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28/08/2016

Bio-Anbau erstmals auf dem Rückzug

Energie und Umwelt

Bio-Anbau erstmals auf dem Rückzug

Anbauflächen der ökologischen Landwirtschaft sind 2014 um 1,3 Prozent gesunken.

[Dirk Ingo Franke/Flickr]

Die deutsche Bio-Branche boomt – zugleich schrumpft der Landbau. Erstmals ist die Anbaufläche für Bioprodukte in Deutschland 2014 zurückgegangen. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft nennt dafür verschiedene Gründe – insbesondere aber die EU.

Die Anbaufläche für ökologisch nachhaltige Produkte ist 2014 zum ersten Mal in Deutschland geschrumpft. Das ergibt eine Analyse des “SWR” aufgrund von Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung.

Der Rückgang kommt überraschend, denn bislang war der Bio-Landbau auf dem Vormarsch:  In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Deutschland verdreifacht. Spitzenjahr war 2013 mit 1.060.000 Hektar. Doch im vergangenen Jahr waren es 1,3 Prozent weniger. Das ist der erste Rückgang seitdem die Zahlen erhoben werden.

Flächenrückgang besonders im Norden

Der Flächen-Schwund findet laut der SWR-Zahlen vor allem in Norddeutschland statt. Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen verbuchen fünf Prozent weniger Anbaufläche. In Schleswig-Holstein sind es acht Prozent. Der größte Rückgang fand jedoch mit zehn Prozent weniger Ökofläche in Thüringen statt.

Im Norden – aber besonders in den Neuen Bundesländern dominieren Großbauern die Landwirtschaft. 2014 haben sich jedoch vermehrt Betriebe dafür entschieden, wieder auf konventionelle Anbaumethoden umzusteigen.

Der Bund Ökologische Landwirtschaft sieht drei wesentliche Gründe dafür: Erstens seien die Pachtpreise für Land, auf denen Mais angebaut wird, durch die starke Subventionierung von Biogasanlagen in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen – ein Effekt des deutschen Erneuerbaren Energiengesetzes (EEG), das die Biogas-Produktion gefördert hatte.

EU-Ökoverordnung stiftet Unsicherheit

Ein weiteres Problem sei die die Diskussion um die Novelle der EU-Ökoverordnung. “Die EU-Kommission hat im Frühjahr 2014 einen unsäglichen Vorschlag gemacht, der bei den Bauern für erhebliche Irritationen gesorgt hat“, erklärt BÖLW-Geschäftsführer Peter Röhrig.

Insbesondere das Europaparlament habe es nun in der Hand den “schlechten” Vorschlag der Kommission geradezurücken und mit der Novelle bessere Rahmenbedingungen für den Biolandbau zu schaffen, fordert Röhrig. Dazu gehöre die Stärkung der prozessorientierten Öko-Kontrolle. Und die Abwehr von bio-spezifischen Grenzwerte für Pestizid-Verunreinigungen, bei der Bio-Bauern schuldlos für die Anwendung von Agrarchemikalien ihrer Nachbarn haftbar gemacht würden. Gestärkt werden solle zudem die Umsetzung des Öko-Rechts insbesondere im Importbereich, sagt Röhrig.

Ein dritter Punkt: Auch nach der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) würde der Bio-Anbau durch die EU nicht ausreichend gefördert. Zwar gebe es das sogenannte Greening wonach Bauern die komplett ihnen zustehenden Agrarsubventionen nur dann erhalten, wenn sie bestimmte Bio-Maßnahmen einhalten – allerdings sei der Effekt nur marginal.

Der Verband Ökologischer Lebensmittelwirtschaft beklagt zudem eine wachsende Konkurrenz mit Billig-Bioprodukten aus dem Ausland. Dieser Druck auf die Landwirte würde sich mit schrumpfender Anbaufläche bei wachsender Nachfrage nach Bio-Produkten noch verstärken.

Doch im vergangenen Jahr hätten einige Bundesländer spezielle Förderprogramme für den ökologischen Landbau an den Start gebracht – etwa mit Umstellungsprämien und zusätzlichen Geldern für die Beibehaltung von Öko-Anbaumethoden. Wie erfolgreich solche Maßnahmen sein können, zeige sich durch den Flächen-Aufwärtstrend in den Bundesländern Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, so Röhrig. Deshalb geht der Verbandschef davon aus: Die Bio-Flächen 2015 werden wieder wachsen.

Hintergrund

Die EU-Kommission machte im Frühjahr 2014 einen Vorschlag für eine Novelle der EU-Ökoverordnung. Der Vorschlag verspricht, die Vorschriften für die Bioproduktion klarer zu gestalten - durch die Aufhebung verschiedener Sonderregelungen und Ausnahmen, das Verbot des Nebeneinander von ökologischer und herkömmlicher Landwirtschaft am gleichen Ort und stärkere Kontrollen von importierten Bioerzeugnissen. So sollen die durch Betrugsskandale und die Flut von Bio-Siegeln verunsicherten Verbraucher ihr Vertrauen in Öko zurückgewinnen.

Nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) wurden 2013 in Deutschland 6,4 Prozent der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche nach den Prinzipien des Ökologischen Landbaus bewirtschaftet. Die Bundesregierung strebt jedoch ein wesentlich größeres, noch von der früheren Landwirtschaftsministerin Renate Künast formuliertes Ziel an: 20 Prozent der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche sollten ökologisch bebaut werden.

Das Regelwerk, das voraussichtlich 2017 in Kraft treten soll, sieht auch strengere Regeln für die Produktion und Einfuhr von Bio-Produkten vor - und könnte laut Kritikern die Umstellung von Bauern auf Ökolandbau erschweren oder sogar zu einer Rückkehr vieler Produzenten in die konventionelle Landwirtschaft führen.

Bereits im Oktober des vergangenen Jahres hatten sich im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft des Bundestages alle Fraktionen klar gegen eine Totalrevision der EU-Öko-Verordnung ausgesprochen. Der Ökolandbau gehe europaweit ohnehin schon zu langsam voran, beklagen die Kritiker. Die Entwicklungschancen dürften nicht noch durch überzogene rechtliche Hürden behindert werden.

Der Rat verabschiedete im Juni eine Revision der Verordnung: So werden auf EU-Ebene keine speziellen Pestizid-Obergrenzen für Bioprodukte eingeführt. Nationale Schwellenwerte, die wie in Italien und Belgien bereits existieren, dürfen nur noch bis Ende 2020 fortgeführt werden. Die speziellen Regelungen zur Bio-Kontrolle und zu den Produktionsstandards werden weiterhin als eine Einheit angesehen. Auch bleibt es dabei, dass Bio-Unternehmen eine jährliche Kontrolle, im Regelfall unter Einbeziehung einer physischen Vor-Ort-Kontrolle, durchlaufen müssen.

Das Europaparlament will seine Revision im Herbst dieses Jahres verabschieden.

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