Erneuerbare Energien in Italien: Mafia und Multis greifen Subventionen ab

Windpark auf Sardinien. [HrodebertRobertus/Flickr]

Tausende Solarmodule glitzern in der Sonne, das Ackerland darum ist öde. Die italienische Insel Sardinien schwelgt in einem Boom der erneuerbaren Energien. Doch auch windige Geschäftemacher und die organisierte Kriminalität entdecken das Geschäft mit den erneuerbaren Energien für sich.

Sardinien will die vielen Sonnenstunden nutzen und seine strukturschwache Wirtschaft durch die Umsteig auf grüne Energien ankurbeln, doch oft greifen auch die Mafia und multinationale Unternehmen die eigentlich für Landwirte bestimmten Subventionen ab.

In ganz Italien nehmen Städte und Kleinestädte Wasserkraft, Erdwärme, Windkraftanlagen, Solarmodule, Dampfkraftwerke und Biomasseanlagen mit Begeisterung in Betrieb – dank der großzügigen staatlichen Subventionen.

Im Nordwesten Sardiniens wird die Ernte von Disteln und Sonnenblumen dazu genutzt, Energie aus Biomasse zu gewinnen. Auf den Hügeln der Inselmitte stehen weiße Windturbinen, die den zweitgrößten Windpark Italiens bilden.

Die wirtschaftliche Situation ist sehr angespannt. Die Jugendarbeitslosigkeit in der Region liegt bei über 50 Prozent. Viele hofften darauf, dass die grünen Anreize des Staates nicht nur den sich irgendwie durchkämpfenden Familiengemeinschaften neues Leben einhauchen würde, sondern auch Unternehmen aus anderen Landesteilen und ausländische multinationalen Unternehmen anziehen würde. Sie sollten die dringend benötigten Arbeitsplätze schaffen.

Doch genau hier liegt nach Angaben von Aktivistengruppen das Problem. Die Subventionen stammen aus den Taschen der Steuerzahler. Doch bis jetzt habe die Region wenig von den Gewinnen der Energiefirmen gesehen. Vielen von ihnen wird vorgeworfen, mit Betrugsabsicht Mittel angefordert zu haben.

„Geld verlässt das Land“

Der sardische Staatsanwalt Mauro Mura warnte im vergangenen Jahr vor einer Infiltrierung des Sektors durch die Mafia. Es gebe einige Fälle von Anlagen für erneuerbare Energien, die sehr stark von Subventionen, die nur für Bauern bestimmt waren, profitierten. Sie haben Mura zufolge „überhaupt keine landwirtschaftlichen Waren produziert“.

„Die Anreize waren für echte Landwirte bestimmt, es war eine helfende Hand vom Staat. Sie sollten einige auf ihrem Land für den Eigenbedarf installieren und die übriggebliebene Energie weiterverkaufen“, sagt der 63-jährige Aktivist Pietro Porcedda.

Bei Narbolia nahe der sardischen Westküste steht ein solcher Solarpark, verteilt auf den fruchtbarsten Feldern der Stadt. Über 107.000 Solarmodule sind auf den Dächern von rund 1.600 Gewächshäusern befestigt. Darin wollten die Besitzer Aloe-Pflanzen anbauen.

Doch die Module fangen das Sonnenlicht auf. Es wächst dort nichts als Unkraut. Die chinesische Betreiberfirma streiche in der Zwischenzeit die Gewinne aus 20 Jahre laufenden Subventionen und aus dem Verkauf seiner Energie an den italienischen Riesen Enel ein, so Porcedda.

„Stattdessen verlässt das Geld das Land, es wird hier nicht wiederinvestiert. Und die 60 Arbeitsplätze, die man uns versprach? Vier Leute werden hier beschäftigt“, sagt er. Er macht nicht die multinationalen Unternehmen dafür verantwortlich. Es seien vielmehr die italienischen Behörden, die bei der Situation ein Auge zudrücken würden.

Das Potenzial für Investitionen ist groß – genauso wie das für Korruption. „Die italienische Mafia investiert mehr und mehr in die erneuerbaren Energien“, warnte Europol 2013.

Seither wuchs der Sektor. Insbesondere bei der Solarenergie ist Italien zu einem weltweiten Marktführer geworden. Mehr als jedes andere Land deckt es seinen Energiebedarf aus Sonnenenergie: 7,5 Prozent des nationalen Verbrauchs kommen aus der Produktion der Sonnenkollektoren.

Nach Angaben der wichtigsten italienischen Umweltgruppe, Legambiente, rühmt sich jede einzelne Gemeinde im Land zumindest einer erneuerbaren Energiequelle. 323 gelten aufgrund von Windparks als stromautark.

„Drohungen werden uns nicht aufhalten“

Trotz des Erfolges war die italienische Regierung gezwungen, die Subventionen im vergangenen Jahr zu verringern. So wollte sie die Strompreise drastisch senken. Denn die Haushalte bezahlten 94 Euro zusätzlich zu ihren Rechnungen, um die grünen Energien zu unterstützen.

Je nach Anlagenkapazität wurden die Zulagen für Photovoltaikanlagen zwischen sechs Prozent und 25 Prozent verringert.

Damit kann die Regierung vielleicht das Interesse zukünftiger Investoren eindämmen. Doch die Maßnahme wird wenig dafür tun, die bereits vorhandenen Probleme anzufechten.

„Die ersten Subventionen waren sehr hoch, sie machten die multinationalen Unternehmen hungrig und sie kamen hierher, um zu investieren“, sagt Rosetta Fanari. Sie produziert auf ihrem Hof Ricotta-Käse, mit Hilfe eines ultramodernen Solarstromerzeugers.

Sie repräsentiert eines der örtlichen Unternehmen, die stolz darauf sind, von den Subventionen zu profitieren – so, wie es ursprünglich vorgesehen war. Es solle mehr getan werden, „um sicherzustellen, dass der Wohlstand hier bleibt, um Vorteile für die Umwelt, die Sardinier zu schaffen.“

Einige Einheimische nehmen einen Stopp umstrittener Projekte in die eigene Hand. Die Biologin Manuela Pintus wurde in diesem Jahr zur Bürgermeisterin des nahgelegenen Arborea gewählt. Sie gewann die Wahl wegen ihrer Kampagne für die Verhinderung von Explorationsbohrungen für Erdgas neben einem Refugium für geschützte Pelikane.

„Unsere Unterstützer erhielten von denjenigen Drohungen, die das Bohrloch wollten, die sagten ‚Wir werden alles, was ihr habt zerstören, wenn ihr für Manuela stimmt“, sagt sie. „Das stoppte uns nicht. Wir haben örtliche Mütter und Großeltern hinter uns, und werden den Kampf zum Schutz unseres Landes für künftige Generationen forstsetzen.“

Hintergrund

Die meisten erneuerbaren Energien sind immer noch teurer als fossile Brennstoffe. Deshalb wurden verschiedene Unterstützungssysteme lanciert, um den Umstieg zu beschleunigen und das EU-Ziel von einem 20-prozentigen Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix bis 2020 einzuhalten.

Die Kommission warnte im vergangenen Jahr vor einem weiteren Anstieg der EU-Energiepreise, wenn die Regierungen keine Schritte zur Senkung der Subventionen für erneuerbare Energien unternehmen.