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27/09/2016

Erdgas: Griechenland setzt Gespräche über Poseidon-Pipeline aus

Energie und Umwelt

Erdgas: Griechenland setzt Gespräche über Poseidon-Pipeline aus

Die geplante Route der Poseidon-Pipeline.

[IGI]

EXKLUSIV / Athen will beim Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin vorerst keine weiteren Verhandlungen über die Gasleitung Poseidon führen. Die von Russland unterstütze Pipeline gilt als direkte Konkurrenz für die EU-geförderte TAP-Erdgasfernleitung. EurActiv Brüssel berichtet.

Griechenland begann am gestrigen Dienstag mit dem Bau eines 550 Kilometer langen Abschnitts der Transadriatischen Erdgaspipeline (TAP). Der griechische Premierminister Alexis Tsipras sprach vor diesem Hintergrund begeistert über die 8.000 neuen Arbeitsplätze, die nun in der krisengebeutelten Volkswirtschaft entstehen sollen. Planungsgemäß wird die TAP-Pipeline ab 2019 Erdgas vom aserbaidschanischen Offshore-Gasfeld Shah Deniz 2 über die westliche Türkei nach Griechenland, Albanien und über die Adria nach Italien transportieren. Sie werde eine „neure Ära“ für Griechenland und Europa einleiten, schwärmt Tsipras. „TAP ist eines der größten von Auslandsdirektinvestitionen geförderten Projekte, das hier in Griechenland umgesetzt wird“, so der Premierminister bei der Bauzeremonie in Thessaloniki.

Direkte Konkurrenz für die Offshore-TAP-Leitung ist Poseidon, eine von Gazprom geförderte Offshore-Pipeline, die russisches Gas über Griechenland nach Italien leiten soll. Am 24. Februar unterzeichneten Gazprom, Italiens Edison und Griechenlands staatlicher Gasversorger DEPA eine Absichtserklärung, Poseidon zu entwickeln. Ungeklärt blieb dabei bisher, wie das Gas überhaupt erst nach Griechenland gelangen soll. Hierfür gibt es derzeit zwei Verhandlungsoptionen: über die Türkei oder über Bulgarien.

Keine „nennenswerten Ergebnisse“

Der russische Präsident Wladimir Putin wird am 28. Mai in Athen erwartet. Berichten aus der Hauptstadt zufolge wird das Thema Energie dabei weit oben auf der Tagesordnung stehen. Selbst Poseidon könne besprochen werden, mutmaßen sie.

EurActiv brachte jedoch in Erfahrung, dass sich der russische Staatsbesuch in Griechenland kaum mit energiepolitischen Fragen befassen wird. Wenn überhaupt werde es eine Energiediskussion „ohne nennenswerte Ergebnisse“ geben, heißt es aus gut informierten Diplomatenkreisen. „Angesichts der derzeitigen bilateralen Beziehungen zwischen der Türkei und Russland können energiepolitische Verhandlungen gar nicht voranschreiten“, so eine Quelle.

Und tatsächlich: Seit dem Abschuss des russischen Jets an der syrisch-türkischen Grenze vom 24. November 2015 ist das Verhältnis zwischen Moskau und Ankara deutlich kühler geworden. Auch das Projekt „Turkish Stream“ wurde auf Eis gelegt, das ursprünglich russisches Gas über das Schwarze Meer zum europäischen Teil der Türkei bringen sollte.

Handel und Tourismus

Vielmehr würden sich die beiden Verhandlungsseiten auf die bilateralen Handelsbeziehungen konzentrieren. Schwerpunkt werde dabei der Tourismus sein. „Wir werden uns ernsthaft über den Tourismus unterhalten. Ziel ist es, die Zahl der russischen Urlauber in unserem Land zu erhöhen“, heißt es aus Diplomatenkreisen.

Darüber hinaus werden Athen und Moskau Möglichkeiten erwägen, griechische Exporte zu steigern, ohne dabei gegen das Embargo zu verstoßen. Gleichzeitig sollen russische Investitionen in Energievermögenswerte wie DEPA, die Public Power Corporation S.A. (PPC) und den Schienenbetreiber TRAINROSE besprochen werden.

Visafreiheit für Russland

Bevor der Ukrainekonflikt seinen Lauf nahm, verhandelte Russland mit der EU über Visafreiheit für russische Staatsbürger. Inzwischen wurden die Gespräche jedoch ausgesetzt. Athen ziehe nun Möglichkeiten in Betracht, den Prozess der Visaliberalisierung für russische EU-Reisende freizugeben. „Während wir der Türkei und der Ukraine visafreies Reisen ermöglichen […] , sollten wir auch Russland den Weg dafür ebnen“, so EurActivs Quelle. Die Kommission schlug in der Tat vor kurzem vor, die Visaschranken für Ukrainer und Türken aufzuheben. Rat und EU-Parlament sowie womöglich noch einige nationale Parlamente müssen erst noch Stellung beziehen.

Nicht zuletzt soll in den kommenden Gesprächen auch der politische Dialog beider Staaten gefördert werden. Dabei gebe es natürlic noch einige Streitpunkte wie den Syrienkonflikt, die Flüchtlingskrise, die Zypernfrage und auch der Ukrainekonflikt, erfährt EurActiv. Letzterer ist besonders wichtig, da im ukrainischen Mariupol auch viele Griechen leben.

2016 soll ein griechisch-russisches Jahr der Kultur werden, weshalb wohl auch gemeinsame Veranstaltungen thematisiert werden.