„Ende der Kohlekraft ist vielleicht weiter entfernt, als wir denken“

Wer akzeptiert, d [Daniel Parks / Flickr]

Die „Verweigerungsphase“ der Energieindustrie gegenüber erneuerbaren Energien ist vorbei, sagte der scheidende Präsident von Eurelectric. Sein Nachfolger erwartet dennoch, dass sich Kohle noch länger als bisher gedacht als Energiequelle behaupten wird.

Der scheidende Präsident Antonio Mexia sprach am Montag bei der Eröffnung des jährlichen Verbandstreffens in Estoril (Portugal). Er hob die relativ langsame Umstellung der Versorgungsunternehmen auf Solar- und Windenergie im europäischen Energiemix hervor, die durch staatliche Subventionen und die Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED) der EU von 2009 befeuert werden sollte.

„In Zukunft geht es nicht um konventionelle gegen erneuerbare Energie, und auch nicht um zentralisierte oder dezentralisierte Erzeugung. Es wird viel wichtiger sein, die verschiedenen Ansätze in einem nachhaltigen Energiesystem zu kombinieren”, sagte Mexia.

Laszlo Varro, Chefökonom bei der Internationalen Energie-Agentur (IEA), erklärte: „Das 20. Jahrhundert war ganz klar das Jahrhundert des Öls. Genau so klar ist, dass das 21. Jahrhundert von der Elektrizität dominiert werden wird.” Wenn die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht werden sollen, müsse Elektrizität bis Mitte des Jahrhunderts die Hauptenergiequelle für den Straßenverkehr werden.

Rekordwerte für erneuerbare Energien

Auch wenn Putin und Trump nicht auf sie setzen wollen – der weltweite Ausbau hat laut einem aktuellen Bericht der IRENA in 2016 Rekordwerte für die erneuerbaren Energien erzielt.

Fokus auf Elektroautos

Dem stimmte auch Elias Poyry, Chief Brand Officer von Virta, einer finnischen Firma, die sich auf intelligente Netze spezialisiert, zu: „Elektroautos bringen praktisch ohne Mehrkosten neue Batterien auf den Markt – das sind billige Energiespeicher.“ Damit spricht Poyry eine der beliebtesten Visionen für den Energiemarkt der Zukunft an: E-Autos werden ans Netz angeschlossen, wenn sie stehen, und können so als Ersatz-Energiequelle dienen, wenn die Sonne nicht scheint oder kein Wind weht.

Poyry erwartet, dass die Lebenszykluskosten von elektrischen Fahrzeugen zwischen 2022 und 2025 mit denen von konventionellen Autos gleichauf liegen werden. Dann „haben wir riesige potentielle Energiespeicher-Reserven.“ Die Schätzungen variieren; Poyry nannte auch einen Bericht der Europäischen Kommission, demnach E-Autos im Jahr 2030 nur 14 Prozent der Fahrzeuge auf den Straßen ausmachen würden. Dennoch waren sich die Teilnehmer des Treffens in Portugal einig, dass Autos eine entscheidende Rolle im Wechsel zu dezentralisierten, emmissionsarmen Elektrizitätssystemen spielen werden.

Bei einer Umfrage sagten 42 Prozent der Teilnehmer, Energiespeicherung werde der wichtigste Faktor in diesem Übergang sein. Gleichzeitig sahen 30 Prozent eine wichtige Rolle für die erneuerbaren Energien, ein ähnlicher Wert wie im Vorjahr. Die Zustimmung zur Aussage, Atomenergie könne in Zukunft die wichtigste Lösung sein, fiel in den letzten sieben Jahren von 44 auf nun lediglich drei Prozent.

Infrastruktur

Allerdings warnten die Teilnehmer auch, dass die derzeitigen Regularien – ob aus Brüssel oder von Nationalstaaten – vor zehn oder zwanzig Jahren in Kraft getreten sind und nicht für eine Dekarbonisierung des Energiesektors ausgelegt sind.

Jean-Bernard Lévy, CEO des französischen Elektrizitätsriesen EDF, nahm darüber hinaus eine pessimistischere Haltung bezüglich der Entwicklung von Elektroautos ein. Selbst wenn EDF seine Schätzungen über den Verkauf von elektrischen Fahrzeugen in Frankreich verdoppelte, würden E-Autos im Jahr 2030 nur so viel Speicherkapazität aufweisen wie einer der derzeitig 58 Nuklearreaktoren im Land.

Es herrscht auch Uneinigkeit über den tatsächlichen Nutzen von mit dem Netz verbundenen Batterien. Ein Bericht einer EU-Forschungseinrichtung befand, solche Batterien seien nicht „unbedingt notwendig“, und andere Lösungen wie Nachfragereaktions-Systeme könnten dieselbe Art Flexibilität bieten.

Ist das Ende der Kohle „möglicherweise noch weiter entfernt, als wir denken”?

Eurelectric plädiert für einen radikalen Anstieg der Elektrifizierung, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Dafür muss der Großteil der europäischen Elektrizität aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Dennoch unterstrich der neue Präsident des Verbands, Francesco Starace, dass es ein Fehler wäre, davon auszugehen, die Zeit der Kohleenergie sei bereits vorbei. Obwohl sich bis auf Polen und Griechenland alle EU-Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet haben, keine neuen Kohlekraftwerke zu bauen, sagte Starace: Ich denke, da gibt es ein großes Wertschöpfungspotential. Wir sollten nicht einfach alles verwerfen, nur, weil wir glauben, dass diese Technologie fast am Ende ist. Vielleicht ist sie fast am Ende, aber das Ende ist möglicherweise dennoch weiter entfernt, als wir heute denken.“

Untersuchung: EU-Emissionsgrenzen bedrohen Kohlekraftwerke

Rund ein Drittel der europäischen Kohlekraftwerke könnte von teuren Nachrüstungen oder Schlieβungen betroffen sein.

„Die aktuelle Phase der Digitalisierung könnte dazu beitragen, dass Kohlekraftwerke ihre Emissionen senken”, argumentierte der neue Eurelectric-Präsident, der auch CEO des italienischen Energieunternehmens Enel ist. „Wenn Sie sich ein Kraftwerk anschauen, das in den letzten 20 Jahren…sogar in den letzten fünf Jahren gebaut wurde, steckt da eine ganze Menge Automatisierung drin, aber keine moderne Digitalisierung. Heute können Sie kostengünstig Sensoren und digitale Kontrollwerkzeuge einbauen, die für einen effizienteren Betrieb sorgen. Das Kraftwerk wird viel effizienter, sorgt für weniger Verschmutzung und erzeugt mehr Energie – und auch die Wartung wird einfacher und kostengünstiger“, erklärte Starace.

Ein weiteres großes Thema am ersten Tag des Eurelectric-Treffens waren außerdem Verteilnetzbetreiber in einem immer dezentralisierterem Energiemarkt. Bisher sind diese Betreiber eher als passiv-zurückhaltende Akteure bekannt, die die individuellen Konsumenten über Kabelnetzwerke und Umspannwerke mit den großen Stromleitungen verbinden. Ein Strategiepapier, das bei dem Treffen in Portugal zirkulierte, sieht sie aber als Anbieter neuer „plattformbasierter Dienstleistungen“, die alle Spieler auf dem Markt zusammenbringen könnten.

Mit diesen „Spielern“ sind Selbsterzeuger von Energie, beispielsweise über Solarpanels auf den Dächern ihrer Häuser, gemeint, aber auch Besitzer von E-Autos und anderen „aktiven” Konsumenten, die zum Betrieb des allgemeinen Stromnetzes beitragen können. Einige Teilnehmer sagten, sie könnten sich auch vorstellen, dass solche Kleinproduzenten anderen Konsumenten, die selber keinen Strom erzeugen, „Dienstleistungen“ – sprich: Energie – anbieten.