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27/07/2016

Chef der Kohlelobby: Nach der COP21 wird man uns “hassen wie die Sklavenhändler”

Energie und Umwelt

Chef der Kohlelobby: Nach der COP21 wird man uns “hassen wie die Sklavenhändler”

Demonstration während der COP21 : Greenpeace verwandelt die Straßen des Arc de Triomphe in eine Sonne – laut Brian Ricketts eine Gefährdung des Rechtsstaates.

[Greenpeace]

EXKLUSIV / Die europäische Kohlelobby befürchtet, die Industrie werde aufgrund des bahnbrechenden Abkommens der Pariser Weltklimakonferenz (COP21) bald so verhasst sein wie einst Sklavenhändler. EurActiv Brüssel berichtet.

“Der Klimazug ist ins Rollen gekommen und nimmt immer mehr an Geschwindigkeit zu. Die Kohleindustrie wird daher in den kommenden Jahren und Jahrzehnten aus den völlig falschen Gründen im Rampenlicht stehen,” heißt es in einem Mitgliederschreiben des Generalsekretärs des Europäischen Stein- und Braunkohleverbands (Euracoal), Brian Ricketts. “Das ist keine nachhaltige Position. Die Industrie sollte dies nicht länger hinnehmen,” schrieb er. Zuvor hatte er den Regierungen und der EU-Kommission vorgeworfen, “mit den Protestbewegungen unter einer Decke” zu stecken.

Am Samstag, dem 12. Dezember, schlossen Regierungen aus aller Welt ein historisches Abkommen ab. Ziel ist es, die Erderwärmung auf “weit unter” zwei Grad im Vergleich zu den vorindustriellen Werten zu beschränken – mit langfristiger Orientierung an der 1,5-Grad-Marke.

Kohle ist ein fossiler Brennstoff, der zum CO2-Ausstoß und zum weltweiten Temperaturanstieg beiträgt. Euracoal bezeichnet sich selbst als “Stimme der Kohle” und arbeitet bei politischen Themen nach eigenen Angaben eng mit den EU-Institutionen zusammen. “Vielleicht sind Sie erleichtert, dass das Abkommen schwach ist. Das sollten Sie nicht sein. Die Worte und die Gesetzesgrundlage spielen keine Rolle mehr,” erklärte Ricketts seinen Mitgliedern. “Die UN stellt fossile Brennstoffe als Staatsfeind Nummer eins dar.” Seine Voraussage: “Fordern Kampagnen jetzt noch, die Kohle nicht weiter zu fördern, werden sie bald mit wachsender Skepsis dazu aufrufen, dass wir sie zurück in den Boden packen.”

“Globale Regulierung”

Der Abschluss des Pariser Abkommens sorgte unter den Delegierten für einen wahren Freudentaumel. Sie hatten 13 Tage lang versucht, die Differenzen der gegnerischen Lager von Entwicklungs- und Industrieländern zu überwinden.

“Die COP21 hat die Egos gestärkt. Viele Menschen haben nun das Gefühl, Teil von etwas ganz Großem zu sein,” sagte Ricketts. Zuvor hatte er kritisiert, das Abkommen basiere auf einer UN-Lüge über das Zukunftspotenzial der Erneuerbaren. “Wenn emotionale Energie die Welt antreiben könnte, hätte uns die COP21 genug Strom für die nächsten hundert Jahre geliefert.” Natürlich sei es eine große Leistung gewesen, ein Abkommen mit 185 Nationen zustandezubringen, so Ricketts. Aber man habe damit auch den ersten Schritt hin zur globalen Regulierung gemacht.

Euracoal hat 34 Mitglieder aus 20 Ländern, darunter Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Polen und Großbritannien. Der Verband vertritt nationale Kohleverbände, Verbände von Importeuren, Forschungsinstitute und einzelne Unternehmen.

Verbaler Angriff auf NGOs und Kommission

Ricketts nahm vor allem NGOs, von denen zahlreiche während der Pariser Verhandlungen demonstriert hatten, und die EU-Kommission unter Beschuss. Letztere habe sich bei der COP21 von den USA ausmanövrieren lassen.

Er beschrieb, wie Menschen bei einer Greenpeace-Klimademonstration während der COP21 die Straßen um den Arc de Triumphe gelb gefärbt hatten, um die Sonne darzustellen. “Die Herrschaft des Pöbels ist dabei, die Rechtsstaatlichkeit zu ersetzen,” konstatierte er in diesem Zusammenhang. Außerdem prangerte er an, dass Regierungen teilweise von ihnen geförderte NGOs nutzten, um die Demokratie zum umgehen. “Diejenigen, die besser über komplizierte Probleme wie den Klimawandel Bescheid wissen als der ‘Mann auf der Straße’, halten die Wahlurne für ein ungeeignetes Instrument,” schrieb der Euracoal-Chef.

Ricketts verspottete die Idee, die EU-Kommission habe die Welt hin zu einem Klimaabkommen geführt, wie sie es selbst von sich behauptet. “Unsere amerikanischen Freunde haben die EU wahrlich übertölpelt. Man muss sich nur einmal anschauen, wie die Kommission zu erklären versucht, warum wir in der EU so lachhafte CO2-Reduktionsziele haben – lachhaft, wenn die Situation nicht so ernst wäre.”

Ricketts sagte, dass sich sonst keine Länder Zielwerten verschrieben hätten. Im Oktober 2014 einigten sich die führenden EU-Politiker darauf, Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 40 Prozent verglichen mit 1990 zu senken. Sie entschieden sich auch, erneuerbare Energien und Energieeffizienz um 27 Prozent zu steigern. “Kein anderes Land hat sich zu irgendwelchen Zielen verpflichtet. Die EU sollte der UN bis zum 22. April 2016 zumindest einen weniger ambitionierten Klimaplan vorlegen,” so Ricketts.

Im Vorfeld der Pariser Konferenz reichten Länder bei der UN ihre INDC-Beiträge (Intended Nationally Determined Contributions) ein. Alle fünf Jahre will man diese Zusagen zur Emissionsreduktion unter dem COP21-Abkommen überprüfen.

Euracoal leistete Lobbyarbeit für die Verminderung der Treibhausgase um 30 Prozent bis 2030. “Eins ist klar. Wir ‘führen die Welt’ nicht an und müssen jetzt wieder zur öden alten Aufgabe der Wohlstandsschaffung zurück.” Andere Unternehmen und Industrien zeigten breite Unterstützung für das Abkommen in Paris. Erst gestern riefen deutsche Großunternehmen die EU dazu auf, ihre 2030-Ziele zu erhöhen.

Ricketts hält seit August 2010 sein Amt bei Euracoal. Davor hatte er als Kohle-Analyst für die Internationale Energieagentur gearbeitet. Nicht zum ersten mal greift er grüne NGOs verbal an. Vor Kurzem warf er der European Climate Foundation (ECF) vor, die Wahrheit zu verdrehen und die Demokratie “mit Geld und Macht” zu untergraben.

In einem Meinungsartikel für EurActiv erklärte er, die Kohle habe die Menschheit aus der Knechtschaft befreit. Euracoal veröffentlichte außerdem einen Cartoon-Kalender, der die Unzuverlässigkeit erneuerbarer Energie betont.

“Die Kohle muss in der Erde bleiben, wenn wir den Klimawandel verhindern wollen. Aber das ist nichts Neues – nicht mal für die Kohleindustrie. Im November verkündete Großbritannien seine Strategie zur Stilllegung sämtlicher Kohlekraftwerke bis 2025. Auch Österreich, Portugal und Finnland wollen innerhalb der nächsten zehn Jahre komplett aus der Kohle aussteigen,” so Jiri Jerabek, EU-Politikberater von Greenpeace. “Der Trend zeichnet sich deutlich ab. 2014 erzeugte man in der EU zum ersten Mal mehr Strom durch erneuerbare Energieträger als durch Kohle. Dutzende von Kohlekraftwerken waren auf dem Weg zur Stilllegung. Heute erzeugen immer mehr Europäer selbst grünen Strom und eine zunehmende Zahl von Unternehmen hat sich von der Kohle abgewendet. Auch einige Finanzinstitution investieren nicht länger in die Industrie.”

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