Aus Fehlern gelernt? Kohle-Ausbau in Europa geht zurück

Nur 12 der ursprünglich 65 geplanten Kraftwerke wurden tatsächlich gebaut. [Shutterstock]

Die europäischen Stromversorger haben den Ausbau der Kohlekraft in den vergangenen Jahren zurückgefahren. Das zeigt eine neue Studie der Universität Oxford.

Zwischen 2005 und 2008 hatten die Firmen angekündigt, neue Kohlekraftwerke mit einer Gesamtkapazität von mindestens 49 GW bauen zu wollen. Deutsche Firmen planten dabei mit mindestens 20 GW zusätzlicher Leistung; ihre britische und niederländische Konkurrenz mit 7 und 4 GW.

Tatsächlich wurden aber 77 Prozent der geplanten 49 GW Leistung aus den Plänen gestrichen, bei weiteren 1,1 GW ist es ebenfalls unwahrscheinlich, dass sie umgesetzt werden. Nur 12 der 65 geplanten Kraftwerke wurden gebaut. In Großbritannien wurde kein einziges errichtet.

Der Bericht der Smith School of Enterprise and the Environment der Uni Oxford zeigt, dass diese 180-Grad-Wende das Resultat fehlerhafter Prognosen und erheblicher Abschreibungen ist.

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Laut Report war Mitte der 2000er-Jahre die politische Stimmung in Deutschland, Polen und den Niederlanden noch sehr positiv gegenüber Kohlekraft. Lediglich 11 der 53 gestrichenen Kraftwerke hätte umweltschonendere Kohlekrafttechnologien gehabt. Darüber hinaus wurde angenommen, dass der Markt für Kohlekraft wachsen und die Rohmaterialpreise fallen würden.

Tatsächlich war der Energiebedarf seit 2008 aber niedriger, als erwartet wurde. Erhöhte Stromproduktion und erneuerbare Energietechnologien führten zu Überkapazitäten.

Der Bericht beschreibt weiter, wie andere Länder von der Misskalkulation der europäischen Firmen lernen können. Der leitende Autor der Studie, Ben Caldecott, unterstreicht: „Es gibt eine glasklare Botschaft für asiatische Energiefirmen und Investoren: Es zahlt sich nicht aus, auf neue Kohlekraftkapazitäten zu setzen.“

Die indische Regierung hat kürzlich beispielsweise angekündigt, dass 5,5 GW Energie aus ineffizienten Kohlekraftwerken nicht mehr benötigt werden. Derzeit produziert Indien 195 GW seiner Gesamtenergie von 330 GW aus Kohle. In den vergangenen zwei Jahren wurden bereits Kohlekraftkapazitäten von ungefähr 4 GW stillgelegt.

Ein ähnlicher Trend ist in Südkorea zu beobachten. Der neue Präsident Moon Jae-In hat im Wahlkampf versprochen, dass zehn Kohlekraftwerke geschlossen und keine neuen gebaut werden.

Laut Ben Caldecott sollten sich die europäischen Firmen sogar bei Anti-Kohlekraft-Aktivisten und ihren erfolgreichen Kampagnen gegen einen weiteren Ausbau der Kohlekraft in einigen Ländern bedanken: „Wären sie nicht erfolgreich gewesen, wären die Verluste für die Energieversorger heute sogar noch größer,“ glaubt er.

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Will die Bundesregierung das Pariser Klimaabkommen ernst nehmen, muss sie binnen weniger Jahre mit dem Kohleausstieg beginnen, meint der WWF. Noch immer gehöre Deutschland zu den größten Luftverschmutzern Europas.

In Deutschland hat man sich derweil auf den Ausstieg aus der Kohlekraft geeinigt. Es bestehen aber weiterhin Zweifel, wie schnell dieser Ausstieg tatsächlich realisiert werden kann. Im Wahlkampf von Kanzlerin Merkel spielt der Kohleausstieg bisher keine Rolle. Derzeit steht Kohlekraft noch immer für 40 Prozent des deutschen Energiebedarfs. Seit dem Jahr 2000 wurde die Energieproduktion aus Kohle um lediglich 10 Prozent zurückgefahren.