Energiewende „bottom-up“: Was Frankreich von Deutschland lernen kann

Die deutschen Atomaussteiger nehmen in Europa eine grüne Vorreiterrolle ein. Foto: campact

Bei der Energiepolitik gehen Frankreich und Deutschland noch immer getrennte Wege. Doch das soll sich ändern: Paris macht ernst mit der Energiewende. Ein Blick über den Rhein kann jetzt nicht schaden, meinen Energie-Experten.

Frankreichs Energiewende steckt weiterhin in den Kinderschuhen. Lediglich 18 Prozent des französischen Stroms stammen aus erneuerbaren Energien. Im Vergleich zu Deutschland ist das wenig, dort sind es 25 Prozent.

„Für den großen Unterschied zwischen beiden Ländern gibt es etliche Gründe“, erklärt Andreas Rudinger, Forscher am Pariser Institut du Développement durable et des relations internationales (IDDRI). 

In Deutschland kam die Debatte über die Sicherheit der Kernenergie erstmals nach der Tschernobyl-Nuklearkatastrophe 1986 auf. „Zwei Monate nach Tschernobyl hat sich die SPD für den Atomausstieg ausgesprochen“, sagt Rudinger.

In Frankreich kommen mehr als 70 Prozent des Stroms aus Kernkraftwerken – ein Debatte darüber, die Anlagen abzuschalten, gibt es nicht. „Wenn die Franzosen eine öffentliche Diskussion über ihre Energiepolitik führen, dann nur über die dringend notwendige Unabhängigkeit von Importen. Und die garantiert eben auch die Kernenergie“, erklärt Yannick Jadot, französischer EU-Abgeordneter der Grünen.

In Deutschland spezialisierten sich zudem immer mehr mittelständische Unternehmen auf Erneuerbare Energien, meint Wolfram Axthelm, Sprecher des Bundesverbands WindEnergie. Einem Bericht der Bundesregierung von 2012 zufolge gibt es in Deutschland 380 000 Jobs in der Branche der Erneuerbaren Energien.

Das liege vornehmlich an den guten Rahmenbedingung für Erneuerbare-Energien-Projekte, sagt Andreas Rudinger. Die bürokratischen Hürden in diesem Bereich seien in Deutschland niedriger als in Frankreich. „In Deutschland braucht es zwischen zwei und drei Jahre, um einen Windpark zu eröffnen. In Frankreich sind es knapp acht Jahre“, so Rudinger.

Es ist zudem einfacher, Fördergelder für Projekte zu ernten. „Die öffentliche Banken, wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), geben etliche Kredite für erneuerbaren Energien Projekte“, fügt Thomas Scheuse hinzu, Generaldirektor der Gesellschaft Green Power Europe.

Energiewende „effektiv aber teuer“

In Deutschland sind es insbesondere die Bürger selbst, die die Energiewende stemmen. „Während in Frankreich die Energiepolitik von der Regierung gemacht wird, gibt es in Deutschland viele kleine bottom-up-Projekte“, sagt Brigitte Knopf, Forscherin am Potsdam Institute for Climate Research Impact.

Einer Studie von Andreas Rudinger und Noémie Poize zufolge gehören rund 40 Prozent der erneuerbaren Kapazitäten, die zwischen 2000 und 2010 gegründet wurden, den Bürgern. „Und nur zehn Prozent sind im Besitz großer Gesellschaften.“, sagt Yannick Jadot. „Das ist in Frankreich ganz anders. Da gibt es große Player wie die Électricité de France (EDF). Die sind stark und haben einen guten Draht zur mächtigen Politik.“

Jüngst begannen französische Abgeordnete mit der Ausarbeitung eines neuen Energiegesetzes. Das Ziel: den Anteil von Strom aus erneuerbaren Energien ein Frankreich bis 2030 auf 40 Prozent anzuheben. „Deutschland kann kein direktes Vorbild für Frankreich sein“, sagt Brigitte Knopf. Dafür hätten beide Länder zu viele Eigenheiten.

„Aber vielleicht kann Paris von den deutschen Erfahrungen lernen, um die von Deutschland gemachten Fehler zu vermeiden“, so Knopf. Der Forscherin zufolge war die deutsche Energiewende „effektiv, aber teuer“. Denn Strom ist heute 46 Prozent teurer als der europäische Durchschnitt.

„Deutschland hat nicht genug für die Energieeffizienz gemacht“, erklärt Andreas Rudinger. „Das kann Frankreich besser.“