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04/12/2016

Klimaverhandlungen: Staaten streiten über Definition von Dekarbonisierung

Energie und Umwelt

Klimaverhandlungen: Staaten streiten über Definition von Dekarbonisierung

Die Weltgemeinschaft streitet darüber, was genau Dekarbonisierung bedeuten soll.

[Shutterstock/Lukiyanova Natalia / frenta]

Die Verminderung des CO2-Ausstoßes wird großes Ziel der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember. Doch noch immer wird um eine grundlegende Frage gestritten, die für die Bekämpfung des Klimawandels entscheidend ist: Sollte die Welt die gänzliche Beseitigung der C02-ausstoßenden Industrien anstreben?

Die Kontroversen beim Konzept „Dekarbonisierung“ zeigen die tiefen Gräben, die weniger als sechs Wochen vor dem Beginn der 21. UN-Klimakonferenz mit 195 Staaten in Paris zwischen den Ländern noch immer bestehen. Man will den Klimawandel bekämpfen, doch das wie ist nach wie vor unklar.

Das übergeordnete Ziel ist die Begrenzung der globalen Erwärmung auf zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Dadurch wollen die Entscheider die gefährlichen Folgen des Klimawandels wie eine Erhöhung des Meeresspiegels, die Zunahme orkanartiger Stürme, Dürren und die Verbreitung von Krankheiten verhindern.

Doch Unstimmigkeiten überlagern die seit mehr als zwei Jahrzehnten andauernden Verhandlungen zur Zügelung der globalen Erwärmung.

Nur wenige sind aber so grundlegend wie der Streit darüber, wie die CO2-Emissionen und andere sogenannte Treibhausgase, die die Wärme einfangen, beseitigt werden sollen.

Wenige Wochen vor der Konferenz, die vom 30. November – 11. Dezember in Paris stattfindet, können sich die Staaten wohl nicht einmal auf die Bedeutung des Begriffs Dekarbonisierung einigen. Bedeutet sie ein Wunschergebnis, oder eine Odyssee mit offenem Ende? Wird der Begriff nur auf CO2 oder auch auf andere Treibhausgase angewendet?

Der Begriff tauchte in verschiedenen Versionen eines Vereinbarungsentwurfs immer wieder auf, verschwand aber auch immer wieder. Der Entwurf soll den Ministern und Staatschefs in der französischen Hauptstadt präsentiert werden.

Grüne Gruppen drängen auf eine zu 100 Prozent aus Erneuerbaren bestehende Wirtschaft bis 2050 und lobten einen am Dienstag in Bonn veröffentlichten, und – nach einer kleinen Rebellion der Entwicklungsstaaten – überarbeiteten Text.

„Er zeigt uns die Richtung der Reise auf, und wo wir 2050 stehen wollen, zum Ende des Jahrhunderts stehen wollen, und wie wir dorthin kommen“, sagt Klimaaktivist Mohamed Adow von Christian Aid, einer Gruppe, die für die Rechte der armen Länder kämpft.

Im Gegensatz zu vielen Fragen, die die Gespräche belasten, verläuft die Spaltungslinie beim Thema Dekarbonisierung nicht, wie traditionell üblich, zwischen den reichen und den Entwicklungsländern.

Die USA bestanden darauf, den Begriff wieder auf den Verhandlungstisch zu packen – nachdem die zwei vorsitzenden Diplomaten ihn zuvor während der Bonner Gespräche entfernt hatten.

„Man kann sich nicht auf Kohle stützen“

Die Haltung der EU deckt sich bei den meisten Klimafragen mit der Position Washingtons. Doch EU weigert sich, das Wort Dekarbonisierung zu benutzen.

Und das, obwohl sich der französische Präsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel sich bei einem G7-Treffen im Juni bei den anderen Industriestaaten erfolgreich dafür einsetzten, die Dekarbonisierung in einer gemeinsamen Stellungnahme zu verankern.

„Die EU steckt ein wenig in der Zwickmühle“, sagt Alden Meyer, Klimaanalyst bei der Washingtoner Union besorgter Wissenschaftler.

„Die Dekarbonisierung macht deutlich, dass man sich nicht weiterhin auf Kohle als Hauptquelle für Energie stützen kann. Polen lehnt das ab.“

In der EU mit ihren 28 Mitgliedsstaaten werden Positionen im Konsens verabschiedet. Das bedeutet eine festgefahrene Situation.

Die Senkung der Treibhausgas-Emissionen oder ihre Beseitigung ist entscheidend für das UN-Ziel, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.

Der UN-Weltklimarat empfiehlt die eine Senkung der Emissionen aus Kohle, Öl und Gas von 40-70 Prozent bis 2050 und im Vergleich zu den Werten von 2010. Bis 2100 sollen die Emissionen demnach beinahe bei null liegen. Nur dann hat die Welt eine reelle Chance, ihr Ziel zu erreichen.

Japan stärkt derzeit seinen Kohleenergiesektor, um so seine Atomenergiekapazitäten zu ersetzen. Nach der Katastrophe von Fukushima aus dem Jahr 2011 schaltete das Land die Atomenergie ab.

Meyer zufolge unterzeichnete Japan, zusammen mit dem von Kohle abhängigen Kanada, die historische G7-Erklärung nur aus einem Grund: Beide Länder können sie als Prozess und nicht als Ergebnis interpretieren.

Auch die Entwicklungsländer sind gespalten.

Im August veröffentlichte die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff zusammen mit Merkel eine gemeinsame Erklärung über die „Dekarbonisierung der Weltwirtschaft im Laufe des Jahrhunderts“.

„Brasilien ist das erste der wichtigen aufstrebenden Volkswirtschaften, das die Dekarbonisierung als Ziel unterstützen wird“, sagte Frankreichs Klimabotschafterin Laurence Tubiana.

Problem für die letzte Minute

Bezogen auf die Menge, ist China der weltweit größte Treibhausgas-Emittent. Das Land versprach, seine CO2-Emissionen „um 2030“ zu deckeln.

Costa Rica begrüßt eine vollständige Dekarbonisierung. Doch viele andere der 134 Entwicklungsländer, die sich unter dem Dach der G77 organisieren, zögern, der Kohle und anderen umweltschädlichen Brennstoffen abzuschwören. Denn sie benötigen sie, um ihre wachsende Bevölkerung und ihre Volkswirtschaften zu versorgen.

Die Allianz der kleinen Inselstaaten, deren Existenz durch den steigenden Meeresspiegel gefährdet ist, prüfe die Dekarbonisierung als Strategie sorgfältig, sagt ihr Hauptunterhändler Amjad Abdulla.

Das Zaudern ist verständlich. Denn das schnelle Auslaufenlassen fossiler Brennstoffe würde zwar ihre Auswirkungen für das Klima abschwächen. Gleichzeitig wollen die armen Länder aber von den reichen Staaten Zusicherungen für Geld für den Ersatz der billigen und reichlich vorhandenen fossilen Brennstoffe durch erneuerbare Energien.

Es bleibt also abzuwarten, ob der umstrittene Begriff der „Dekarbonisierung“ es ins Schlussabkommen schafft.

Meyer sagt: „Es könnte eine Intervention der Staatschefs erfordern, und könnte eines der Probleme der letzten Nacht, der letzten Minute sein.“