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28/09/2016

IEA-Studie zu Energieeffizienz: EU verpasst Chance zu mehr Wirtschaftswachstum

Energie und Umwelt

IEA-Studie zu Energieeffizienz: EU verpasst Chance zu mehr Wirtschaftswachstum

Zwei Drittel der weltweiten Energie-Einsparpotentiale bleiben unberührt. Die Internationale Energieagentur (IEA) fordert die Politik zum Umdenken auf. Foto: Nuon (CC BY-NC 2.0)

Die EU spart zu wenig Energie und gefährdet damit die Versorgungssicherheit und das weltweite Klima. Das geht aus einer neuen Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) hervor. Dabei birgt Energieeffizienz enorme Wachstumspotentiale für die Industrie.

CO2-Reduktion, mehr Erneuerbare, weniger Fossile – die Diskussion um den Klimaschutz kreist um die Förderung nachhaltiger Energieformen. Um Energieeffizienz geht es nur am Rande. Und wenn – dann zögerten viele Länder, ausreichend in Einsparmaßnahmen zu investieren: „Unter den derzeitigen politischen Bedingungen bleiben ganze zwei Drittel der Einsparpotentiale bis 2035 unangetastet“, erklärt Maria van der Hoeven, Chefin der Internationalen Energieagentur (IEA), im Gespräch mit EurActiv.de. „Das betrifft auch die EU. Die unternimmt viel zu wenig, weil sie den Nutzen von Energieeffizienz unterschätzt.“

Eine am heutigen Dienstag veröffentlichte Studie der IEA fordert die Politik zum Umdenken auf: Energieeffizienz sei schon lange kein „unsichtbarer Treibstoff“ mehr, der nur das Energiesparen auf Verbraucherseite betrifft. Vielmehr führe Energieeffizienz zu mehr Wirtschaftswachstum, langfristigem Klimaschutz und höherer Energiesicherheit. Dafür stellt die IEA-Studie erstmals verlässliche Zahlen zusammen. „Wir geben Energieeffizienz endlich ein Gesicht. Führende Politiker erhalten Daten, mit denen sie arbeiten können“, sagt van der Hoeven, die bis 2010 niederländische Wirtschaftsministerin war. 

© IEA© IEA

Würden die EU-Länder die Potentiale von Energieeffizienz voll ausschöpfen, würde das zu einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts von bis zu 1,1 Prozent führen, behauptet die Studie. Bliebe es bei den derzeitigen Anstrengungen der Mitgliedsstaaten im Rahmen der Energieeffizienz-Richtlinie, dann wären es nur 0,25 Prozent. „Wir müssen uns von der traditionellen Vorstellung lösen, dass Wirtschaftsreformen bedingt mit mehr Energieverbrauch verknüpft sind“, meint van der Hoeven.

Auch der Haushalt würde profitieren, etwa durch Einsparung von Ausgaben für Energieerzeugung und Importen oder mehr Investitionen in energieeffiziente Güter und Dienstleistungen. Würde die EU bis 2020 jährlich 56 Milliarden Euro in Renovierungsmaßnahmen für öffentliche Gebäuden investieren, könnten rund 760.000 neue Jobs entstehen. Das investierte Geld könnten die Regierungen wieder vollständig zurückholen, angesichts steigender Energiepreise und sinkender Gesundheitsausgaben.

Die Industrie gehört laut Studie zu den größten Nutznießern der Einsparmaßnahmen. „Firmen können ihre Arbeitsprozesse verbessern, werden produktiver und wettbewerbsfähiger. Sie sparen nicht nur Energie, sondern können strategisch wachsen“, so van der Hoeven. 

Die EU hat sich bis 2020 zum Ziel gesetzt, 20 Prozent weniger Energie zu verbrauchen. Bis 2030 sollen die Mitgliedsstaaten nach Plänen der EU-Kommission 30 Prozent einsparen. Derzeit hinken die meisten Länder bei der Umsetzung der 2020-Richtlinie jedoch hinterher. So leitete EU-Energiekommissar Günther Oettinger bereits im Juli Vertragsverletzungsverfahren gegen 24 EU-Staaten ein, darunter Deutschland. Um konkrete Strafzahlungen geht es noch nicht. 

„Es braucht einen koordinierten Mechanismus auf EU-Ebene für mehr Energieeffizienz“, fordert van der Hoeven. „Die EU muss die Mitgliedsstaaten in die Lage versetzen und zugleich verpflichten, die Richtlinienvorgaben rechtzeitig umzusetzen.“

Weitere Informationen

Internationale EnergieagenturCapturing the Multiple Benefits of Energy Efficiency (Studie in Englisch, 09. September 2014)