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26/07/2016

Energieunabhängigkeit: EU plant diplomatische Großoffensive

Energie und Umwelt

Energieunabhängigkeit: EU plant diplomatische Großoffensive

Flüssigerdgas-Terminals des algerischen Unternehmens Sonatrach

[www.sonatrach-DZ.com]

Die EU-Kommission bereitet einen “diplomatischen Energieaktionsplan” für die Diversifizierung der Erdgaslieferungen in die EU vor. Algeriens große unerschlossene Reserven spielen dabei eine Schlüsselrolle. Bis zum nächsten Jahr will die Kommission auch eine Flüssigerdgas-Strategie vorlegen. EurActiv Brüssel berichtet.

Die Diversifizierung der Gaslieferungen in die EU verlangt die Koordinierung verschiedener Politikbereiche. Energiekommissar Miguel Arias Cañete und die EU-Außenbeauftrage Federica Mogherini vereinbarten bereits “eine kohärente Vorgehensweise” beim Umgang mit Gaslieferanten wie Norwegen und Russland.

“Bis jetzt konzentrieren wir viele unserer Bemühungen auf die Mittelmeerregion”, sagte Cañete in der vergangenen Woche in Brüssel. Er betonte die “enormen Möglichkeiten” Algeriens.

Die Kommission wird am Anfang des nächsten Jahres ein Wirtschaftsforum zu diesem Thema leiten. Dabei will sie analysieren, warum es in Algerien chronische Unterinvestitionen bei der Förderung von Erdgas gibt. Auch die Möglichkeiten für den Abbau der unerschlossenen Reserven – sowohl konventioneller als auch unkonventioneller Art – sollen dabei ausgelotet werden.

Die Offensive ist Teil der Energieunion. Das Projekt bekam politischen Schwung nach dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts. Denn der Konflikt legte die Abhängigkeit der EU von russischen Gasimporten schonungslos offen.

Algeriens Präferenz für langfristige Verträge stünde zur Debatte, da die Märkte eher von Kassapreisen angetrieben würden, so Cañete.

Investoren würden überdies oft von Algeriens strengen Eigentumsregeln abgeschreckt, meinen EU-Beamten. Ausländische Unternehmen seien gezwungen, ein Minderheits-Joint Venture mit dem staatlichen Öl- und Gasunternehmen Sonatrach einzugehen.

“Wir Europäer investieren für den Moment nicht viel in Algerien und Pipelines werden entweder zu wenig genutzt oder überhaupt nicht genutzt. Dies könnte eine sichere Lieferquelle für die EU sein, also sollten wir engere Beziehungen haben”, sagte Cañete.

Andere Länder, denen die diplomatische Offensive gilt, sind Norwegen und die Türkei. Die Skandinavier überholten Russland im Mai als wichtigsten Gaslieferanten für Westeuropa. Mit der Türkei wird die EU im Oktober einen hochrangigen Energiedialog starten.

Ein großes Gesetzgebungspaket wird in der zweiten Jahreshälfte 2016 folgen. Es soll die Vorschläge zur Gaslieferungsstrategie zusammenschnüren.

Flüssigerdgas aus Australien und den USA

Europa sei auf absehbare Zeit weiterhin abhängig von russischem Gas, sagte der Energiekommissar. “Wenn es aber Drehscheiben zur Verhandlung des Gases gibt, wird es neue Quellen und mehr Wettbewerb geben, die Preise werden so nach unten gehen.”

Ein wichtiger Aspekt des Kommissionsansatzes wird die Energieinfrastruktur sein. Man will sicherstellen, dass die Pipelinenetzwerke innerhalb der EU verbunden sind. So soll auch Platz für den erwarteten Anstieg der Importe von Flüssigerdgas (LNG) geschaffen werden.

Die Flüssiggasimporte gingen zwischen 2011 und 2014 um beinahe die Hälfte zurück, wie die Kommission bemerkt. Die EU ist ein “Restemarkt” für das, was asiatische Länder nicht gebrauchen oder sich nicht leisten können.

“Wir denken, es gibt derzeit eine große Chance für Flüssigerdgas. Der Gasmarkt wird sich in Zukunft dramatisch verändern”, meinte der Energiekommissar. Cañete kündigte eine umfassende Strategie für LNG und die Gasspeicherung für Anfang 2016 an.

“Australien steigt zu einem wichtigen Lieferanten in der Welt auf. Wir haben die USA, die Flüssigerdgas exportieren. Und wir haben ein Energiekapitel im Freihandelsabkommen TTIP, in dem wir den Handel mit Flüssigerdgas erörtern. Mit der Gasmenge, die kommt, werden die Flüssiggaspreise mit dem Pipeline-Gas konkurrieren können. Wir glauben also, dass es eine mittelfristige Konvergenz geben wird.“

Doch es bedürfe weiterer Anstrengungen für die Verknüpfung europäischer Gasmärkte, so Cañete. Besonders wichtig sei, die Probleme zu lösen, die rund um die Gasverbindung durch Frankreich herrschen. Andere wichtige Regionen sind das Baltikum und Südosteuropa. Dort werden momentan 14 Verbindungsprojekte entwickelt.

Einige dieser Projekte würden Mittel aus der Fazilität “Connecting Europe” bekommen können, so der spanische Kommissar. Es gebe eine Liste mit Projekten des gemeinsamen Interesses, die im Herbst aktualisiert wird.

Pipeline vs. Flüssigerdgas

Wichtige Gaspipelineprojekte, wie der südliche Gaskorridor, werden voraussichtlich auch eine große Rolle bei der Diversifizierung der europäischen Gaslieferungen spielen.

Im Rahmen von Connecting Europe stehen 5,85 Milliarden Euro für Energieprojekte zur Verfügung. Zum ersten Mal wendet die EU Mittel ausdrücklich für Energieinfrastruktur auf.

Doch umweltpolitische Gruppen bezweifeln die Sinnhaftigkeit des Baus großer Pipelines. Denn aufgrund der Sparbemühungen ging die Nachfrage für Gas im vergangenen Jahrzehnt um neun Prozent zurück

Und dem Umwelt-Think Tank E3G zufolge wird die Nachfrage wahrscheinlich weiter fallen, wenn Europa seine Effizienzziele erreicht: “Es besteht die ernsthafte Gefahr, dass öffentliche Gelder durch die Subventionierung maroden oder ineffizienten Gasinfrastrukturprojekte verschwendet werden.”

Emily Olson ist die Vizepräsidentin für Kommunikation und außerbetriebliche Angelegenheiten bei BP für das Projekt Südlicher Gaskorridor. Sie hat eine andere Sicht auf die Zukunft von Pipelines: “Wir betrachten Pipelines als etwas sehr wertvolles und sehr strategisches für BP”, sagte sie gegenüber EurActiv. “2015 werden wir ungefähr sechs Milliarden Dollar im von BP betriebenen Teil des Südlichen Gaskorridors ausgeben. Insgesamt 28 Milliarden für Shah Deniz II und Pipelineerweiterungen. Wir würden das Geld nicht ausgeben, wenn wir keinen Wert sehen würden.”

Olson zufolge prognostiziert der BP-Energieausblick für 2035, dass zwei Drittel der europäischen Importe aus einem Mix von Pipelinegas und Flüssigerdgas bestehen. “Im Anbetracht der zurückgehenden inländischen Produktion werden sich die Importe weiter diversifizieren.”

Hintergrund

Die Mitteilung zur Energieunion wurde am 25. Februar veröffentlicht und enthält einen Anhang mit "konkreten Vorschlägen", darunter Gesetzgebung, Entscheidungen und Analyse.

Die Energieunion den Plänen der Kommission zufolge eine Reihe von Politikbereichen betreffen, darunter Energie, Verkehr, Forschung und Innovation, Außenpolitik, Regional- und Nachbarschaftspolitik, Handel und Landwirtschaft

Sie ist die EU-Reaktion auf die russische Bedrohung für ihre Gasversorgung. Ein Großteil der russischen Gasimporte geht durch die Ukraine. Insgesamt deckt russisches Gas 30 Prozent des jährlichen EU-Bedarfs.

Russland drehte der EU 2009 den Gashahn zu, was zu Engpässen in Europa führte.

Die Energieunion hat fünf "Dimensionen": Energiesicherheit, der interne Energiemarkt, Energieeffizienz, Klima sowie Forschung und Innovation.

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