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28/09/2016

Europa als Spielball der Fracking-Lobbyisten?

Energie und Umwelt

Europa als Spielball der Fracking-Lobbyisten?

Wird Fracking den EU-Energiemix in Zukunft bestimmen? Foto: Erick Gustafson (CC BY-NC 2.0)

Exklusiv: Umweltaktivisten kritisieren einen neuen EU-Forschungsfonds, der Schiefergas-Konzerne dazu einlädt, sich um Subventionen in Höhe von 113 Millionen Euro zu bewerben. Dabei handelt es sich um ein Programm, das ins Leben gerufen wurde, um „wettbewerbsfähige kohlenstoffarme Energie“ zu fördern. EurActiv Brüssel berichtet.

Der Forschungsfonds Horizon 2020, der von 2014 bis 2020 läuft, soll dabei helfen, mögliche Auswirkungen und Risiken für die Umwelt zu bestimmen, die durch die Förderung von Schiffergas entstehen könnten. Das soll durch Satellitenüberwachung, die Entwicklung von Modellen und durch wissenschaftliche Empfehlungen für „best practices“ erreicht werden.

Die Gelder werden an Gaskonzerne fließen, die ansonsten selbst für die Forschung bezahlen müssten. Umweltaktivisten kritisieren die neue Prämierung als Widerspruch zur EU-Dekarbonisierungpolitik. „Die Kommission sagt, dass sie ein hohes Maß an Umweltschutz gewährleistet und dass sie sich ernsthaft um die Bekämpfung des Klimawandels bemüht, aber auf der anderen Seite finanziert sie die Forschung der Schiefergasindustrie. Diesen Interessenskonflikt kann man nicht ignorieren“, sagt Antoine Simon, Sprecher von Friends of the Earth gegenüber EurActiv. „Es ist besonders zynisch, weil es die Verteilung öffentlicher Gelder an eine Industrie betrifft, die von einigen der reichsten Konzerne der Welt dominiert wird und es viel wichtigere Forschungsprojekte im Bereich Energieeffizienz und erneuerbare Energien gibt.“

Die zuständige Generaldirektion Forschung und Innovation der Kommission will nicht verraten, welche Firmen sich um die Einnahmen beworben haben. Immerhin gibt sie bekannt, dass ein 33 Millionen-Euro-Topf für die Finanzierung der Prämien in diesem Jahr bereitgestellt wurde. „Von den 23 ursprünglichen, in Frage kommenden Bewerbern werden sieben bis zum 23. September eingeladen, ihre finalen Anträge einzureichen. Wir können noch nicht sagen, wie viele Projekte beibehalten werden, und auch nicht, wer um Geld bittet, weil es eine wettbewerbliche Ausschreibung ist“, sagte ein EU-Beamter zu EurActiv. Obwohl die Kommission eine Begrenzung von drei Millionen Euro pro Vergabe bevorzuge, würde sie auch höhere Anfragen in Betracht ziehen.

Diese Politik beruht auf einer Ratsentscheidung vom letzten Dezember. Demnach dürfen Horizon 2020-Finanzmittel für die unkonventionelle Exploration und Produktion von Gas- und Ölreserven ausgegeben werden, wo es als angemessen gilt. Der entsprechende Finanzierungsaufruf wurde ein paar Tage später veröffentlicht. 

Ist die Ausbeutung von Schiefergas kohlenstoffarm?

Schiefergas wurde im Programm als kohlenstoffarm eingestuft, weil es „beim Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft helfen könnte, vorausgesetzt, dass seine Emissionen, unter anderem Treibhausgasemissionen, adäquat abgeschwächt werden können“, sagt ein EU-Beamter. Er deutet an, dass die neuen Mittel dabei helfen könnten.

Ein Bericht des wissenschaftlichen Chefberaters der britischen Regierung, David MacKay, widerspricht diesen Aussagen. Er kommt in seiner Analyse zu dem Schluss, dass die Kohlenstoffemissionen, die durch Schiefergas entstehen ungefähr denen des aus Katar importierten Flüssiggases entsprechen. Der Bericht befindet, dass „der größte Effekt der Schiefergasproduktion und ihres Verbrauchs im Vereinigten Königreich die Verdrängung des importierten Flüssiggases, oder möglicherweise des durch Pipelines transportierten Gases von außerhalb Europas ist. Der Nettoeffekt auf die britische Menge an Treibhausgasen ist wahrscheinlich gering“. 

Nach Angaben des UN-Klimarats (IPCC) entstehen durch Schiefergas ungefähr halb so viele C02-Emissionen wie durch Kohle und Gas – allerdings dennoch exponentiell mehr, als durch erneuerbare Energien wie Wind- und Sonnenenergie entstehen.

Marcus Pepperell, ein Sprecher des Konzerns Schiefergas Europa, verweist darauf, dass die IPCC-Berichte ebenfalls das unkonventionelle Gas als mögliche Überbrückung auf dem Weg zu einem Stromsystem aus erneuerbaren Energien aufführen. „Europa sieht besonderen Energiesicherheitsproblemen entgegen und dennoch haben wir keine wirtschaftlichen Schiefergas-Unternehmungen in Europa. Es ist nur logisch, dass die Kommission alle Möglichkeiten in Betracht zieht, um Europas Energiemix zu diversifizieren“, sagt er gegenüber EurActiv.

Darüberhinaus sei es in Anbetracht der erheblichen Investitionen in die erneuerbaren Energien und andere Energiequellen angemessen, dass man schaue, wo Europa innerhalb eines nachhaltigen Umweltrahmens eine Schiefergasindustrie aufbauen könne, so Pepperell.

Isaac Valero, Sprecher von Klimakommissarin Connie Hedegaard, ist ebenfalls der Meinung, dass Schiefergas eine Brücke auf dem Weg zu erneuerbaren Energien und Energieeffizienz sein kann, warnt aber gleichzeitig, dass „Schiefergas alleine das Klimaproblem nicht lösen wird.“ Hedegaard hatte zuvor gefordert, dass europäische Entwicklungsbanken an der Spitze eines Stopps der öffentlichen Unterstützung für fossile Brennstoffe stehen müssten.

Welche Rolle spielt Methangas beim Fracking?

Der wichtigste Punkt der Diskussion über den möglichen Beitrag, den Gas bei der Bekämpfung des Klimawandels leisten könnte, ist die Methan-Frage. Dieses Treibhausgas wirkt über einen ungefähr 100-jährigen Zeitraum 25mal stärker als Kohlenstoffdioxid und 72mal stärker über eine Zeitspanne von 20 Jahren. Wissenschaftler glauben, dass es ein besonders gefährlicher Auslöser für die Rückkoppelung der globalen Erwärmung ist.

Würde man Methangas-Emissionen in Betracht ziehen, würden die Auswirkungen des Schiefergases auf die Klimaerwärmung zwischen 20 Prozent und 100 Prozent schwerer wiegen als Kohlenstoff. Das geht aus einer Studie des Professors Robert Howarth von der Universität Cornell aus dem Jahr 2011 hervor. Andere Berichte sind jedoch weniger alarmierend.

Sobald der Fracking-Prozess bei der Gewinnung des Schiefergases beendet ist, strömen große Mengen Methangas und Chemikalien, die in der Fracking-Flüssigkeit enthalten sind, an die Oberfläche. Dort angekommen könnten sie in die Atmosphäre abziehen, verbrannt und somit in Kohlenstoffdioxid umgewandelt werden, oder gesammelt und verkauft werden – mittels sogenannter „green completion“-Techniken.

Im letzten Jahr sagte Howarth gegenüber EurActiv, dass „green completion“ die umwelttechnisch beste Methode sei, „obwohl durch die Operation wahrscheinlich immer noch Methan freigesetzt wird. Aber es wird in den USA nicht durchgehend gemacht. Es braucht Zeit, und die Firmen wollen so schnell wie möglich weiter, um ein weiteres Bohrloch aufzubauen.“

Die Regulierung der US-Umweltbehörde, die diese Techniken mit einigen Ausnahmen bis 2015 zur Vorschrift machen sollte, hänge allerdings von den Berichten der Industrie über Methanemissionen ab und nicht von Inspektionen .

Die europäischen Konzerne werden in den vorgeschlagenen neuen EU-Leitlinien zur Selbstkontrolle aufgerufen. Diese Vorgaben könnten ab 2015 verbindlich werden.

Abziehende Methangase seien für das bloße Auge nicht erkennbar – und deshalb seien Betrügereien Tür und Tor geöffnet, so Howarth. „Bei unbeobachteten Vorrichtungen wird zumindest manchmal geschummelt, man muss sich nur anschauen, wie die Öl- und Gasindustrie in den USA diese Verordnungen in der Vergangenheit befolgt haben. In Europa wird die Industrie vielleicht Informationen liefern müssen, aber wer weiß, ob diese Informationen korrekt sind? Die Industrie hat natürlich ein gesteigertes Interesse daran, vorzugeben, dass die Methanemissionen gering sind.“

Die Gasindustrie hingegen kontert, dass die Schieferbohrungen in Europe schon in die Gesetzgebung aufgenommen werden könnten, zum Beispiel in die Minenabfälle-Richtlinie und die Wasserrahmenrichtlinie. „Wir glauben nicht, dass es für Schiefergas spezifische neue Regeln geben muss, aber sollten Gesetzeslücken ermittelt werden, analysieren wir die Situation gerne mit den Gesetzgebern um den bestmöglichen Weg zu finden“, sagt Alessandro Torello, Sprecher der Internationalen Öl- und Gasproduzenten.