Klimaschutz: Investoren fordern Energieriesen zum Verlassen von „Anti-Klima“-Lobbygruppen auf

Auch Investoren von BP fordern den Energiekonzern dazu auf, EU-Lobbygruppen zu verlassen. [Mike Mozart/Flickr]

Internationale institutionelle Anleger, die Vermögenswerte von mehr als 61 Milliarden Euro verwalten, fordern neun multinationale Energie- und Bergbaukonzerne auf, EU-Lobbyverbände zu verlassen – wegen deren „rückschrittlicher“ Klimapolitik. EURACTIV Brüssel berichtet. 

Zu den Brüsseler Verbänden gehören BusinessEurope, der Europäische Rat der Chemieindustrie (CEFIC), FuelsEurope, Eurometaux und der Internationale Verband der Erdöl- und Erdgasproduzenten.

Unter den 25 globalen institutionellen Anlegern sind Pensionsfonds, Treuhandgesellschaften und Stiftungen aus drei Kontinenten. Im vergangenen Monat schrieben sie neun im Index FTSE 100 gelistete Unternehmen an: BHP Billiton, BP, EDF, Glencore, Johnson Matthey, Proctor and Gamble, Rio Tinto, Statoil und Total. Jeder der Giganten ist Mitglied bei mindestens einem der Verbände.

Zu den Investoren zählen AP4, der vierte nationale schwedische Pensionsfonds (verwaltet 31 Milliarden Euro) und das britische UNISON Staff Pension Scheme. Die britischen Sarasins and Partners (19 Milliarden Euro), The Pensions Trust (8,7 Milliarden Euro) sowie die australische Ethical Investment (546 Milliarden Euro) unterschrieben ebenfalls.

Pro-Klima in der Öffentlichkeit, Anti-Klima im Stillen?

Demnach wird die öffentliche Haltung der Unternehmen zum Klimawandel von Verbänden unterwandert, die eine schwächere Klimaregulierung einfordern. Die Unternehmen zahlen Mitgliedsbeträge, damit die Lobbygruppen die EU-Gesetzgebung zu ihren Gunsten beeinflussen.

Die Initiative ist das jüngste Beispiel dafür, wie Investoren ihren Einfluss für eine grünere Unternehmenspolitik nutzen wollen. ShareAction organisiert sie. Diese britische Intiative für verantwortliche Investitionen koordinierte kürzlich auch Gesellschafterbeschlüsse bei BP und Shell. Sie forderte die Energieunternehmen dazu auf, die Geschäftsrisiken des Klimawandels offenzulegen.

Ein EURACTIV vorliegender Brief an BP zeigt die Forschungsergebnisse des Instituts für Politikstudien der Universität von Westminster. Demnach tragen die vier Verbände zu einer Verhinderungslobby gegen Klimaschutzbemühungen bei. Davon betroffen seien die Klima- und Energieziele der EU für 2030 und die Beratung für eine Reform des EU-Systems für den Emissionshandel.

Beide Bereiche sind Eckpfeiler des EU-weiten Kampfs gegen den Klimawandel. Die Regierungen beobachten sie vor dem Klimagipfel der Vereinten Nationen im November in Paris genau. Das erklärte Ziel der Pariser Konferenz ist eine internationale Vereinbarung zur Begrenzung der globalen Erwärmung.

Eine Distanzierung von den Lobbyisten würde „die Anteilseigner von der Kontinuität ihrer Haltung zum Klimawandel versichern“, so der Brief.

„Diese Verbände bekommen Legitimität, indem sie sagen, sie sprechen im Namen wichtiger Industrieakteure […] Ihr Rückzug wurde dabei helfen, diese Behauptung zu untergraben.“

„Da wir uns wichtigen UN-Verhandlungen zum Klimawandel nähern, freuen wir uns diese Initiative zu unterstützen. Wir […] könnten die Unternehmen ermutigen, sich aus Verbänden zurückzuziehen, die auf eine Art lobbyierten, die im Widerspruch zu den Stellungnahmen der Unternehmen zum Klimaschutz stehen“, sagt Arne Lööw, Leiter Unternehmensführung beim vierten nationalen schwedischen Pensionsfond.

Clare Hierons von Share Action erklärt: „Das Problem Klimawandel anzugehen sollte oben auf der Agenda der verantwortlichen Investoren weltweit stehen. Langfristige Investoren müssen eine wichtige Rolle dabei spielen, sicherzustellen, dass das Lobbying der Unternehmen in ihrem Portfolio im Einklang mit ihren Interessen ist.“

Unilever verließ BusinessEurope im August. Das Unternehmen wies auf Spannungen wegen der umweltpolitischen Haltung der Gruppe hin. Shell verließ vor kurzem die US-Lobbygruppe American Legislative Exchange Council.

Die Verbände reagieren

Gestern bat EURACTIV alle Verbände um eine Reaktion.

„Jedes Unternehmen nimmt seine eigene Bewertung der Vorteile einer Mitgliedschaft der Beratungs- und Unterstützungsgruppe (ASG) von Business Europe vor, die eine wachsende Gruppe ist“, erklärt BusinessEurope.

Im Juli kritisierte BusinessEurope die Reform des EU-Emissionshandels (ETS).

„Es passt nicht zum Ziel, eine starke und wettbewerbsfähige Industriebasis in Europa zu halten. Indem es unnötigerweise die Zahl kostenloses CO2-Emissionszertifikate so drastisch senkt, erhöht es das Risiko auf Investmentschwund, setzt unsere Industrien unfairem Wettbewerb aus Ländern ohne vergleichbare Klimaanstrengungen aus“, so der Verband im Juli.

„Die Positionen des Internationalen Verbandes der Erdöl- und Erdgasproduzenten zum Klima und anderen Themen sind im Einklang mit denen unserer Mitglieder. Wir treten für eine geradlinige und effektive EU-Klima- und Energiepolitik bis 2030 ein, und zwar für ein einziges Ziel, für die Reduzierung der CO2-Emissionen“, sagte Sprecher Alessandro Torello.

Der Verband FuelsEurope bezog sich in seiner Reaktion auf den Brief an BP. Zu behaupten, sie hätten gegen Ziele für erneuerbare Energien lobbyiert sei eine Falschdarstellung ihrer Position.

„FuelsEurope glaubt, dass ein einziges EU-Ziel zur Treibhausgasreduzierung für 2030, ohne mehrere sich überschneidende Ziele am Wirksamsten ist, um Europas zukünftige Ziele zum Klimawandel zu erreichen.“

„Wie wir bei der Umsetzung des Pakets für 2020 gelernt haben, haben überschneidende Ziele zu erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz verzerrende Auswirkungen auf das Kohlenstoffpreissignal innerhalb des EU-Emissionshandels.“

Der Klimawandel sei eine globale Herausforderung, die globales Handeln erfordere, so FuelsEurope.

EURACTIV hat alle Unternehmen kontaktiert. Bis zur Veröffentlichung des Artikels hatte nur das australisch-britische Bergbauunternehmen BHP Billiton reagiert. Seine Mitgliedschaft beim Internationalen Verband der Erdöl- und Erdgasproduzenten basiere auf seinen Dienstleistungen zur Verbesserung der Sicherheits-, Umwelt- und Sozialleistung.

Aktivisten begrüßen Druck

Aktivisten begrüßten die Initiative von ShareAction. „Es ist jetzt schon seit einer Weile klar, dass BusinessEurope nicht die Interessen der Geschäftswelt vertritt. Ihre Bemühungen, die Klimapolitik zu verwässern, missachten den Wunsch vieler in der Unternehmerschaft, die Klimaherausforderung anzugehen“, sagt Wendel Trio, Leiter des Climate Action Network Europe.

BusinessEurope wird nicht zum ersten Mal dafür kritisiert, umweltfreundliche politische Maßnahmen abschwächen zu wollen.

Erst im November deckte EURACTIV auf, wie der Verband die Streichung von Gesetzen zur Luftverschmutzung und für Mülldeponien von der Kommission forderte – als Teil der Kommissionspolitik der „besseren Rechtssetzung“.

Eine andere weltweite Kampagne erhöht den Druck auf Umweltverschmutzer. Sie fordert von Einrichtungen wie Universitäten, ihre Investitionen in fossile Brennstoffe abzustoßen.

Rund 200 Institutionen mit einer Vermögensgröße von über 50 Milliarden US-Dollar haben sich dazu verpflichtet, darunter die Universitäten von Stanford und Glasgow.

Zeitstrahl

  • 30. November: Beginn der UN-Klimakonferenz

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