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01/10/2016

Die Atomkraft-Lücke

Energie und Umwelt

Die Atomkraft-Lücke

30 Jahre nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl ist die Atomkraft weiterhin eine der wichtigsten Energiequellen in Europa

Foto: Hullie, CC BY-SA 3.0

Atomkraftwerke sind großen Gefahren ausgesetzt. Naturkatastrophen, Terrorismus und technische Mängel können zu erheblichen Schäden auch in Europa führen. Trotz des weltweit verstärkten nuklearen Zubaus könnte sich Europa von der Kernkraft verabschieden. Voraussetzung ist, dass eine sich öffnende Lücke klug genutzt wird.

30 Jahre nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl ist die Atomkraft weiterhin eine der wichtigsten Energiequellen in Europa und der Welt. Weder Massenproteste seit den 1970er Jahren noch das Unglück in Fukushima führten dazu, die Energiegewinnung aus Atomkraft zu stoppen. Doch die Energielandschaft in Europa und die Einstellung zu den verschiedenen Energieträgern hat sich in den letzten Jahren geändert.

Die Unfälle in Fukushima und Tschernobyl verdeutlichen die Anfälligkeit von Atomkraftwerken überall auf der Welt. Auslöser solcher Katastrophen können technische Fehler oder Baumängel, aber auch menschliches Versagen und Natureinflüsse, wie Erdbeben oder Tsunamis, sein. Viele Reaktoren in Europa gelten als gefährdet. So wenig wie man die Ursachen von Reaktorunfällen verhindern kann, so schwer lassen sich auch die Folgen eines GAU beheben. In beiden Unglücksfällen sind die Aufräum- und Abbauarbeiten noch nicht beendet, in der Ukraine also selbst nach 30 Jahren nicht.

Weitere Ursachen für Nuklearunfällen

Weniger beachtet sind weitere mögliche Ursachen für Nuklearunfälle. Neue Formen des islamistischen Terrorismus bedrohen immer mehr die Sicherheit von Atomkraftwerken in Europa. Atomkraftwerke – kurz AKWs – als Anschlagsziel von gekaperten Flugzeugen sind dabei nur eine Variante. Im Umfeld der letzten Selbstmordattentate wurden Unregelmäßigkeiten um einen Atomforscher und die belgischen AKWs Doel und Tihange bekannt: Über drei Jahre arbeitete ein in Syrien ausgebildeter Dschihadist im AKW Doel, ein Terrorist der Pariser Anschläge hatte den Leiter des belgischen Kernkraftforschungszentrum ausspioniert.

Im April 2016 berichteten Medien von einem Computervirus, das im Computersystem des deutschen AKW Gundremmingen entdeckt wurde. Auch wenn in diesem Fall bisher keine konkreten Folgen für die Sicherheit erkennbar sind, zeigt es doch die Verletzbarkeit solcher Systeme. Über die Belegschaften der AKWs oder die Computersysteme können Terroristen Zugang zu empfindlichen Bereichen der AKWs erhalten und Schaden anrichten.

Vor allem ist das Potenzial eines möglichen Schadens enorm. Viele europäische Atomkraftwerke stehen in dicht besiedelten Regionen und die bisherigen Unfälle zeigen, wie schwer es ist, einen GAU zu verhindern. Millionen Menschen könnten von Nuklearunfällen oder terroristischen Attacken auf Atomkraftwerke in Europa betroffen sein.

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Die Karte von Carbon Brief zeigt die derzeit in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke in Europa. Schwerpunkte sind stark besiedelte Gebiete. Karte: Screenshot CarbonBrief.org (CC BY-NC-ND 4.0)

Kein Ende in Sicht?

Neben all diesen Gefahren bleibt weiterhin das Problem der Lagerung des Atommülls bestehen. Bis zum heutigen Tag wurde noch kein einziges Endlager auf der Welt gefunden. Doch der stetig wachsende Müllberg bedroht die Gesundheit der Menschen und die Umwelt. Ein Ausstieg aus der Atomkraft scheint vielen der einzig logische Schritt hin zu einer sauberen und sicheren Welt. Doch so einfach lässt sich das nicht ändern.

Der weltweit zunehmende Energiehunger, vor allen in den Entwicklungs- und Schwellenländern, verbraucht immer mehr Ressourcen. Auch in den Ländern mit der höchsten installierten Leistung an erneuerbaren Energien, wie China, USA und Japan, sind die Energiesysteme auf traditionelle Energieerzeuger wie Kohle, Erdöl und Atomkraft angewiesen. Die Pariser Vereinbarung zur Senkung von CO2-Emissionen führte eher dazu, dass weltweit ein regelrechter Boom an neuen AKWs eingesetzt hat. Sie gelten als klimaneutral und helfen, die CO2-Bilanz zu retten und gleichzeitig die Energienachfrage zu befriedigen.

Europa als Vorbild

Trotz dieser negativen Nachrichten für die Anti-Atomkraft-Bewegung bleibt die Hoffnung, dass gerade in Europa sich die Politik und Wirtschaft auf eine umfassende Umstellung des Energiesystems einigen könnten. Europas Versorgungsnetz ist weit ausgebaut, immer mehr Stromautobahnen sollen die Energienetze der europäischen Mitgliedsstaaten zu einem Energiebinnenmarkt verbinden. Die Strategie der EU-Kommission wird als Energieunion vorangetrieben.

Mit diesen technischen Voraussetzungen und dem politischen Willen hin zu einem erneuerbaren Energiesystem kann der Ausstieg von der Atomkraft für einen ganzen Kontinent gelingen und so zum Vorbild für andere Regionen werden.

Widerstand in den Nationalstaaten

Bisher sind es aber vor allem einige nationale Regierungen, die sich gegen das Ende der Atomkraft in Europa wehren. Frankreich argumentiert, dass sich das historisch gewachsene Energiesystem mit seinen 19 AKWs nicht von heute auf morgen ändern lässt. Hingegen wird Deutschland – von Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft ähnlich wie Frankreich – bis 2022 komplett aussteigen.

Auch in kleineren Ländern, wie etwa in Tschechien, der Slowakei oder den Ländern des Baltikum, spielt die Atomkraft eine wichtige Rolle im Energiemix. Hier – so argumentieren die Regierungen – ist der Umbau hin zu erneuerbaren Energieträgern allein aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht zu stemmen. Außerdem fehlt in jenen Ländern auch der gesellschaftliche Rückhalt für die Energie aus Wind und Sonne.

Eine Lücke tut sich auf

Nur einige kleinere Staaten kommen derzeit in der EU ohne Atomkraft aus, Dänemark mit seinem hohen Anteil an Windenergie gilt dabei als leuchtendes Beispiel, auch wenn dieses nicht für alle Staaten so leicht erreichbar sein wird. Ein anderer Umstand macht jedoch Hoffnung auf Veränderung. Atomkraftwerke haben in Europa eine festgelegte maximale Laufzeit, nach der sie abgeschaltet werden müssen. Die Termine für die Abschaltung liegen daher für fast alle AKWs bereits vor.

Dadurch wird es möglich, den Umbau besser zu planen. Da den Regierungen und der EU-Kommission bekannt ist, wann neue Energiekapazitäten in den Ländern nachgefragt werden, weil AKWs abgeschaltet werden müssen, können gezielt erneuerbare Energien gefördert und innerhalb der nächsten 20-30 Jahre integriert werden.

Bis zum Jahr 2045 werden Atomkraftwerke mit einer Leistung von rund 125 Gigawatt abgeschaltet sein, ein Großteil davon jedoch schon vor 2030 (siehe Diagramm). Dies ist etwas mehr als die erneuerbaren Energien derzeit in Europa erzeugen. Allein durch den Austausch von Atomkraft durch erneuerbare Energien nach der regulären Laufzeit könnte man den Anteil der erneuerbaren Energien verdoppeln.

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Vor allem in den 2020er Jahren werden viele Atomkraftwerke in Europa stillgelegt. Dies eröffnet neue Chancen für erneuerbare Energien. Eigene Darstellung, Daten: Wikipedia

Es wird daher nötig sein, den europäischen Energiebinnenmarkt weiter auszubauen, EU-Fördermöglichkeiten für erneuerbare Energien auszuschöpfen und die entstehende Atomkraft-Lücke zu nutzen, um spätestens in 30 Jahren komplett auf Atomenergie in ganz Europa verzichten zu können.

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