Energiewende: Experten fordern mehr Einsatz von Unternehmen

Ein großer Schritt Richtung Energiewende ist getan - doch Experten warnen vor der zu schleppenden Umstellung von Energieunternehmen. [blu-news.org]

Energiewende, Energieunion, immer neue Technologien – Europa steht energiepolitisch vor einem der anspruchsvollsten Infrastrukturprojekte seit dem Anbruch der industriellen Produktion. Doch Experten warnen: Produktion, Speicherung und gesetzliche Regulierung hinken dem ehrgeizigen Ziel hinterher.

Europa erlebt einen energiepolitischen Wandel: Klimaschutz- und die Ressourcenpolitik werden in den kommenden Jahren die Energielandschaft maßgeblich verändern, eine Energieunion soll den europäischen Binnenmarkt miteinandern verzahnen.

Dass dieser Weg kein leichter sein wird, ist den meisten Beteiligten aus Politik und Wirtschaft klar. Wie die Umstellung auf den Wandel für alle Beteiligten genau stattfinden soll, ist higegen weniger klar. Denn allein die Energiewende ist ein großes und anspruchsvollstes Infrastrukturprojekt – und stellt damit sowohl Energieversorger, Industrie als auch Verbraucher vor zahlreiche Herausforderungen.

Endkunden in Deutschland treiben Energiewende an

Besonders in Deutschland ist der Endkunde ein wichtiger Motor für diesen Wandel – so zumindest lautet die Auffassung von Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium.

„Hierzulande kriegt man inzwischen Probleme, wenn man nicht über die Energiewende spricht“, sagte Flasbarth am Montag auf einer Konferenz in Berlin. Er sei darum optimistisch, dass sich der Energiesektor, wie von Deutschland angestrebt, bis 2050 völlig ohne Kohle betreiben lasse. Die Neuausrichtung auf erneuerbare Energien kann Flasbarth zufolge für den Verbraucher einen entscheidenden Vorteil haben: Sie öffne Türen für mehr individuellen Einfluss auf den Energiemarkt.

Konkret heißt das zum Beispiel: Wer in Zukunft Solarpanel auf seinem Hausdach betreibt, könnte auch Energie speichern. Damit stellt sich aber auch einige von zahlreichen, ungeklärten Fragen: Was muss noch getan werden, damit auch private Haushalte effizient Energie speichern können? Wie könnte der Kunde zu Hause seine Energieversorgung selbst bestimmten? Wie sehr sollte die Nutung und Speicherung reguliert werden? Und was müssen Unternehmen künftig an Dienstleistungen und Service bereithalten, um diesen neuen Bedürfnissen der Haushalte gerecht zu werden?

Fokus bei Versorgung muss sich von großen Unternehmen wegbewegen

Experten sehen hier noch zu viele Fragezeichen. „Die Industrie hat ihre Entwicklungen noch nicht weit genug vorangetrieben, sowohl bei der Energiegewinnung von Häusern und Autos als auch bei der Speicherung“, mahnte am Dienstag in Berlin etwa der Energieexperte Giulio Volpi von der EU-Kommission. Der Fokus bei der Versorgung müsse sich von den Energie-Riesen auf kleinere und mittlere Unternehmen verschieben, die den Kunden in Sachen Produktion, Speicherung und Nutzung zur Seite stehen.

„Schon bald wird eine Bewegung hin von der Massen- zur Mikroproduktion stattfinden“, so Volpi. Aufgabe der Kommission sei es nun, Innovation und Wettbewerb in diesem Bereich zu unterstützen – und zumindest für die ersten Jahre der Energiewende klare Regulierungs-Richtlinien für den Strommarkt zu formulieren.

Auch für Oliver Schäfer vom europäischen Photovoltaik-Branchenverband (EPIA) ist klar: „Unternehmen, die sich nicht um eine Energie-Umstellung kümmern, werden die kommenden 50 Jahre nicht überleben.“ Das gelte so oder so auch für die Kohle-Industrie. Dafür aber werde es umso mehr Arbeitsplätze in anderen Energiebranchen geben, ist Schäfer sicher. „Man sollte die Vergangenheit nicht blind schützen.“

Energiewende braucht eigenes Geschäftsmodell

Stattdessen sind Energieversorger nun aufgerufen, sich mit den Fakten der klimatischen Entwicklung auseinandersetzen, um Strategien und Instrumente zur Anpassung entwickeln zu können.

Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramts, zeigte sich in Berlin optimistisch, dass die Klimaziele und ein gemeinsamer Energiemarkt-Entwurf erreichbar sind, ohne den Wettbewerb zu zerstören. Doch auch er warnte: „Die Energiewende wird nur eine Erfolgsstory, wenn sie ihr eigenes Geschäftsmodell entwickelt.“

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