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27/09/2016

Der Klimawandel ist nicht die größte Bedrohung für Artenvielfalt

Energie und Umwelt

Der Klimawandel ist nicht die größte Bedrohung für Artenvielfalt

Geparde sind besonders stark von der Ausbreitung der Landwirtschaft gefährdet.

[Rene Mayorga CC BY-SA 2.0/Flickr ]

Drei Viertel der bedrohten Tierarten stehen wegen Fischerei, Entwaldung und Landwirtschaft auf der Roten Liste. Die Erderwärmung spielt laut einer Studie eine geringere Rolle. EurActiv-Kooperationspartner La Tribune berichtet.

Gegen den Klimawandel zu kämpfen, ist gut und richtig. Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, dass die Artenvielfalt noch einigen viel größeren Bedrohungen gegenübersteht. So lautet die Schlussfolgerung einer aktuellen Studie, die am 10. August in der Fachzeitschrift Nature erschien. Durchgeführt wurde sie von der australischen University of Queensland in Zusammenarbeit mit der Naturschutz-Stiftung Wildlife Conservation Society (WCS) und der Weltnaturschutz-Organisation (IUCN).

Zu den größten Gefahren für die Biodiversität zählen laut Studie landwirtschaftliche Praktiken sowie die übermäßige Ausbeutung von Flora und Fauna. Fast 75 Prozent der vom Aussterben bedrohten Tierarten stehen aufgrund dieser Faktoren auf der Roten Liste. Im Vergleich dazu trage die Erderwärmung mit 19 Prozent deutlich weniger zur Gefährdung der Artenvielfalt bei, so die Forscher.

Insgesamt listet die IUCN zehn Risikofaktoren auf, die den 8688 womöglich aussterbenden Spezies schaden können. Zu den genannten Gefahren kommen folgende Aspekte hinzu: Urbanisierung, Verschmutzung, Verschlechterung der Ökosysteme, Verkehr, Energieerzeugung, das Eingreifen des Menschen in die Natur sowie Krankheiten und invasive Spezies.

Landwirtschaft gefährdet 5.407 Tierarten

Die Ausbeutung der Flora und Fauna umfasst unter anderem die Jagd, das Roden von Wäldern und die Fischerei. Sie bedroht 6.241der untersuchten Tierarten (72 Prozent). So fallen zum Beispiel Sumatra-Nashörner und Schuppentiere häufig der Wilderei zum Opfer.

Landwirtschaft allein gefährdet 5.407 Spezies beziehungsweise 62 Prozent der Tiere auf der roten Liste, darunter Geparde und afrikanische Wildhunde.

Die Folgen des vom Menschen verursachten Klimawandels – Dürreperioden, der Anstieg der Meere, Überschwemmungen etc. – stellt für „nur“ 1.688 Arten eine unmittelbare Bedrohung dar, insbesondere für die arktischen Mützenrobben, Nilpferde und Lederschildkröten. Somit landet das von der internationalen Gemeinschaft im Rahmen der Weltklimakonferenz diskutierte Phänomen lediglich auf dem siebten Platz der Risikofaktoren.

Potenzielle Synergien

„Um die Biodiversität zu erhalten und das Aussterben zu verhindern, müssen wir gegen altbekannte Feinde wie die Ausbeutung und schädliche Landwirtschaftspraktiken vorgehen“, schlussfolgert der Forschungsleiter Sean Maxwell im Gespräch mit The Guardian. „Das muss ganz oben auf unserer Tagesordnung stehen“, fordert er angesichts des anstehenden IUCN-Jahreskongress im September auf Hawaï, bei dem Regierungsvertreter mit Industrieverbänden und NGOs zusammenkommen werden.

Die Auswirkungen der untersuchten Bedrohungsparameter müsse man natürlich im Zusammenspiel betrachten, lenken die Forscher ein. Immerhin seien mehr als 80 Prozent der bedrohten Tierarten von mehr als einem Faktor betroffen. Der Klimawandel wird in diesem Zusammenhang sicherlich noch an Bedeutung gewinnen. Gleiches gilt jedoch auch für das Bevölkerungswachstum, die Folgen der Ausbeutung und die landwirtschaftliche Ausdehnung. Diesen letzteren Phänomenen entgegenzuwirken, würde auch dem Klima gut tun, meinen die Experten.

Koordiniertes Handeln

Wie kann man also den Schutz der Flora und Fauna mit der Notwendigkeit verbinden, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren? Schon ein Blick in die Geschichtsbücher biete unterschiedliche Lösungsansätze, die zusammengenommen bereits ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt haben, erklärt James Watson, Co-Autor der Studie, im Guardian. „Indem man gut verwaltete Schutzgebiete einrichtet, Jagdvorschriften durchsetzt und landwirtschaftliche Systeme nutzt, die das Überleben bedrohter Tierarten sichern, kann man die Biodiversitätskrise überwinden“, betont er.

In ihrer Studie heben die Forscher auch hervor, welch wichtige Rolle internationale Regulierungsmechanismen, Bildungskampagnen (zum Beispiel zum Thema Elfenbeinhandel) und der Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln spielen. Watson hält fest: „All diesen Maßnahmen müssen finanziert und priorisiert werden.“

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Hintergrund

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