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07/12/2016

Emissionshandel: Europäische Unternehmen schlagen Milliardenprofite aus kostenlosen CO2-Zertifikaten

Energie und Umwelt

Emissionshandel: Europäische Unternehmen schlagen Milliardenprofite aus kostenlosen CO2-Zertifikaten

Kostenlose CO2-Zertifikate bescheren kohlenstoffintensiven Branchen Gewinne in Milliardenhöhe.

[Les Chatfield/Flickr]

Europas CO2-intensive Sektoren fahren noch immer exzessive Gewinne aus dem Emissionsrechtehandel ein, bestätigt die NGO Carbon Market Watsch. EurActiv Frankreich berichtet.

Die Frage nach der freien Verteilung von Emissionsgutschriften nimmt zunehmend Raum auf der politischen Tagesordnung ein. Vor zehn Jahren führte die EU den gemeinsamen Kohlenstoffmarkt ein, um 11.000 Industrieanlagen zu zwingen, ihre CO2-Emissionen zu senken. Heute ist das Thema aktueller denn je, denn jetzt ist eine Reform des Emissionsrechtesystems auf dem Weg.

Anfangs waren Emissionszertifikate noch umsonst. Das hat sich inzwischen geändert. Heute werden Zertifikate in der Regel versteigert. Kostenlose CO2-Emissionsrechte will man nur noch in Ausnahmefällen vergeben – so zumindest die Theorie. Diese hat jedoch scheinbar nicht mit der intensiven Lobbyarbeit der betroffenen Sektoren gerechnet. Sie meinen, ihnen stünden kostenlose Emissionszertifikate zu, da sie Arbeitsplätze schaffen und eine wichtige Rolle in Europas Industrielandschaft spielen. „Lobbygruppen, zum Beispiel aus der Düngemittelindustrie, finanzieren zahlreiche Studien. Diese bestätigen dann, dass gewisse Sektoren weiterhin freie Emissionszertifikate erhalten sollen, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, kritisiert Carbon Market Watch.

Ein 27 Milliarden Euro schwerer Bonus

2013 ging der Kohlenstoffmarkt in die dritte Phrase. In dieser sollen nur die Sektoren kostenlose CO2-Emissionsrechte erhalten, bei denen tatsächlich die Gefahr von CO2-Verlagerungen besteht – ein Problem, das auch unter dem Begriff „carbon leakage“ bekannt ist.

Carbon Market Watch beauftragte die Expertengruppe Delft mit einer Studie zu dem Thema. Den Ergebnissen zufolge können Unternehmen ihre kostenlosen Emissionsrechte in Hartwährung umwandeln. Zwischen 2008 und 2014 schlugen Unternehmen 27 Milliarden Euro Profit aus den freien Zertifikaten.

Wenn ein Unternehmen weniger Emissionen produziert als es Emissionsrechte hat, kann es die überschüssigen Zertifikate auf dem Kohlenstoffmarkt verkaufen. Schon die bloße Existenz dieses Marktes treibt den Preis des Endproduktes nach oben: So kommen zu den eigentlichen Herstellungskosten für eine Tonne Stahl noch die Kosten für die notwendigen CO2-Zertifikate hinzu. Mehr als ein Dutzend Sektoren schlagen laut Delft „unlautere Gewinne“ aus dieser Situation. Insgesamt habe die CO2-intensive Industrie zusätzliche 15 Milliarden Euro Profite gemacht, weil der Kohlenstoffpreis den Verkaufspreis ihrer Produkte steigert. Frankreich erteilte zwischen 2008 und 2014 etwa 100 Millionen zusätzliche Emmissionszertifikate im Wert von 800 Millionen Euro, so Delft.

Frankreichs Zehn-Milliarden-Lücke

Auch die Zementbranche, darunter Lafarge, hat vom Überschuss an Emissionsrechten stark profitiert. Als größte Gewinner des Systems gehen jedoch das Stahlunternehmen ArcelorMittal und der Mineralölkonzern Total hervor. Den Berechnungen der Experten zufolge haben die drei Unternehmen durch den Kohlenstoffmarkt folgende Gewinne eingefahren:  862 Millionen Euro für Bersillon, eine Tochterfirma von ArcelorMittal, 298 Millionen für Total und 176 Millionen für Lafarge.

„Die französische Regierung hat 10,4 Milliarden Euro an Einnahmen eingebüßt, indem sie zwischen 2008 und 2014 866 Millionen Tonnen von CO2-Emissionsrechten vergab“, betont Delft. In derselben Zeit nahm sie 435 Millionen Euro aus den Zertifikatsversteigerungen ein.

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