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09/12/2016

Kohleverschmutzung in Deutschland: Der neue schwarze Tod

Energie und Umwelt

Kohleverschmutzung in Deutschland: Der neue schwarze Tod

Die deutschen Kohlekraftwerke sind trotz Energiewende noch immer aktiv.

[martin CC BY-ND 2.0/Flickr]

Trotz der Energiewende verschmutzen Kohlekraftwerke weiterhin die Luft. In der Bundesrepublik sterben dadurch mehr Menschen als im Rest der EU, warnen Gesundheits- und Umweltaktivisten. EurActiv Brüssel berichtet.

Bei einer Analyse von 257 der 280 Kohlekraftwerke in der EU kamen Forscher zu dem Ergebnis, dass ihre Emissionen für den Tod von 22.900 Menschen verantwortlich sind. Zehntausende leiden ihretwegen an Krankheiten – von Herzproblemen bis zur Bronchitis. Die entsprechenden Gesundheitskosten belaufen sich auf 62,3 Milliarden Euro.

In Deutschland seien 2013 allein 3.630 Menschen an kohlebedingten Krankheiten gestorben, zeigt der Bericht „Europe’s Dark Cloud“ (Europas dunkle Wolke) der Health and Environment Alliance, dem Klimate Action Network Europe, dem WWF-Europapolitikbüro und Sandbag. 1.860 dieser Todesfälle konnten direkt mit Kohlekraftwerken in Deutschland in Verbindung gebracht werden. Das scheint paradox, streben deutsche Politiker doch ein CO2-armes Energiesystem an. Wenn die Energiewende gelingen soll, wird Berlin die meisten dieser Anlagen abschalten müssen.

Die übrigen 1.770 frühzeitigen Todesfälle gehen auf die Verschmutzung durch Kohlekraftanlagen in anderen EU-Ländern zurück. 630 davon entfallen auf polnische Kraftwerke, so die Forscher. Deutschland kauft günstigen Kohlestrom aus Polen, da die eigene Energieproduktion aufgrund des Atomausstiegs nach Fukushima drastisch zurückgegangen ist.

Die einheimische Kohle der Bundesrepublik verursacht laut Bericht jedoch auch Todesfälle in anderen Mitgliedsstaaten. So gehört Deutschland zu den Top-5-Ländern, deren Kohlekraftwerke im Ausland am meisten Schaden anrichten. Polen liegt mit 4.690 zu verantwortenden Todesfällen auf Platz eins, gefolgt von Deutschland mit 2.490, Rumänien mit 1.660, Bulgarien mit 1.390 und Großbritannien mit 1.350.

Keine Grenzen

„Die Kohleverbrennung hat enorme Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit – nicht nur im eigenen Land, sondern auch in den Nachbarstaaten“, betont Wendel Trio, Direktor von Climate Action Network Europe. „Ganz egal, ob diese Länder nun Mitglieder der EU sind oder nicht – Kohleverschmutzung kennt keine Grenzen.“

Wenn Deutschland aus der Kohlebranche aussteigen würde, könnte man 1.860 Menschenleben im Inland und fast 2.500 im Ausland retten. Die meisten kohlebedingten Todesfälle verzeichnen nach Deutschland Großbritannien (2.100), Polen (1.860), Italien (1.610) und Frankreich (1.380). Letzteres verschuldete 2013 nur 50 frühzeitige Todesfälle selbst durch eigene Kraftwerke – alle verbleibenden 1.350 gehen auf die Verschmutzung durch deutsche Anlagen zurück.

„Der Bericht verweist auf die hohen Gesundheitskosten, die durch unsere Kohlestromerzeugung entstehen und zeigt somit, dass Kohle eigentlich gar keine günstige Energiequelle ist“, erklärt Anne Stauffer, stellvertretende Direktorin der Health and Environment Alliance.

„Kein Land kann allein das Problem der Luftverschmutzung bei der Stromerzeugung lösen. Es gibt keinen Brexit aus der Luftverschmutzung“, warnt auch Imke Luebbke vom WWF. „Laut Bericht liegt es im Interesse Großbritanniens, einen gemeinsamen Ansatz im Kampf gegen Luftverschmutzung zu verfolgen.“ Großbritannien beschloss noch vor dem Brexit-Referendum den Ausstieg aus der Kohle. Dieser könnte bis zu 2.870 Leben im Jahr retten, darunter 1.300 auf dem europäischen Festland.

EU-Politiker überarbeiten derzeit die Richtlinie über Industrieemissionen. Sie verpflichtet die Mitgliedsstaaten, den eigenen Ausstoß in der Industrie zu verringern und zu kontrollieren. Die Verbrennung von Kohle ist nämlich nicht nur gesundheits-, sondern auch umweltschädlich. Bei der Weltklimakonferenz in Paris (COP21) im Dezember 2015 einigten sich Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, die Erderwärmung auf zwei Grad über den vorindustriellen Werten zu begrenzen. „Wir brauchen einen Kohleausstieg und zwar schnell. Nur so können wir die EU-Klimazusagen einhalten“, unterstreicht Trio.

Der Winter naht

Euracoal, der Dachverband der europäischen Kohleindustrie, sieht den Bericht jedoch mit kritischen Augen. So hätten die Forscher veraltete Daten für die Berechnung der gesundheitlichen Folgen genutzt und Verbesserungen seit 2000 vollkommen ignoriert. „In meiner Lebenszeit allein ist die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in den OECD-Ländern um zehn auf 80 Jahre gestiegen“, meint Brian Ricketts, Euracoals Generalsekretär. Gleichzeitig habe der Kohleverbrauch in der OECD zugenommen.

„Doch trotz all dieser Fakten zeichnet HEAL ein so negatives Bild über die frühzeitigen Tode durch Kohle. Dabei geht es nicht einmal um tatsächliche, sondern um statistische Todesfälle. HEAL ignoriert die zweite Seite der Medaille, nämlich die gesellschaftlichen Vorzüge der Energienutzung. „Alles, was wir heute tun und an dem wir uns erfreuen, lässt sich auf einen gewissen Energieverbrauch zurückführen. Natürlich kann man die theoretisch hohen Umweltkosten einzelner Energieträger berechnen. Man muss sie aber vorsichtig mit den tatsächlichen Vorteilen ihrer Nutzung abwägen“, so Ricketts. „Ganz einfach gesagt: Wenn man sich in Europa im Winter nicht wärmen kann, dann ist der Tod keine statistische Möglichkeit mehr, sondern bittere Realität.“

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