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30/09/2016

Fangquoten in der Ostsee: Heftige Kritik an den Vorschlägen der EU-Kommission

Energie und Umwelt

Fangquoten in der Ostsee: Heftige Kritik an den Vorschlägen der EU-Kommission

Umwelt- und Fischereikommissar Karmenu Vella.

[European Parliament CC BY-NC-ND 2.0/ Flickr]

Die EU-Kommission hat ihre Vorschläge für zulässige Fischfangmengen in der Ostsee vorgelegt. Naturschützer kritisieren, sie folge nur „wirtschaftlich rentablen“ Empfehlungen aus der Wissenschaft. EurActiv Brüssel berichtet.

Am gestrigen Montag präsentierte die Kommission ihre Fischfangquoten für 2017. Eine endgültige Entscheidung darüber wird der Rat für Landwirtschaft und Fischerei vom 10. bis 11. Oktober fällen. Jeden Herbst diskutieren die EU-Minister Vorschläge zu den zulässigen Gesamtfangmengen (TACs). Dabei stützen sie sich auf die wissenschaftlichen Daten unterschiedlicher Organisationen, die vom Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) zusammengetragen werden.

Die EU-Kommission will die Fangquoten für sechs von zehn Fischbeständen in der Ostsee erhöhen: Hering in der westlichen und mittleren Ostsee und im Bottnischen Meerbusen, Sprotte und Scholle sowie Lachs im Hauptbecken der Ostsee. Eine Bestandsverringerung ist hingegen für Heringe im Golf von Riga und Lachse im Finnischen Meerbusen geplant. Um die Fangmöglichkeiten für die übrigen zwei Bestände (Dorsch in der westlichen und östlichen Ostsee) festzulegen, müssten noch weitere Daten gesammelt werden, so die Kommission.

Ihre Vorschläge entsprächen wissenschaftlichen Empfehlungen, bekräftigt sie. Karmenu Vella, Umwelt- und Fischereikommissar, bezeichnet die geplanten Fischfangquoten als „gute Nachrichten“ für die Fischer. Ihm zufolge werden sie dabei helfen, die Fischerei in der EU nachhaltiger zu gestalten.

„In sozio-ökonomischer Hinsicht dürfte sich durch den Kommissionsvorschlag die Gesamtwirtschaftsleistung in der gesamten Ostsee verbessern, wenn auch erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Flottensegmenten und Fischereien bestehen. Durch diesen Vorschlag könnten sich auf Ebene der Ostsee sowohl die Gewinne um 13 Millionen Euro als auch die Beschäftigung erhöhen“, meint die Kommission.

Das Problem mit dem Ostsee-Dorsch

Viele stellen jedoch die Art, wie die Kommission mit der derzeitigen Situation umgeht, in Frage. Als Beispiel wird dabei häufig der Ostsee-Dorsch herangezogen. Der Dorsch ist der wertvollste Fisch in der Ostsee. Studien zufolge ist er jedoch auch von großer Bedeutung für das regionale Ökosystem.

Die sinkenden Dorschbestände hätten zu einer Vermehrung von Sprotten geführt, wodurch wiederum das Zooplankton, Hauptnahrungsquelle der Sprotten, nach und nach schwinde, warnt die Medien-Plattform Save our Baltic Sea. „Infolge dessen nimmt die Population von Phytoplankton zu. Möglicherweise bilden sich Algenblüten. Hohe Mengen an Phytoplankton können zu Sauerstoffarmut im Wasser oder ausgestorbenen Meeresboden führen, denn die Algen verbrauchen viel Sauerstoff, wenn sie absterben.“

In ihrer Pressemitteilung verweist die Kommission auf die Studien des ICES. Sie gesteht, dass sich die Situation des Ostsee-Dorschs dieses Jahr nicht verbessert habe, da der Druck seitens des kommerziellen Fischfangs und der Freizeitfischerei „noch immer hoch“ sei. Vorschläge zu den Fangmengen für Dorsche gebe es erst, wenn die Expertengruppe des Wissenschafts-, Technik- und Wirtschaftsausschusses für die Fischerei (STECF) weitere Informationen vorlege.

In den letzten Jahre habe die Kommission immer wieder versucht, sich auf diese Art herauszureden, erfährt EurActiv aus informierten Kreisen. Warum sollte die Kommission auf zusätzliche Informationen warten, „wenn doch alle notwendigen Daten vorliegen“?

Die Kommission folge bei den Fischfangquoten nur dann wissenschaftlichen Empfehlungen, wenn diese „wirtschaftlich rentabel“ seien, kritisiert Oceana, eine internationale Organisation für den Schutz der Meere. „Sie ignoriert die Prioritäten der ökologischen Nachhaltigkeit, wenn diese kurzfristige Opfer fordern.“

„Die europäischen Fischereiminister scheren sich nicht um die Situation der Dorschbestände. Seit Jahren treffen sie kurzsichtige Entscheidungen. Es ist wirklich erschütternd, dass die EU-Kommission, die eigentlich als Patron der Gemeinsamen Fischereipolitik handeln sollte, sich fein rauszuhalten versucht“, so Lasse Gustavsson, Exekutivdirektor von Oceana Europe. Die Lage der Ostsee-Dorsche verschlechtere sich Jahr für Jahr. Daher sei von einer sozio-ökonomischen Nachhaltigkeit in der Fischfangindustrie gar nicht zu sprechen. „Wir müssen uns angemessen um die Grundlagen – die natürlichen Ressourcen – kümmern, […] denn in ausgestorbenen Meeren kann man nicht fischen.“

Die Kommission sollte Oceana zufolge endlich Höchstfangmengen für Dorsche der östlichen und westlichen Ostsee festlegen. Schon im letzten Jahr habe die Kommission das Problem ignoriert und keine TACs für Dorsche vorgeschlagen. „Trotz aller Kritik wälzt sie die Verantwortung [erneut] auf die EU-Mitgliedsstaaten ab, die der Überfischung seit vielen Jahren stillschweigend zusehen.“

Zeitstrahl

  • 10.-11. Oktober: Rat für Landwirtschaft und Fischerei entscheidet über die vorgeschlagenen Fangmengen der Kommission.

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