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03/12/2016

Ein weiteres Jahrhundert Atomstrom für die EU

Energie und Umwelt

Ein weiteres Jahrhundert Atomstrom für die EU

Die europäischen Atommeiler sind im Schnitt 29 Jahre alt.

[Udo Springfeld/Flickr]

Die EU-Kommission soll regelmäßig die Atommeiler der Mitgliedsstaaten überprüfen lassen – eine Aufgabe, der seit 2008 keiner mehr nachgekommen ist. EurActiv-Kooperationspartner Le Journal de l’Environnement und Euractiv.de berichten.

Brüssel veröffentlichte am 4. April seinen aktuellen Bericht über ein mögliches EU-
weites Atomprogramm mit dem bestechenden Namen PINC (Hinweisendes Nuklearprogramm der Gemeinschaft). Das Dokument wurde sehnsüchtig erwartet, denn zum ersten Mal wagt sich die Kommission seit der Fukushima-Tragödie an eine – wenn auch embryonisch kleine – EU-Atompolitik. Doch eigentlich liegt dieser Bereich nicht in ihrer Zuständigkeit.

129 Atomkraftwerke in Betrieb

In der Einleitung legt der Bericht die grundlegenden Fakten über den Atomstrom in der EU dar. In 14 Mitgliedsstaaten sind derzeit insgesamt 129 Reaktoren in Betrieb und decken 27 Prozent des gesamten Stromverbrauchs innerhalb der EU. Somit ist der Anteil am Energiemix genauso hoch wie bei den erneuerbaren Energien.

Die Kernkraftwerke sind im Durchschnitt 29 Jahre alt. Diese Tatsache wirft kritische Fragen über die Zukunft dieser kohlenstofffreien Art der Energiegewinnung auf. Denn etwa 90 Prozent der Atomenergiekapazitäten in der EU müssen bis 2050 irgendwie ersetzt werden. Außerdem stellt die europäische Kernkraftbranche etwa 900.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze.

Es ist kaum überraschend, dass PINC in den kommenden Jahren von einem leichten Rückgang in der europäischen Kernkrafterzeugung ausgeht: Bis 2025 wird der Anteil des Atomstroms am Energiemix auf etwa 20 Prozent fallen, denn die Bundesrepublik und andere EU-Mitgliedstaaten sowie die Schweiz haben den Atomausstieg beschlossen. Zudem stehen
mehrere Altmeiler in einigen Mitgliedstaaten vor dem Ablauf ihrer geplanten Nutzungsdauer, etwa in Frankreich und Belgien (Belgien hat die Laufzeiten seiner AKWs Doel und Tihange trotz aktuell erheblicher Risiken verlängert hat, wogegen derzeit Klagen und EU-Beschwerden geplant sind). Mit der neuen Generation von Kraftwerken sollte der Trend dann ab 2030 etwa wieder steigen.

Kritik am EU-Bericht: schön gerechnet und verantwortungslos

Die EU-Kommission zeichne in ihrem Bericht ein zu optimistisches Bild für das Potential der Atomenergie und schönt die Kosten für Sicherheit und Entsorgung, kritisiert die Vorsitzende der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament, Rebecca Harms:

„Dieses Papier zeigt, dass in der EU-Kommission immer noch an einflussreicher Stelle fanatische Anhänger der Atomkraft sitzen. Es ist eine bizarre Mischung aus Illusion und Propaganda. Die EU-Kommission setzt die Kosten in allen Bereichen von Neubau über Sicherheitsnachrüstungen bis zu Rückbau und Entsorgung zu gering an. Erschreckend ist, dass das größte Potential für die Zukunft der Atomkraft in der Laufzeitenverlängerung gesehen wird. Für die Hälfte der Reaktoren geht die EU-Kommission von einer Verlängerung auf bis zu 60 Jahre aus. Das ist eine verantwortungslose Hochrisikostrategie. Wir erneuern anlässlich der offiziellen Veröffentlichung von PINC unsere Forderung an die EU-Kommission, sich einer Debatte zu diesem Papier zu stellen.“

Die Grünen/EFA-Fraktion hat eine Gegenstudie zum PINC-Papier in Auftrag
gegeben.

Vor allem fehlen Milliarden für den Rückbau und die Entsorgung für Atommüll, kritisiert die Grünen/EFA-Fraktion darin. Die Antwort, wie sie diese ausgleichen will, bliebe die EU schuldig. „Ihre einzige Antwort ist die Verlängerung von Reaktor-Laufzeiten. Das widerspricht den EU-Verträgen und dem Prinzip, dass der Verursacher für die Kosten aufkommen muss,“ so Rebecca Harms.

Eine nukleare Zukunft

Ob die Kommission Deutschland in den Atomausstieg folgen will oder wie Italien auf den Neubau von Atommeilern verzichtet, bleibt abzuwarten. Kernkraft wird mindestens noch bis zum Ende dieses Jahrhunderts Teil des europäischen Energiemixes bleiben und noch einige erhebliche Investitionen erfordern. Um bis 2050 eine Erzeugung zwischen 95 und 105 Gigawatt zu sichern, müssen Europas Energiefirmen 350 bis 450 Milliarden Euro investieren. Damit wären laut EU die Kosten für den Neubau und die Modernisierung von Reaktoren gedeckt. Letztere muss zuvor von den Sicherheitsbehörden für Laufzeitenverlängerungen genehmigt werden.