schwerpunkt: Bestäuberschutz.

Dass Bienen und Schmetterlinge gefährdet sind, ist nichts Neues. Dennoch hofft IPBES, dass ihre ersten politischen Empfehlungen dabei helfen werden, die weltweiten Bestäuberbestände zu schützen. Deren Rückgang könnte katastrophale Folgen für die Menschheit haben.

Von der vierten Plenarsitzung der Organisation in Kuala Lumpur bishin zur am 26. Februar veröffentlichten Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger – IPBES betont unermüdlich, wie wichtig Bestäuber für die Landwirtschaft sind. Mehr als 75 Prozent der am häufigsten angebauten Pflanzenarten sind auf die Bestäubung von Insekten angewiesen. Ihr Anbau macht mehr als ein Drittel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche aus. Schätzungen zufolge ist die Bestäubung für Agrarerzeugnisse im Wert von 235 bis 577 Milliarden Dollar im Jahr verantwortlich. Durch die zunehmende landwirtschaftliche Produktion, stieg unsere Abhängigkeit von Bestäubern in den letzten fünfzig Jahren sogar um mehr als 300 Prozent.

Weltweiter Rückgang

Die Weltbevölkerung wächst rasant. In einer solchen Zeit sollten landwirtschaftliche Verfahren nicht zum Rückgang der Bestäuberzahlen führen. Doch genau das ist momentan der Fall. In Europa und Nordamerika geraten wilde Bienen- oder Schmetterlingsarten zunehmend unter Druck. Die Daten anderer Kontinente sind zwar weniger verlässlich, doch zeigen viele Lokalstudien, dass es sich bei dem Populationsschwund um ein weltweites Phänomen handelt.

IPBES kennt viele Gründe für diese Entwicklung: die Verschlechterung des Lebensraums, vermehrter Pestizideinsatz (vor allem von Neonicotinoiden), die Verbreitung von Erregern wie Varroa (einer Milbe, die Honigbienen befällt), invasive Spezies wie die Asiatische Riesenhornisse und sogar der Klimawandel. Darüber hinaus verweist IPBES auch auf weniger bekannte Ursachen wie die Herbizidnutzung. Diese Chemikalien senken das Nahrungsangebot für Bestäuber, indem sie die Vielfalt von Blumen und Pflanzen in einem bestimmten Gebiet reduzieren.

Die EU erwägt derzeit einen teilweisen Zulassungsstopp für drei Neonicotinoidarten. Vor diesem Hintergrund plant der Verband Pollinis, dem EU-Parlament Anfang März seine „StopNeonics!“-Petition vorzulegen. Diese wurde im Mai 2012 ins Leben gerufen und hat bereits mehr als eine Million Unterschriften. Ihre Forderung: ein endgültiges Verbot von all solchen Pestizidarten.

Der Einfluss von GVOs

Überraschenderweise bleiben viele andere Faktoren, die die Bestäuberbestände beeinflussen, weitgehend unbekannt. Laut IPBES könnten sich zum Beispiel auch herbizidresistente GVOs (genetisch veränderte Organismen) negativ auf die Populationszahlen auswirken, da sie zum Einsatz chemischer Produkte verleiten. Dieses Thema ist jedoch noch lange nicht geklärt: Manche Experten gehen nämlich davon aus, dass Bestäuber durchaus von insektenresistenten GVOs profitieren könnten. Um diesbezüglich verlässliche Schlussfolgerungen ziehen zu können, fehlt es jedoch an Daten.

Selbst ohne den Einsatz chemischer Produkte schadet der Mensch den bestäubenden Insekten. In ihrer Zusammenfassung verweist IPBES auf Nord- und Südamerika. Dort hätten die Bienenbestände stark abgenommen, da kommerzielle Imker mit der Zucht europäischer Spezies auch Parasiten eingeführt hätten. So wurde das Flügeldeformationsvirus (DWV) erst durch den Handel mit europäischen Honigbienen zu einem globalen Problem, wie eine Studie von Anfang Februar zeigt.

Wie kann man also dem Sterben entgegentreten? IPBES empfiehlt mehrere allgemeine Veränderungen in der landwirtschaftlichen Praxis: So könne man den Bioanbau fördern, möglichst verschiedene Pflanzenarten kultivieren, den Pestizideinsatz beschränken, der Verwehung von Pestiziden entgegenwirken und Blühstreifen entlang der Ackergrenzen anlegen.