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23/01/2017

Atomlobby beschwört in Moskau Renaissance der Kernkraft

Energie und Umwelt

Atomlobby beschwört in Moskau Renaissance der Kernkraft

Das im Bau befindliche Kernkraftwerk Nowoworonesch II in Zentralrussland.

[Daniel Tost]

Nach Fukushima glaubte man, dass es in Europa keine neuen Atomkraftwerke geben würde. Nun werden in zahlreichen europäischen Ländern sowie weltweit neue AKWs geplant oder bereits gebaut. Auf der Moskauer Atommesse beschwört die internationale Atomlobby einen neuen Vormarsch der Kernkraft.

In Deutschland ist das Ende der Atomkraft besiegelt. Es gibt aber immer mehr Länder, die verstärkt auf Kernenergie setzen. Seit der Fukushima-Katastrophe hat sich die Anzahl ausländischer Aufträge für den russischen Staatskonzern Rosatom verdreifacht, verkündete Rosatom-Chef Sergej Kirijenko zum Auftakt der Moskauer „AtomExpo 2015“ Anfang dieser Woche. Im Rahmen des diesjährigen Forums hat der staatliche russische Atomkraftwerks-Betreiber eine Reihe von Partnerschaftsabkommen mit mehreren asiatischen und afrikanischen Staaten abgeschlossen. Rosatom hat derzeit Aufträge für den Bau von 29 Atomreaktoren im Ausland und rechnet mittelfristig mit 35 weiteren.

Weltweit befinden sich mehr als 60 AKWs im Bau, weitere 165 sind geplant. Derzeit stammt etwa elf Prozent des weltweiten Stroms aus der Kernkraft. In der EU erzeugen Kernkraftwerke etwa ein Drittel der verbrauchten Elektrizität. Atomkraft befinde sich klar wieder auf einem neuen Wachstumspfad, sagte Agneta Rising, Vorsitzende der World Nuclear Association (WNA), in Moskau.

„Über zwei Jahrhunderte lang basierte unser industrieller Fortschritt auf fossilen Energieträgern“, so Rising. „Nun wissen wir, dass die Verschmutzung durch diese Energieträger das Fundament der Gesellschaft, die sie unterstützen, bedrohen. Wir müssen uns von der Abhängigkeit von diesen wegbewegen.“ Die Kernkraft sei seit über sechzig Jahren die Basis einer verlässlichen, bezahlbaren und sauberen Energieversorgung. Somit sei sie eindeutig ein wichtiger Teil der Lösung des zukünftigen Energiebedarfs der Menschheit.

„Dennoch ist in manchen Märkten die Zukunft der Kernkraft unklar. Eine schlecht beratene politische Opposition behindert die Wahl der Kernkraft in manchen Ländern“, sagte Rising. In anderen Märkten habe Deregulierung ein Klima geschaffen, dass die Entwicklung der besten langfristigen Optionen erschwere.

Dass Atomkraftwerke eine Zukunft haben, glauben auch die europäischen Länder, die auf der Atomexpo vertreten waren. Ungarn unterzeichnete im vergangenen Jahr ein Abkommen mit Rosatom. Das Land will sein einziges Atomkraftwerk im mittelungarischen Paks mit zwei Blöcken, von denen jeder 1.200 Megawatt leisten würde, ausbauen. Das Ganze soll mit einem Darlehen aus Moskau in Höhe von zehn Milliarden Euro finanziert werden. Die EU prüft derzeit, inwieweit die Verträge zwischen Russland und Ungarn mit europäischen Ausschreibungs- und Wettbewerbsregeln übereinstimmen

In Moskau wies Attila Aszódi, ungarischer Regierungsbeauftragter für das Projekt Paks II, auf die zentrale Rolle der Atomkraft für sein Land hin. Kernreaktoren decken 40 Prozent des ungarischen Strombedarfs. Kernenergie sei „sauber, sicher, kosteneffizient und außerdem zuverlässig“, so Aszódi. Letzteres gelte schließlich für eine Reihe von anderen Stromquellen nicht. „Sogar in Deutschland gibt es in der Nacht keinen Sonnenschein.“

Großbritannien teile viele der Ansichten Ungarns was die Unterstützung der Kernenergie angeht, erklärte Tim Yeo, ehemals Vorsitzender des Energieausschusses im britischen Parlament. Die Briten würden die Kernenergie so auch als sicher, sauber, zuverlässig und als einen Job-Schaffer betrachten. Je näher man in Großbritannien an einem AKW wohne, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, ein Unterstützer von Kernenergie zu sein, sagte Yeo.

In England könnte sich nach Auffassung mancher die Atomzukunft der EU entscheiden. Der Beschluss der EU-Kommission vom Oktober, staatliche Beihilfen für den britischen Reaktorbau Hinkley Point C zu erlauben, war ein schwerer Rückschlag für Atomgegner. Die heftig umstrittenen milliardenschweren Beihilfen dürften einem Gutachten zufolge den Wettbewerb auf dem europäischen und deutschen Strommarkt zu Lasten der erneuerbaren Energien verzerren.

Das Thema beschäftigt derzeit auch den Bundestag. So will die Grünen-Fraktion in einer Kleinen Anfrage wissen, ob die Förderung der Atomkraft nach Ansicht der Bundesregierung von gemeinschaftlichem Interesse aller EU-Mitgliedstaaten ist und ob ihrer Meinung nach durch die Subventionierung eine Innovationsförderung stattfindet, die den energie- und umweltpolitischen Zielen der EU gerecht wird.

Atomgegner befürchten, dass das britische AKW-Projekt als Modell für weitere Reaktorbauten in Europa dienen könnte. Auch Finnland, Frankreich, Polen, Rumänien, die Slowakei und Tschechien planen bereits neue Atomkraftwerke. Und auch in Großbritannien selbst sind weitere AKW in Planung.

Vier Jahre nach dem verheerenden Reaktorunglück von Fukushima will nun die japanische Regierung wieder Atommeiler ans Netz bringen. Die beiden Reaktoren des AKW Sendai hätten die neuen Sicherheitsauflagen erfüllt, teilte die Aufsichtsbehörde NRA Ende Mai mit. Die Anlage im Südwesten des Landes, die von dem Energiekonzern Kyushu Electric Power betrieben wird, muss zunächst noch Betriebstests durchlaufen. Doch diese dürfte sie ohne Probleme bestehen. Kyushu Electric hofft, den Reaktor Sendai 1 Ende Juli wieder hochzufahren, Sendai 2 soll Ende September folgen.

Takuya Hattori, Präsident des Japan Atomic Industrial Forum, wies in Moskau auf die besondere Situation seines Landes hin. Japan hat keine eigenen Energieressourcen und keine Pipelines, die das Land mit seinen Nachbarn verbindet. Vor allem unter dem Aspekt der Energiesicherheit sei man auf die Kernenergie angewiesen, so Hattori.

Insgesamt überwiegt jedoch im Land weiterhin die Kritik an der Atomkraft und dem Neustart der Reaktoren. Mehr als 60 Prozent der Japaner meinen, dass Atomkraftwerke gefährlich sind. Ebenfalls 60 Prozent befürworten einen Atomausstieg. „Wir beobachten die öffentliche Meinung sorgfältig“, sagte Hattori. Wie man das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnt, sei die zentrale Frage.

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