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04/12/2016

Kanarische Mini-Insel träumt von der elektrischen Unabhängigkeit

Energie und Umwelt

Kanarische Mini-Insel träumt von der elektrischen Unabhängigkeit

Wird die spanische Vulkaninsel El Hierro bald nur noch riesige Windturbinen für die Energieversorgung nutzen? Bei dem ehrgeizigen Vorhaben setzt die Insel mit ihren 7000 Einwohnern auf eine Kombination aus Wind- und Wasserkraft.

Tbachner

Die zerklüftete Vulkaninsel El Hierro ist ein Paradies für Wanderer. Wer auf dem kleinen, zu den Kanaren gehörenden Eiland herumspaziert, findet Pinien, Ananas-Plantagen und Weinreben – und auch fünf eher ungewöhnliche Gewächse: riesige Windturbinen. Mit ihrer Hilfe will El Hierro bei der Energieversorgung autark werden.

Bei dem ehrgeizigen Vorhaben setzt die Insel mit ihren 7000 Einwohnern auf eine Kombination aus Wind- und Wasserkraft. Die Windturbinen, die auf einem Hügel stehen, haben eine Gesamtkapazität von 11,56 Megawatt. An dem Hügel gibt es zudem zwei unterschiedlich hoch gelegene Wasserbecken. Flaut der Wind ab, wird oben Wasser abgelassen und treibt auf dem Weg nach unten Turbinen mit einer Gesamtleistung von 11,32 Megawatt an.

9000 Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid wurden mit der Anlage La Gorona schon eingespart. Theoretisch reicht der im Juni 2014 eingeweihte und 80 Millionen Euro teure Komplex aus, um die Insel komplett mit Elektrizität zu versorgen. Doch erst am 15. Februar 2016 gelang dies erstmals für mehr als 24 Stunden. Im Durchschnitt reiche es nur für 50 Prozent des Bedarfs, räumt Projektleiter Juan Pedro Sánchez ein.

Deshalb muss vorerst weiterhin aufwändig Diesel nach El Hierro gebracht werden, um in Generatoren verfeuert zu werden. Der Kraftstoff wird von der 300 Kilometer entfernten kanarischen Hauptinsel Teneriffa verschifft. Und auch dorthin kommen die Vorräte erst nach einer langen Reise über den Atlantik.

Der enorme Aufwand für die konventionelle Energieerzeugung passt schlecht zum Status von El Hierro als Unesco-Biosphärenreservat. Wegen der entlegenen Lage und vor allem wegen der Beschaffenheit des Meeresbodens um El Hierro kann die Insel aber auch nicht ans spanische Stromnetz angeschlossen werden.

„Komplette Energieunabhängigkeit ist auf einem so isolierten Territorium von essenzieller Bedeutung“, sagt Tomás Padrón, früherer Präsident der Inselregierung und Vater des Projekts. Er und andere Bewohner träumen schon seit 30 Jahren von der Energie-Autarkie.

Auch wenn es mit der Umsetzung noch hapert – Ioannis Kougias von der Forschungsstelle der Europäischen Union nennt die bisherigen Erfahrungen positiv und vielversprechend. Auch Emanuele Taibi von der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien findet, das Modell El Hierro funktioniere.

Der Stromnetzbetreiber der nur 269 Quadratkilometer kleinen Insel, REE, ist allerdings noch nicht komplett überzeugt. Laut Projektleiter Juan Pedro Sánchez müsste für eine Komplettversorgung im gesamten Jahr die Kapazität der Wasserbecken deutlich erhöht werden. Entsprechende Bauarbeiten sind bisher aber nicht geplant.

Immerhin: Laut dem Stromkonzern Endesa, der mit 23 Prozent an der Anlage beteiligt ist, wurden dank La Gorona bereits 2850 Tonnen Kraftstoff für die Generatoren eingespart. Das entspricht 1,2 Millionen Euro.

Allerdings hilft das den örtlichen Stromkunden wenig. „Die Stromrechnung ist gleich geblieben“, beklagt die arbeitslose Sekretärin Claudia Barrera. Die Regierungschefin der Insel, Belén Allende, erklärt dies mit rechtlichen Vorschriften. Die Gesetze erlaubten es den 17 halbautonomen spanischen Regionen nicht, Elektrizitätspreise selbst festzulegen. Die 1,2 Millionen Euro kämen aber anderen Projekten auf der Insel zugute.

Trotz aller Hürden zieht La Gorona internationale Aufmerksamkeit auf sich. Zu Besuch waren insbesondere schon viele Vertreter von Inselstaaten, etwa von den Seychellen, aus Indonesien, aus Japan und von der Karibikinsel Aruba. Denn sie haben besonders großes Interesse am Kampf gegen den Klimawandel, der die Meeresspiegel steigen lässt und somit Inseln besonders bedroht.

El Hierro, weitab der großen Touristenströme gelegen, freut sich über die Besucher. Die Reisenden „essen, leihen ein Auto, mieten eine Ferienwohnung oder ein Zimmer“, sagt Amos Lutzardo von der örtlichen  Tourismusorganisation. So hilft La Gorona den Inselbewohnern gleich auf mehrfache Art und Weise.

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