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04/12/2016

Fracking: Kommission gibt grünes Licht für Gasimporte

Energie und Umwelt

Fracking: Kommission gibt grünes Licht für Gasimporte

Protestplakat gegen das Fracking, New York.

[Bosc d'Anjou/Flickr]

Die Kommission will Importe von Flüssigerdgas in die EU fördern. Kritiker warnen jedoch, klimaschädliches Fracking in Ländern wie den USA werde dadurch weiter ermutigt. EurActiv Brüssel berichtet.

Mehr verflüssigtes Erdgas (LNG) importieren, lautet die neue Devise der EU-Kommission. Ihre Pläne dazu stellte sie am gestrigen Dienstag vor. Dazu will sie die Vernetzung verbessern, indem neue Drehkreuze und Infrastrukturen geschaffen werden. Der EU-weite LNG-Verbrauch liegt bei nur 20 Prozent. Mit einem höheren Anteil ließe sich die Abhängigkeit von Versorgern wie Russland verringern, heißt es. Auch Norwegen ist einer der Hauptgasversorger der EU.

Die EU-weite Gaserzeugung gehe immer weiter zurück, weshalb mehr Importe notwendig seien, betont die Kommission. Zur Zeit führt sie Gespräche über LNG-Importe mit Kanada, den USA, Australien, Japan, Nigeria und Algerien.

Im vergangenen Dezember einigten sich die weltweiten Staats- und Regierungschefs in Paris auf ein richtungsweisendes Abkommen. Diesem zufolge soll die Erderwärmung auf zwei Grad über den vorindustriellen Werten begrenzt werden. Das Abkommen gilt als klares Signal an den Markt: Die Zeit der klimaschädlichen fossilen Energieträger ist vorbei.

Erdgas setzt sich zum Großteil aus Methan zusammen. Letzteres ist ein Treibhausgas, das in den letzten 20 Jahren ein 86-mal größeres Erderwärmungspotenzial aufwies als CO2. Studien haben ergeben: Erdgasbedingte Stromerzeugung ist nur dann klimafreundlicher als die kohleabhängige, wenn während der Produktion weniger als 3,2 Prozent Methan austreten. Diese Zahl berücksichtigt noch nicht den Vertrieb.

Beim Fracking pumpt man Flüssigkeiten mit hohem Druck in den Boden. Dabei entstehen kleine Risse im Schiefergestein, die wiederum Erdgas freisetzen. Das Verfahren gilt als umweltschädlich. In den USA fördert man auf diese Weise fast die Hälfte des Erdgases (47 Prozent). Satelliten zur Emissionsmessung zeigen, dass die Methankonzentration in vielen großen Gasförderregionen der USA in letzter Zeit dramatisch anstieg. Für die Regionen Eagle Ford (Texas), Marcellus (Pennsylvania) und Bakken (North Dakota) verzeichneten sie sogar Emissionsraten von 9,5 Prozent der gesamten Methanproduktion.

Der Schiefergas-Boom der letzten Jahre brachte die USA dazu, ihr langjähriges Energieexportverbot aufzuheben. Inzwischen sind viele LNG-Exportprojekte genehmigt, doch nur wenige davon laufen bereits. Das neue Gaspaket der EU habe den USA nun „grünes Licht“ für den LNG-Export nach Europa gegeben, erklärt Antoine Simon von Friends of the Earth Europe.

Gas als „Übergangskraftstoff“

Gas sei der sauberste fossile Brennstoff, betont Klimakommissar Miguel Arias Cañete Journalisten gegenüber. Man brauche es für den Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft.

Aber widerspricht das Vorhaben, LNG-Importe per Schiff nach Europa zu transportieren, nicht dem Geiste des neuen Pariser Klimaabkommens? Immerhin ist die Schifffahrt aus dem Deal ausgeklammert worden. Auf diese Frage seitens EurActiv antwortet Cañete nur indirekt. Auch kann er nicht sagen, wann die EU den Ausbau der Gasinfrastruktur stoppen werde. Solche Investitionen könnten sich letzten Endes als umsonst erweisen, warnen Aktivisten. Außerdem laufe die EU so Gefahr, sich auf Gas festzufahren – zulasten der emissionsfreien Erneuerbaren.

„Auf dem Pariser Klimagipfel vor zwei Monaten forderte die Kommission den Rest der Welt auf, Maßnahmen zu ergreifen, um ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ohne Emissionen auszukommen. Nun drängt sie Gasunternehmen, mehr in Importeinrichtungen zu investieren, die noch mindestens 40 Jahre laufen sollen. Hierfür bietet sie ihnen sogar finanzielle Unterstützung aus öffentlichen Kassen“, so Jonathan Gavanta, Direktor des Umwelt-Think-Tanks E3G.

Laut Kommission soll Gas bis 2030 einen wichtigen Anteil des Energiemixes in der EU ausmachen. „Gas wird uns noch eine ganze Weile begleiten. Wir brauchen einfach Versorgungssicherheit“, bestätigt auch Cañete. Die EU-Institution wolle nach eigenen Angaben weltweit Nummer eins bei den Erneuerbaren werden. In diesem Kontext verspricht sie, das Thema Energieeffizienz ganz nach oben auf die Agenda zu setzen. Steigert man jedoch wie im Pariser Abkommen vorgesehen den Anteil der Erneuerbaren und die Energieeffizienz, geht Aktivisten zufolge die Gasnachfrage weiter zurück.

„Selbst wenn wir die ehrgeizigen Ziele bei den Treibhausgasen, den Erneuerbaren und der Effizienz erreichen, werden wir noch immer jede Menge Gas benötigen“, so Cañete. „Es ist eindeutig der sauberste fossile Brennstoff. Letzten Endes wird der Markt entscheiden. Die Kommission überprüft den Bedarf an gut vernetzten Gasmärkten. Wir wollen beim Übergang zu den Erneuerbaren notfalls auch auf Gas als Energieträger zurückgreifen können.“

Darüber hinaus zahlen schlecht vernetzte Länder höhere Gaspreise, ergänzt Maroš Šefčovič, Vize-Präsident der Kommission und zuständig für Strategie einer Energieunion. Er bezweifelt, dass die EU es schafft, bis Ende des Jahrhunderts eine CO2-neutrale Wirtschaft aufzubauen. LNG könne jedoch dabei helfen, umweltschädliche Industrien zu dekarbonisieren.

US-Klimagesandter verweigert Stellungnahme

Gestern war der US-Klimagesandte, Todd Stern, einen Tag lang zu Besuch in Brüssel. Als EurActiv ihn nach den LNG-Exportplänen Amerikas fragt, verweigert er sich, Stellung zu nehmen. Auf die Frage hin, wie zuverlässig Erdgas als Übergangsbrennstoff sei, verweist er auf den Schiefer-Boom. Dieser habe in den USA zu einem Rückgang in der Kohlenutzung geführt. „Abgesehen davon ist es von großer Bedeutung, beim Umweltaspekt alles richtig zu machen“, so Stern. „Methan in zwanzig mal schädlicher als CO2. Schon kleinste Austrittmengen können den natürlichen Vorteil des Erdgases gegenüber Kohle zunichte machen.“ Auch wenn das US-Vorzeigeprojekt, der Clean Power Plan, in letzter Zeit ins Stocken geriet, würden die USA das Pariser Abkommen unterzeichnen – „komme, was wolle.“