Forscher: Gebäudesanierung könnte EU Milliarden für Stromnetz einbringen

Durch die Gebäudesanierung könnte man bei den Investitionen in Stromnetze und die Stromgewinnung sparen. [Eurima]

EXKLUSIV/ Eine aktuelle Untersuchung zu Kosteneinsparungen durch Energieeffizienz kommt zu dem Ergebnis, dass die EU durch Gebäudesanierungen bis 2050 Investitionen in Stromnetze in Höhe von 80 bis 153 Milliarden Euro einsparen könnte. EURACTIV Brüssel berichtet.

Diese Einsparungen, kalkuliert nach einer Tiefensanierung des Gebäudebestandes in der EU, entstehen auf Netz- und Produktionsebene – zusätzlich zu den niedrigeren Kosten, die durch den geringeren Verbrauch wegen der Effizienzmaßnahmen verursacht werden.

Die Stromnachfrage und die Spitzenbelastung könnten um beinahe 57 Gigawatt gesenkt werden, wie Untersuchungen der Klimaberatungsagentur Ecofys ergaben. Diese Einsparungen entsprechen der gesamten Stromproduktion der Niederlande und Österreichs.

„Diese zusätzlichen Einsparungen in Spitzenbelastungskapazitäten und Netzinfrastruktur […] sollten Teil der Wirtschaftlichkeitsbewertung der Energieeffizienz von Gebäuden sein, inklusive Strategien zur Tiefensanierung“, so der Bericht.

Zum Erreichen ihrer CO2-Ziele soll sich die EU hin zur Elektrifizierung der Heizungssysteme und weg von fossilen Brennstoffen bewegen. Die Erneuerbaren sollen dann Wohnungen über Wärmepumpen beheizen, die Elektrizität in Wärme umwandeln.

Die Kommission will eine EU, die bis 2050 zu 80 bis 95 Prozent kohlenstofffrei ist. Doch das wird ohne eine verbesserte Energieeffizienz sehr kostenintensiv. Denn das Stromnetz wird eine teure Überholung brauchen, damit es die gestiegene Nachfrage bewältigen kann.

Das wird erhebliche Investitionen in das Netz erfordern. Doch Kosten in Milliarden Euro könnten durch die Tiefensanierung ausgeglichen werden, wie die durch den Verband Europäischer Dämmstoffhersteller (Eurima) in Auftrag gegebene Studie befindet. Sollte das Stromnetz nicht aufgerüstet werden, könnte die größere Nachfrage zu Ausfällen und Blackouts führen.

Flexbilität

Gebäuderenovierung bringt nach Einschätzung der Forscher auch die dringend erforderliche Flexibilität für das Netz in Spitzenzeiten. Sie verringert die Stromnachfrage, flacht so die Spitze ab. Dadurch werden weniger Investitionen in die Erzeugung und die Netzinfrastruktur benötigt, um der Nachfrage Herr zu werden.

Effizientere Gebäude halten die Raumtemperaturen für längere Zeit stabil, auch bei abgeschalteter Heizung. Dadurch könnte man weitere zwölf Gigawatt einsparen.

Frühere Ecofys-Studien zeigen die anderen Vorteile, die aus der gesteigerten Effizienz durch eine Sanierung entstehen: eine Senkung der CO2-Emissionen, eine Erhöhung der Energiesicherheit und mehr Arbeitsplätze.

Doch zum ersten Mal konzentrierten sich Forscher mit einer Studie auf die Vorteile auf der Angebotsseite des Stromsystems. Das könnte nach ihren Angaben dabei helfen, ein widerstandsfähiges Energiesystem zu schaffen.

Gebäudeinvestitionen werden benötigt

Mit ihrem Aktionsplan zur Energieeffizienz will die Kommission zwei Millionen Arbeitsplätze schaffen, die industrielle Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und mögliche Einsparungen von 1.000 Euro pro europäischem Haushalt erwirken.

Es braucht nach Forscherangaben pro Jahr Investitionen in die Gebäude in Höhe von 60-100 Milliarden Euro, damit das Ziel einer 20-prozentigen Einsparung bis 2020 im Vergleich zu den Werten von 1990 erreicht wird. Im Oktober des vergangenen Jahres verständigten sich die EU-Staats- und Regierungschefs auf Einsparungen von 27 Prozent bis 2030.

Die Vorteile einer Gebäudesanierung in Europa finden zunehmend Anklang. Dennoch liegen die Investitionen unter der Hälfte der eigentlichen Anforderungen. Zum Erreichen der Ziele für 2050 müssten sie um das Fünffache steigen.

Nach Kommissionsschätzungen sollen 75 Prozent aller Gebäude in Europa ineffizient sein. Sie fordert die nationalen Entscheidungsträger dazu auf, der Energieeffizienz Priorität einräumen.

Für die Kommission ist die Energieeffizienz, vor allem in Gebäuden, ein wichtiger Eckpfeiler für die Energieunion. Damit will sie die Energiesicherheit der EU stärken und den Klimawandel bekämpfen.

Passender Zeitpunkt für Veröffentlichung

Der Bericht kommt zum richtigen Zeitpunkt. Heute ist der „Renovate Europe“-Tag und die 21. UN-Klimakonferenz in Paris steht unmittelbar bevor. Das erklärte Ziel der Konferenz ist ein Abkommen, das die Erwärmung auf zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzt.

Die Kommission bereitet auch ihre Strategie zum Heizen und Kühlen vor. Sie wird für nächsten Februar erwartet. Sie überprüft auch gerade die Richtlinien zur Energieeffizienz und über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden. Die nationalen Regierungen haben beide Gesetzgebungen noch nicht richtig in ihre Gesetzbücher übertragen.

Beide Richtlinien werden 2016 umgestaltet- sie sollen dafür sorgen, dass die EU ihre Effizienzziele für 2030 erreicht.

„Die Befunde dieses Berichts, insbesondere die finanziellen Zuwächse und die Zugewinne bei der Flexibilität auf Angebotsseite sollten in der bevorstehenden Strategie zum Heizen und Kühlen und den Überprüfungen der Effizienz-Richtlinien berücksichtigt werden“, sagt Celine Carré, die Vorsitzende des Eurima-Energieeffizienzausschusses. „Das ist eine Botschaft, die ein größeres Bekenntnis zur Innovation anregt. Die politischen Entscheider sollten bei der Renovierung des europäischen Gebäudebestands wagemutiger und ehrgeiziger sein.“

Hintergrund

Nach Angaben der EU-Kommission sind Gebäude für 40 Prozent des Energieverbrauchs und 36 Prozent der CO2-Emissionen in der EU verantwortlich.

Der Renovate Europe-Kampagne zufolge könnte der Energiebedarf von Gebäuden durch modern Technologie um 80 Prozent reduziert werden. Allerdings braucht es einen wirksamen Regulierungs- und Gesetzesrahmen, damit das geschieht. Heute ist “Renovate Europe“-Tag.

Aktivisten und politische Entscheidungsträger sind sich einig, dass Energieeffizienz durch die Gebäudesanierung großes Potenzial für die Emissionssenkung, die Ankurbelung der Wirtschaft und die Stärkung der Energiesicherheit birgt.

Zeitstrahl

  • 15. Oktober: Renovate Europe Day
  • 30. November: UN-Klimakonferenz
  • Februar 2016: Strategie für Heizen und Kühlen soll vorgelegt werden
  • 2016: Überprüfung der Richtlinien zur Energieeffizienz

Weitere Informationen

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