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26/09/2016

Mittelmeerstaaten stellen Weichen für COP22 in Marrakesch

Energie und Umwelt

Mittelmeerstaaten stellen Weichen für COP22 in Marrakesch

MedCOP-Klimakonferenz in Tanger, 18.-19. Juli 2016.

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Keine halbes Jahr mehr bis zur nächsten Weltklimakonferenz in Marrakesch. Jetzt wollen die Mittelmeerstaaten die Umsetzung der COP21-Ziele beschleunigen und sowohl nationale als auch internationale Klimainitiativen fördern. EurActiv Brüssel berichtet.

Am gestrigen Montag trafen sich mehr als 2.000 Interessenvertreter verschiedener Mittelmeerstaaten zur MedCOP-Klimakonferenz im marokkanischen Tanger. Dort rief man die Teilnehmer zum Handel auf, denn der Mittelmeerraum zählt zu jenen Gebieten, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind.

„Man muss dringend handeln, bevor die Stabilitäts- und Sicherheitslage außer Kontrolle gerät“, warnt Salaheddine Mezouar, Vorsitzender der UN-Klimakonferenz 2016 (COP22). Es mangle an konkreten Maßnahmen zur Umsetzung der COP21-Klimazusagen.

Den Pariser Klimavertrag pries man lange Zeit als Anfang vom Ende der fossilen Brennstoffindustrie. Er galt als klares Signal an die Märkte, auf grüne Investitionen und Innovationen zu setzen. Trotz des richtungsweisenden Vertrags jedoch reichen die Zusagen, die die Länder noch im Vorfeld der COP21 gemacht hatten, nicht aus, um die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf zwei Grad zu begrenzen. Schon ein Anstieg um besagte zwei Grad hätte ernsthafte Folgen für Mensch und Umwelt.

„Als Mittelmeeranrainer stehen wir nicht nur vor den gleichen sozio-ökonomischen und geopolitischen Herausforderungen, sondern auch vor den gleichen Umweltproblemen. Denn unsere Territorien sind dem Klimawandel sehr stark ausgesetzt“, betont König Mohamed VI von Marokko in seiner Konferenzansprache. Das bestätigt auch der Weltklimarat (IPCC). Während sich weltweit die Temperaturen erhöhen, könnte die Niederschlagsmenge bis 2100 um 60 Prozent zurückgehen und der Meeresspiegel im Mittelmeer um 0,4 bis 0,5 Meter ansteigen.

„Der Mittelmeerraum hat jedoch die Möglichkeit, die notwendigen Maßnahmen zur Senkung des CO2-Ausstoßes und Anpassung an den Klimawandel als Sprungbrett für eine inklusive, erfolgreiche und nachhaltige Entwicklung zu nutzen“, so König Mohamed VI. Gemeinsames Handeln werde auch internationale Anerkennung bringen.

Die marokkanische Präsidentschaft der kommenden COP will sich auf vier Bereiche konzentrieren: die tatsächliche Umsetzung der nationalen Beiträge (INDCs), die Mobilisierung von Fördermitteln, stärkere Anpassungsmaßnahmen und die technologische Entwicklung.

„Wir müssen Länder dazu ermutigen, freiwillig einen Beitrag zu leisten und diesen in eine integrierte öffentliche Politik einzubetten“, erklärt die marokkanische Umweltministerin Hakima El Haité. Man brauche ein Abkommen, das den verschmutzenden Industriesektoren die Subventionen entziehe und die Mittel in die erneuerbaren Energien umleite. Auch den finanziellen Investitionsstrom müsste man ihr zufolge neu ausrichten.

Klimafinanzierung ist nicht das Problem

Dachte man noch über Jahre hinweg, fehlende private Mittel hielten die Energiewende auf, verweisen Experten nun auf den Mangel an Projekten. Einer von ihnen ist Benoit Leguet, Generaldirektor des Pariser Think-Tanks Institute for climate economics: „Das Geld ist da, aber vielleicht fehlen die Projekte.“

„Die benötigten Investitionen, um die Erderwärmung auf zwei Grad [unter vorindustriellen Werten] zu begrenzen, sind nicht viel höher, als wenn wir sie nur auf sechs Grad beschränken wollten“, betont Leguet. Untätigkeit sei viel teurer.

Nationale Volkswirtschaften müssten Gelder mobilisieren und mit dem Silodenken aufhören, meinen Experten. Außerdem sei es klüger, CO2-Minderungsmaßnahmen mit Schritten zur Anpassung an den Klimawandel zu verbinden. Projekte sollten ihnen zufolge beide Ansätze umfassen und so eine vervielfachende Wirkung haben. Gleichzeitig müssten sich Städte und Regionen zusammentun, um bankfähige Projekte auf die Beine zu stellen.

Die größte Herausforderung besteht jedoch meist in der Strukturierung der Projekte, nicht der Ideen. Diesem Problem widmen sich Netzwerke wie Nazca. Die globale Plattform vereint Klimazusagen von Unternehmen, Städten, innerstaatlichen Gebietskörperschaften, Investoren und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Mittlerweile sind bereits mehr als 11.000 Engagements im Netzwerk verzeichnet.

Vergemeinschaftung von Klimainitiativen

„Wir müssen einen Weg finden, mehrere Projekte gemeinsam zu verwalten und bankfähig zu machen“, fordert Guy Fleuret von der Union für den Mittelmeerraum (UfM). Manche Lokalbehörden besäßen bereits den richtigen Instinkt und gute Initiativen. Diese wären jedoch viel erfolgversprechender und somit attraktiver für Investoren, wenn sie ein ganzes Netzwerk nutzen würden.

In der Türkei ist es Nazda gelungen, 25 Akteure in Kooperationen einzubinden und 73 individuelle Interessenvertreter zu mobilisieren. Zum Vergleich: Tunesische Akteure waren an nur einem einzigen Kooperationsprojekt beteiligt.

Über das gemeinsame politische Programm hinaus gebe es eindeutig auch die Möglichkeit, eine gemeinsame strategische Klima- und Entwicklungs-Vision in der Region zu erarbeiten, unterstreicht Fathallah Sijilmassi, UfM-Generalsekretär. Diese könne bestimmte EU-Länder sowie südliche und östliche Mittelmeerstaaten zusammenbringen und als Forum für den Ideenaustausch dienen. Darüber hinaus könnten dort auch Anstöße für Kooperationen gegeben werden. Der Wissensaustausch finde dann von Norden nach Süden und umgekehrt statt, fügt Sijilmassi hinzu. Als Beispiel führt er dabei die landwirtschaftlichen Verfahren auf, die in den wüstenartigen Regionen des südlichen Mittelmeerraums entwickelt wurden.

Auch über die UfM gehen zahlreiche Projekte an den Start. Jüngstes Beispiel ist hier die UfM Energy University, gesponsert von Schneider Electric. Sie bietet Ingenieuren und Experten der Energiebranche aus der UfM kostenlose Online-Kurse.

Geopolitische Stärke

Nord-Süd-Partnerschaften seien von besonders großer Bedeutung in Anbetracht der zentralen Lage des Mittelmeerraums und der euromediterran-afrikanischen Dimension, so der UfM-Generalsekretär. „Diese Zentralität ist heutzutage wichtiger denn je – vor allem, aber nicht ausschließlich – wenn es um das Thema Migration geht.“

Hintergrund

Die 22. Sitzung der Vertragsstaatenkonferenz (COP 22) zur UN-Klimarahmenkonvention wird vom 7.-18. November 2016 in Marrakesch stattfinden. Bei der COP22 werden die Parteien unter anderem damit beginnen, das Inkrafttreten des Pariser Vertrags vorzubereiten.

Zeitstrahl

  • 7.-18. November: COP22 in Marrakesch