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30/07/2016

Fracking in Deutschland: Der lange Streit für kurze Unabhängigkeit

Energie und Umwelt

Fracking in Deutschland: Der lange Streit für kurze Unabhängigkeit

Arbeiter an einer Bohranlage in Colorado, USA. Foto. dpa

Noch vor der Sommerpause will Wirtschaftsminister Gabriel Eckpunkte für ein Gesetz zur umstrittenen Fracking-Technologie vorlegen. Nach heftiger Kritik verspricht er nun, Methoden wie in den USA werde es nicht geben. Sicher ist: Auch mit ausgeweitetem Fracking würde die größere Energie-Unabhängigkeit Deutschlands nur kurzfristig währen.

In Deutschland ist Fracking zurzeit ein Reizwort. Im Zuge der Ukraine-Krise brachte Bundeskanzlerin Angela Merkel die umstrittene Fördermethode für Schiefergas als Alternative zum russischen Gas mit Nachdruck ins Spiel. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel kündigte daraufhin eine rasche gesetzliche Regelung zur bislang in Deutschland nicht zugelassenen Technologie an.

Kritiker warfen Gabriel deswegen vor, er lasse sich von der Industrie einspannen und ignoriere die Risiken. Denn beim sogenannten unkonventionellen Schiefergas-Fracking werden neben großen Mengen Wasser und Sand auch Chemikalien in ein Bohrloch gepresst, um Erdgas aus tiefliegenden Gesteinsschichten zu lösen. Die Methode steht unter anderem unter Verdacht, das Grundwasser mit teilweise giftigen oder krebserregenden Stoffen zu verunreinigen.

Am Wochende nun ruderte Gabriel zurück und versprach, die in den USA und Kanada verwendete Fracking-Technologie werde es in Deutschland nicht geben. Zusammen mit dem Umweltministerium arbeite man gerade an entsprechenden Verschärfungen des Berg- und Wasserrechts. Noch vor der Sommerpause sollen Eckpunkte vorliegen. Das Gesetz soll im Herbst verabschiedet werden.

Eldorado für die Industrie

Damit ist die Frage nach einem Verbot noch immer nicht völlig vom Tisch. Zu lukrativ erscheint Fracking den Befürwortern.

Noch weiß zwar niemand genau, wie viel Gas in Deutschland in tiefen Schiefergesteinen schlummert. Schätzungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sprechen von bis zu 2,3 Billionen Kubikmetern förderbarem Schiefergas – ein Eldorado für Industrievertreter. Denn mehr Gas und Öl bedeuten niedrigere Preise.

Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) fordert dementsprechend, die Diskussion um die Gasfördermethode müsse erlaubt sein. “Gerade angesichts der Ukraine-Krise und den Hürden beim Erneuerbare-Energien-Gesetz ist Fracking vielversprechend, weil Deutschland mehr Energie-Unabhängigkeit braucht”, sagt ein Vertreter des BDI gegenüber EurActiv.de.

Unabhängigkeit von Importen?

Dieses Argument lockt auch die Regierung, die die Nettoimportkosten von rund 90 Milliarden Euro jährlich für Öl, Gas und Steinkohle aus dem Ausland gerne senken würde.

Ein erfolgreiches Vorbild scheinen – zumindest auf den ersten Blick – die USA zu sein. “Drill, baby, drill!” – “Bohre, Baby, bohre” – hatte 2008 US-Präsidentschaftsanwärter John McCain mit Blick auf mehr Energieunabhängigkeit seines Landes gefordert. Nun setzt Präsident Barack Obama auf das Motto. Mit Erfolg: Ein Teil des Wirtschaftsaufschwungs des Landes nach der Krise 2008 basierte auf dieser billigen Energie.

Chemiereste im Grundwasser und undichte Bohrlöcher

Die Risiken der Methode sind indes in vielen Punkten noch nicht untersucht. In Deutschland gibt es bislang nur wenige Probebohrungen. Der von der Bundesregierung eingesetzte Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) betonte im vergangenen Jahr in einer Studie, es gebe “wesentliche offene Fragen hinsichtlich der mit unkonventionellem Fracking verbundenen Risiken”.

Gabriel hatte zwar stets versichert, bei einer Zulassung werde es strenge Auflagen geben: eine Umweltverträglichkeitsprüfung und ein Verbot in Wasserschutzgebieten. Dennoch unterschrieben kürzlich mehr als 300.000 Menschen den Aufruf “Fracking stoppen” der Kampagnenplattform Campact. Das verdeutlichte: Wer hierzulande Fracking zulassen will, muss mit erheblichem Widerstand rechnen.

So fordert etwa Rebecca Harms, Vorsitzende der Grünen im EU-Parlament, Fracking in der EU vollständig zu verbieten. “Erdgas wird als effiziente, reichlich vorhandene und CO2-arme Energiequelle gepriesen. Aber Fracking erfordert risikoreiche Prozesse, die verheerende Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt haben können”, sagt sie.

Zahlreiche offene Fragen

Auch der Deutsche Naturschutzbund (NABU) lehnt unkonventionelles Fracking ab. Ulf Sieberg, Energieeffizienzexperte beim NABU, verweist diesbezüglich gegenüber EurActiv.de auf eine Studie zum Fracking, die das Umweltbundesamt 2011 in Auftrag gegeben hatte. “Der zweite Teil dieses Gutachtens, der uns im Januar als noch nicht veröffentlichtes Ergebnis vorgelegt wurde, beantwortet noch lange nicht alle offenen Fragen der Studie.” Die Ergebnisse einiger weniger regionaler Forschungsvorhaben ließen sich zudem nicht einfach auf andere Standorte übertragen, weil etwa die seismischen Bedingungen an verschiedenen Standorten unterschiedlich seien, warnt Sieberg.

Das Argument, Fracking führe zu größerer Importunabhängigkeit, will Sieberg nicht gelten lassen. Unabhängigkeit lasse sich am besten durch Energieeffizienz im Verkehrs- und Gebäudesektor sowie den Ausbau der Erneuerbaren Energien erreichen.

Versorgung auch ohne Fracking sicher

Auch aus den eigenen Reihen musste Gabriel von Anfang an skeptische Stimmen hinnehmen. “Solange beim unkonventionellen Fracken toxische Substanzen eingesetzt werden, die das Grundwasser verunreinigen, wird es bei der SPD kein Ja zum Fracking geben”, sagt Dirk Becker, Energieexperte der SPD, gegenüber EurActiv.de.

Doch welche Konsequenzen hätte das für die deutsche Energieversorgung? “Die Schiefergas-Vorkommen sind zur Versorgungssicherheit Deutschlands nicht zwingend erforderlich, da es derzeit eher ein Überangebot gibt”, ist Becker überzeugt. Es gebe Versuche in Kanada, wo ohne toxische Substanzen gefrackt werde. Deutschland sollte die Ergebnisse abwarten, rät er.

Dass Russland seine Gaslieferungen einstellen könnte, hält Becker zudem für unwahrscheinlich, weil es von den Einnahmen aus dem Gasverkauf wirtschaftlich abhängig sei. Außerdem könne Deutschland problemlos mehr Erdgas etwa aus Norwegen beziehen. Zudem sei eine neue Erdgasleitung von Aserbaidschan bis nach Italien in Bau, die ab 2019 den europäischen Markt bedienen soll.

Gas bleibt auch in Zukunft wichtig

Ob beim Fracking gewonnen oder importiert – auf Gas wird Deutschland auch längerfristig angewiesen sein, sagt Moritz Bonn, Umwelt- und Energieexperte vom Centrum für Europäische Politik (CEP), im Gespräch mit EurActiv.de. “Gas wird zukünftig vor allem im Bereich der Stromproduktion wichtig – auch nach dem Ausbau von erneuerbaren Energien.” Weil sich Gaskraftwerke zur Stromerzeugung sehr flexibel betreiben ließen, könnten sie Engpässe abfedern.

Auch Bonn geht aber davon aus, dass Deutschland nur rund zehn Jahre vom eigenen Schiefergas profitieren könnte. Für mehr Unabhängigkeit von russischen Vorräten sollte Deutschland darum aus mehr Ländern Gas beziehen. Geliefert werden könnte zum Beispiel aus dem Kaspischen Meer über die Türkei. Auch Flüssiggasimporte über spezielle Terminals seien prinzipiell aus aller Welt möglich. “Dazu”, so Bonn, “müsste aber die Infrastruktur innerhalb der europäischen Union ausgebaut werden.”