Divestment und Klimaschutz: Schlachtpläne für den Kohle-Ausstieg

Umweltschützer werfen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Sigmar Gabriel vor, Klimapolitik nach den Wünschen der Kohlelobby zu betreiben. [Campact/Flickr]

Klimaschützer beraten in Paris, wie sie die Investitionspläne der Energiewirtschaft untergraben können. Ihr Ziel: den CO2-Ausstoß drastisch zu senken.

Bill McKibben steht im dunklen Anzug und mit blauer Krawatte auf einer Bühne und behauptet: „Ich bin immer eher unhöflich.“ Bei einer Konferenz der Europäischen Grünen in Paris beschreibt er am Dienstag, wie „die mächtigste Industrie der Welt“, nämlich die Öl-, Gas- und Kohleindustrie, geschwächt werden müsse, „um die Überhitzung unseres Planeten zu verhindern“.

Der Umweltaktivist aus den USA hatte mit seiner Organisation „350.org“ vor drei Jahren eine Kampagne gestartet, um Universitäten, Kirchen, Städte, Stiftungen davon zu überzeugen, das Geld, das sie bisher in Ölkonzernen oder Kohleminen investiert haben, aus diesen Unternehmen abzuziehen, weil sie das Klima zerstören. Dafür hat 350.org das Wort „Divestment“ erfunden.

Zuletzt ist der norwegische Ölfonds aus der Kohle ausgestiegen

Dieser Begriff setzt sich mehr und mehr durch: Eine Billion Dollar sei der Industrie allein durch die Kampagne entzogen, rechnet McKibben in Paris vor.

Ein Großteil der Summe gehe auf den staatseigenen Norwegischen Ölfonds zurück, der im Frühjahr entschieden hat, seine Investitionen in das fossile Energiesystem dramatisch zu verkleinern. Das sei ähnlich bemerkenswert wie die Entscheidung der Rockefeller-Familie, die Mittel ihres Rockefeller Brothers Funds aus den Nicht-Erneuerbaren-Energiegeschäften abzuziehen und stattdessen klimafreundlich zu investieren.

Nachdem die Bewegung an den amerikanischen Universitäten ihren Ausgang nahm, ist sie mittlerweile in vielen Ländern der Welt angekommen. McKibbens Erklärung: „In den USA tut der Staat nicht viel für Bildung. Die Universitäten brauchen große Vermögen, um überhaupt weiterzuexistieren.“ Und Studenten sind für die Idee, dieses Geld in eine lebenswerte Zukunft zu investieren, leicht zu begeistern.

Das wird in Deutschland so nicht funktionieren, meint Reinhard Bütikofer, grüner Europaabgeordneter und einer der Mitveranstalter. „Die beste Übersetzung für Divestment im Deutschen ist: Raus aus der Kohle!“ Er habe noch keine Klimaschutzbewegung gesehen, „die so schnell gewachsen ist“.

Anteil der Erneuerbaren soll verdreifacht werden

Achim Steiner, Chef des UN-Umweltprogramms Unep, ist in Paris nicht dabei, schickte aber eine Videobotschaft aus Nairobi an die rund 500 Teilnehmer. Er könne nicht direkt zum Divestment aufrufen, sagte Steiner. Dafür seien viele UN-Staaten noch nicht bereit. Er meinte damit vor allem die ölfördernden Staaten und diejenigen, die erst jüngst auf Öl gestoßen sind, vor allem in Afrika. Aber die Herausforderung, die Weltwirtschaft zu dekarbonisieren, also den CO2-Ausstoß zwischen der Mitte und dem Ende des Jahrhunderts auf null zu setzen, sei „selbsterklärend“.

Die Staats- und Regierungschefs der G7 hatten auf ihrem Gipfel in Elmau im Juni genau das als Ziel ausgegeben. Steiner wies darauf hin, dass die Finanzströme zunehmend in Richtung der Erneuerbaren gelenkt würden: 2014 seien 270 Milliarden Dollar in den Ausbau von Wind-, Sonnen- und Wasserkraft geflossen, deutlich mehr als in die Erschließung fossiler Brennstoffquellen.

Das Ziel ist klar: Der CO2-Ausstoß soll sinken Das Wuppertal-Institut hat mit einer Studie zur Dekarbonisierung für Deutschland, die an diesem Mittwoch veröffentlicht wird, die Frage des Ob schon gar nicht mehr gestellt. Dass es bis 2050 möglich ist, die deutsche Wirtschaft von ihrem CO2-Ausstoß zu befreien, ist für Manfred Fischedick, einen der Autoren der Studie, sonnenklar. Die Frage ist, wie tief greifend der Umbau der Wirtschaft ausfallen soll.

Das Wuppertal-Institut hat drei mögliche Strategien miteinander verglichen. Alle drei verlangen eine drastische Erhöhung der Energieeffizienz. Außerdem setzen alle drei Strategien einen weiteren starken Ausbau erneuerbarer Energiekapazitäten voraus. Dabei geht es um eine Verdopplung oder gar Verdreifachung der Wind- und Sonnenstromleistung.

Die beiden anspruchsvolleren Szenarien, die bis 2050 bei einer Emissionsminderung um 95 Prozent im Vergleich zu 1990 ankommen wollen, setzen darüber hinaus auf einen Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft. Das heißt: Überkapazitäten beim regenerativ erzeugten Strom werden in Wasserstoff umgewandelt und über Brennstoffzellen direkt im Verkehr oder zum Heizen verwendet, oder über einen weiteren Verarbeitungsschritt in erneuerbares Erdgas umgewandelt. Das „Regierungsziel-Szenario“ verzichtet aus Kostengründen auf diese Technologie und landet „nur“ bei einer Emissionsverminderung von 80 Prozent.

Bei der Pariser Divestmentkonferenz ging es vor allem darum, die Investitionsbedingungen in fossile Energiekonzerne zu untergraben. Bill McKibben sagte: „Die Summe, die abgezogen wird, ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, die politische Macht der Fossil-Industrie zu brechen.“ Er wisse nicht, ob das rechtzeitig gelinge, um das Klima zu stabilisieren. Aber er forderte: „Lasst uns so schnell handeln, als würden wir mitten in der Krise stecken, in der wir tatsächlich längst sind.“