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26/09/2016

Energieeffizienz-Richtlinie: EU-Länder missachten Vorgaben zur Gebäudesanierung

Energie und Umwelt

Energieeffizienz-Richtlinie: EU-Länder missachten Vorgaben zur Gebäudesanierung

Österreichs Gebäudesanierungs-Strategie kam in der BPIE-Analyse am schlechtesten weg. Foto: [Marcus Rahm/Flickr]

Die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten ignorieren die Vorteile der Sanierung des Gebäudebestandes für die Energieeffizienz und Energiesicherheit, heißt es in einem aktuellen Forschungsbericht, dem EurActiv vorliegt. EurActiv Brüssel berichtet.

Die EU-Richtlinie zur Energieeffizienz trat vor zwei Jahren in Kraft. Die Mitgliedsstaaten setzen sie nur halbherzig um. Oder sie halten sie schlichtweg nicht ein, so die Analyse des Buildings Performance Institute Europe (BPIE).

Nach Artikel 4 der Richtlinie sind die Länder dazu verpflichtet, nationale Sanierungsstrategien zu veröffentlichen. Die Pläne werden für die Ankurbelung von Investitionen in die Sanierung und die Lieferkette benötigt. Das könnte einen Dominoeffekt auf das Wirtschaftswachstum und Beschäftigung haben.

Sechs Mitgliedsstaaten verpassten jedoch die April-Frist für die Abgabe der Pläne um sechs Monate. Griechenland, Luxemburg, Polen, Portugal, Slowenien und Ungarn erwartet möglicherweise ein Verletzungsverfahren der Kommission.

Von zehn eingereichten und untersuchten Strategien entsprechen nach Angaben des BPIE nur vier den Vorgaben der Richtlinie.

Die Denkfabrik überprüfte die Strategien Belgiens (der Hauptstadtregion Brüssel), Dänemarks, Deutschland, Frankreichs, der Niederlande, Rumäniens, Spaniens, Tschechiens und des Vereinigten Königreichs.

Sie bewertete die Strategien nach den fünf  Anforderungen des Artikels 4 der Energieeffizienz-Richtlinie. Danach wurden sie danach eingestuft, inwieweit sie die Brüsseler Vorgaben einhalten.

Um zu bestehen, mussten die nationalen Strategien mindestens zu 70 Prozent mit den Brüsseler Bestimmungen im Einklang sein. Österreich erreichte als schlechtestes der bewerteten Länder eine 28-prozentige Übereinstimmung.

Auch die Pläne Dänemarks, der Niederlande und Österreichs verfehlen die Richtlinie. Diese Erkenntnis kommt überraschend. Denn diese Länder waren traditionell Effizienz-Spitzenreiter.

Deutschland, Frankreich sowie die Hauptstadtregion Brüssel erfüllen die Richtlinie teilweise. Der Untersuchung zufolge sind die Strategien Spaniens, Rumäniens, Tschechiens annehmbar, aber mit Luft nach oben.

http://cf.datawrapper.de/lHn95/1/

„Unsere Analyse zeigt, wie uns unsystematisch die Länder vorgehen. Ihre Strategien werden den Absichten der Richtlinie nicht gerecht wird. Die Regierungen verpassen die Chance, die die Renovierung des Gebäudebestandes für die Herausforderungen der Energiesicherheit, für einen wirtschaftlichen Impuls und den Klimawandel bietet“, sagt Oliver Rapf, Exekutivdirektor von BPIE.  

Energiesicherheit ist seit der Ukraine-Krise ein besonders wichtiges Thema. Hier zeigte die Abhängigkeit der EU von russischem Gas. Dem Aktionsbündnis „Renovate Europe“ zufolge könnte die EU durch gründliche Sanierung Importe in der Größenordnung von vier Milliarden Ölfässern einsparen.

Die Strategien der EU-Mitgliedsstaaten würden keinen klaren Weg aufzeigen, sagt Rapf. Außerdem würde es an entschlossenen Aktionsplänen mangeln.

Keiner würde die Investitionssicherheit garantieren, die für die Sanierung und Wirtschaftswachstum nötig seien. Keine einzige Strategie sei gut genug, um als „best practice“-Beispiel zu fungieren, meinte er.

BPIE zufolge müssen die Mitgliedsstaaten sofort Schritte zur Verbesserung ihrer Sanierungsstrategien unternehmen. Dazu würde der nötige Ehrgeiz, Handlungsdruck und die strategische Wichtigkeit fehlen.

Zwei Millionen neue Arbeitsplätze

Die Energieverschwendung zu stoppen würde die Wirtschaft in Schwung bringen, meint Ingrid Reumert. Sie ist die Vizepräsidentin für Stakeholder-Kommunikation und Nachhaltigkeit bei der Velux Group, die unter anderem Dachfenster herstellt.

„Es gibt viele zu verpassende Chancen in den Ländern ohne oder mit wenig ambitionierten Sanierungsstrategien. Es geht nicht nur um verringerten Energieverbrauch, sondern auch um grünes Wachstum, die Gesundheit und Arbeitsplätze. Und unseren Kunden in Europa zufolge ist es das, was zählt“, sagt Reumert.

Nach Schätzungen des Renovate Europe-Aktionsbündnisses könnte die grundlegende Sanierung des Gebäudebestands in der EU zwei Millionen Arbeitsplätze schaffen.

Diese Erkenntnisse kommen nur zehn Tage nach dem EU-Gipfel zu Klima- und Energiefragen. Dabei wurde das vorgeschlagene Energieeffizienzziel von 30 Prozent für den gemeinsamen Klima- und Energierahmen bis 2030 auf 27 Prozent verringert.

Die Staats- und Regierungschefs vereinbarten auch ein rechtsverbindliches Ziel zur Verminderung der Treibhausgas-Emissionen. Sie sollen im Vergleich zu 1990 um mindestens 40 Prozent sinken.

Gebäude machen 40 Prozent des Energieverbrauchs und 36 Prozent aller CO2-Emissionen in der EU aus. Mit moderner Technik kann man nach Angaben von Renovate Europe den Energiebedarf eines Gebäudes um bis zu 80 Prozent senken.

Weitere Informationen

BPIE: Bericht: Renovation strategies of selected EU countries (03. November 2014)