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26/09/2016

Deutschlands Vorreiterrolle in der Energiepolitik ist in Gefahr

Energie und Umwelt

Deutschlands Vorreiterrolle in der Energiepolitik ist in Gefahr

Offshore-Windparks, wie hier in der Nordsee, machen Sinn - "in der Mitte Deutschlands" dagegen nicht, sagt der Ex-Wirtschaftsweise Bert Rürup. Foto: dpa

Die deutsche Energiewende – einst internationales Vorbild – droht zur Lachnummer zu verkommen. Denn die bis dato umfangreichste internationale Vergleichsstudie zur Energiepolitik belegt: Deutschland verliert beim Thema Energie rapide an Boden. Experten drängen dazu, die nationalen Scheuklappen abzulegen und fordern eine europäische Energiestrategie.

„Deutschland wäre gut beraten, in der Energiepolitik mal etwas über den Tellerrand zu schauen“, mahnt Bert Rürup, ehemaliger „Wirtschaftsweiser“ und Leiter des Handelsblatt Research Institute. Das Energie-Thema werde in der Bundesrepublik unter rein nationalen Gesichtspunkten debattiert und es dominiere das Gefühl, alle anderen Länder könnten dabei von den Deutschen lernen. Tatsächlich sei Deutschland lange Zeit für seine Energiewende beneidet und bewundert worden, bestätigt Stephan Reimelt, Präsident und Geschäftsführer von GE Energy Deutschland. Doch diese Zeiten seien jetzt vorbei. Die Bewunderung aus dem Ausland sei in „Belächelung“ umgeschlagen, so Reimelt, und „das ist dramatisch“.

Was ist passiert? Deutschland verliert seine internationale Vorreiterrolle in der Energiepolitik, das Prestige-Projekt Energiewende droht zu scheitern. Diesen Schluss zieht nicht irgendwer, sondern er ist das Ergebnis der bisher umfangreichsten internationalen Vergleichsstudie, die seit heute (3. April) zur Energiewende vorliegt. Im Auftrag von General Electric hat das Handelsblatt Research Institut 24 Industrie- und Schwellenländer über einen Zeitraum von fünf Jahren untersucht und dabei 51 unterschiedliche Indikatoren berücksichtigt. Am Ende verdichteten die Wissenschaftler die Daten zu zwei Gesamtrankings, die einerseits den Status quo abbilden, zum anderen den Trend über die letzten fünf Jahre.

Die gute Nachricht zuerst: Aktuell belegt die Bundesrepublik den respektablen 8. Rang. Besser schneiden nur kleinere Staaten mit „guten Topographien“ ab, erklärt Rürup bei der Präsentation der Studie. Den Spitzenplatz belegt Schweden, gefolgt von Norwegen, Österreich, der Schweiz und Dänemark. Doch auch Frankreich – aufgrund des hohen Atomstrom-Anteils – und Spanien liegen vor Deutschland.

Doch jetzt kommt der Haken: Im zweiten, dem „Dynamik-Ranking“, welches den Entwicklungstrend über den Untersuchungszeitraum widerspiegelt, liegt Deutschland abgeschlagen auf dem letzten Platz. Schuld daran sind laut Studie die steigenden CO2-Emissionen und der hohe Pro-Kopf-Energieverbrauch. Auch sind die Strompreise in der letzten Zeit stark angestiegen, nirgends bezahlen Haushalte heute mehr Geld für Strom als in Deutschland.

Die Stützpfeiler der Energiewende wackeln

Genau hier liege das Problem, konstatiert Rürup. Die Energiewende basiere nämlich auf drei Stützpfeilern – er nennt sie salopp das „magische Dreieck“: Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit. Und diese drei Pfeiler wackeln offenbar allesamt. Reimelt erklärt, weshalb: Der CO2-Ausstoß sei in den letzten Jahren in Deutschland gestiegen, die Zahl der Störfälle im Stromnetz hätte dramatisch zugenommen und bei Verbrauchern und Unternehmen wachse der Unmut über die steigenden Stromkosten.

Rürup fordert Deutschland deshalb dazu auf, sich aus „der Nabelschau befreien“ und endlich den Blick über die Grenzen zu wagen. Zum Beispiel nach Norwegen, wo ab 2015 für alle Neubauten der energieeffiziente Passivhaus-Standard gelten soll, oder nach Kanada, das beim Güterverkehr auf der Schiene vorbildlich sei.

Auch werde Deutschland heute dem generellen Trend zur Energie-Dezentralität nicht mehr gerecht, so die Überzeugung des Präsidenten und Geschäftsführers Reimelt. Er fordert deshalb die Integration des deutschen ins europäische Energienetz. Für eine „gemeinsame europäische Energiestrategie“ wirbt auch Rürup: „Man kann auf der einen Seite nicht ein vereinigtes Europa anstreben und auf der anderen Seite bei der Energie im nationalen Rahmen verhaftet sein.“ Stattdessen brauche Europa eine Arbeitsteilung: Erneuerbare Energien müssten dort erzeugt werden, wo sie effizient und wettbewerbsfähig hergestellt werden könnten. Geeignete Standorte für Solaranlagen gebe es etwa im Mittelmeerraum und für Windparks in der Nordsee und an der Atlantikküste – „und nicht in der Mitte Deutschlands“, kritisiert Rürup.

Als Katalysator für eine europäische Energiestrategie, gibt Rürup abschließend auf den Weg, könnte übrigens der aktuelle Konflikt mit Russland dienen, da er den Druck zur Emanzipation vom russischen Öl und Gas verstärke.