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27/08/2016

Europäische Altmeiler sind “tickende Zeitbomben”

Energie und Umwelt

Europäische Altmeiler sind “tickende Zeitbomben”

Die europäischen Atommeiler sind im Schnitt 29 Jahre alt.

[Udo Springfeld/Flickr]

Kurz vor dem Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima hat die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) auf die Gefahren hingewiesen, die von vielen Altmeilern in Europa ausgehen.

Der stellvertretende IPPNW-Vorsitzende, Alex Rosen, bezeichnete die besonders umstrittenen belgischen AKW Tihange und Doel im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP als “tickende Zeitbomben”.

Das Risiko eines gravierenden Atomunfalls bestehe “nicht nur für Belgien, sondern für alle
umliegenden Länder”. Als besonders gefährdet bezeichnete Rosen die Region Nordrhein-Westfalen. Neben Tihange und Doel rechnet Rosen das tschechische Atomkraftwerk
Temelin, die beiden französischen Pannenmeiler Cattenom und Fessenheim, mehrere ukrainische Meiler, aber auch den letzten verbliebenen deutschen Siedewasserreaktor in Gundremmingen zu den “größten Risiko-Akws” in Europa.

In einem Interview mit EurActiv hatte dazu Claus Mayr, Direktor für Europapolitik des Naturschutzbunds Deutschland e.V. (NABU), bereits Stellung bezogen. Die Aachener Städteregion plant  juristisch gegen die belgischen Atomkraftwerke Doel und Tihange und die Wiederinbetriebnahme der Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 vor Gericht zu ziehen. In dieser Woche haben die Landesregierungen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zudem beschlossen, eine Beschwerde bei der EU-Kommission einzureichen, da Belgien für die Laufzeitverlängerungen der Reaktoren Tihange 1 sowie Doel 1 und 2 keine Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt hat.

“Es muss nicht immer der Altreaktor aus Osteuropa sein”, warnte Rosen vor falscher Sicherheitsgläubigkeit bei neuer Reaktortechnologie. “Kein Land der Welt, kein Atomreaktor ist zu hundert Prozent sicher, überall kann es jeden Tag zu einer Atomkatastrophe kommen. Gerade die kürzlich aufgedeckten Skandale im Akw Fessenheim, wo eine Beinahe-Katastrophe jahrelang vertuscht wurde, haben dies wieder deutlich gemacht.”

“So lange es Atomkraftwerke gibt, gibt es auch das Risiko eines Super-GAU”, sagte Rosen der AFP. “Die einzige Möglichkeit, Atomkatastrophen wie in Tschernobyl, Fukushima oder Harrisburg zu verhindern ist, alle Atomkraftwerke abzuschalten. Und wir sehen ja in Japan und in Deutschland, dass wir gut ohne Atomkraft leben können; dass ohne Atomkraft nicht die Lichter ausgehen”, sagte Atomexperte.

In Fukushima war infolge eines schweren Erdbebens und eines Tsunamis am 11. März 2011 das Kühlsystem ausgefallen, woraufhin es in mehreren Reaktoren zur Kernschmelze kam. Drei der sechs Reaktoren wurden bei der Katastrophe zerstört und das umliegende Gebiet radioaktiv verseucht. Die Aufräumarbeiten sollen noch viele Jahrzehnte dauern. Zehntausende Menschen mussten damals die verstrahlte Gegend in und um Fukushima verlassen. Nach dem Unglück wurden alle Atomanlagen in Japan abgeschaltet. Inzwischen wurden landesweit vier Reaktoren
wieder ans Netz genommen.

Rosen forderte seriöse und unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen zu den Folgen von Fukushima. Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 habe es vor allem wegen der Geheimhaltung in der Sowjetunion kein umfassendes Bild von dem Atomunfall und seinen Folgen gegeben. “Aber auch jetzt in Japan sehen wir, dass es große Interessen gibt, nicht angemessen und seriös zu untersuchen. Die in Japan einflussreiche Atomlobby und die Atomwirtschaft haben daran kein Interesse”, kritisierte Rosen.

“Um die Folgen der Atomkatastrophe abschätzen zu können, braucht man große epidemiologische Studien”, sagte der Arzt. Rosen forderte “Reihenuntersuchungen, wie das jetzt bei Schilddrüsenkrebs in der Präfektur Fukushima der Fall ist”. “Das Problem in Japan ist jedoch: dass erstens kein großes politisches Interessen an solchen Studien besteht und zweitens, die Wissenschaftler, die in Frage kommen, oft von der Atomlobby und -industrie
finanziert werden.”

So werde die Schilddrüsenstudie von der Fukushima Medical Universtity erstellt, die dabei von der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO finanziell unterstützt werde. Das stelle die Neutralität in Frage.

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