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25/09/2016

Norwegischer Energieminister: Wir fördern bis das Gas aufgebraucht ist

Energie und Umwelt

Norwegischer Energieminister: Wir fördern bis das Gas aufgebraucht ist

Der norwegische Energieminister Tord Lien

[OED/Scanpix]

Norwegen wird ab 2035 nur noch ein Drittel seiner Erdgasreserven in der Arktis nutzen – denn ein Großteil ist für den EU-Markt vorgesehen. Sein Land werde die Produktion erst einstellen, wenn die Vorkommen aufgebraucht sind, sagt der norwegische Erdöl- und Energieminister Tord Lien im Interview mit EurActiv.

Norwegens Erdöl- und Energieminister Tord Lien diskutierte den erfolgreichen Sektor der erneuerbaren Energien seines Landes, den Klimawandel und den Handel. Weniger gesprächig zeigte er sich bei der Frage, was ein aus der EU ausgetretenes Großbritannien vom Nicht-EU-Land Norwegen lernen könnte.

Tord Lien ist norwegischer Minister für Erdöl und Energie. Norwegen ist der größte Erdgaszulieferer der EU, die das Land als Brücke in eine kohlenstoffarme Zukunft und als wichtigen Baustein der EU-weiten Energiesicherheit versteht.

Das Interview steht Ihnen auch in der SoundClound zur Verfügung.

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Norwegen ist einer der Haupterdgaslieferanten der EU. Klimakommissar Miguel Arias Cañete sagt, er wolle mindestens drei verschiedene Energieversorger pro EU-Staat. Beunruhigt Sie das? Schafft das nicht mehr Wettbewerb für das norwegische Gas?

Ich glaube, dass es langfristig gut für uns alle ist, viele Energieversorger und viele verschiedene Verbraucher zu haben. Wir stehen bereits seit Jahrzehnten im Wettbewerb mit Gaslieferanten aus Afrika, Osteuropa und den arabischen Staaten. Daher sind wir für die Konkurrenz mehr als gewappnet.

Sie sagten einmal, Norwegen und die EU seien aufeinander angewiesen.

Wir haben uns entschieden, unsere Gasressourcen in enger Zusammenarbeit mit Europa auf der Grundlage eines Gasleitungssystems zu entwickeln. Norwegen ist damit sehr erfolgreich gewesen. Ich bin davon überzeugt, dass es auch für die nordwesteuropäischen Märkte und Verbraucher ein Erfolg war.

Das Pariser Abkommen wird womöglich zu höherer Energieeffizienz und einer stärkeren Abhängigkeit von Erneuerbaren führen. Glauben Sie, dass die Gasnachfrage nun zurückgehen wird?

Ich denke, man kann sagen, dass es in Zukunft kein globales Energiesystem im Rahmen des Pariser Abkommens geben kann, das nicht stärker auf erneuerbare Energien setzt und nicht energieeffizienter als heute ist. Angesichts der Tatsache jedoch, dass die Gaserzeugung in den 28 EU-Staaten immer weiter sinkt, haben wir auch in den kommenden Jahrzehnten noch einen starken Markt in Westeuropa.

Deutschland arbeitet derzeit an einem Programm zur Stilllegung riesiger Anteile ihrer Kohle- und Atomstromerzeugung. Hierfür gibt es bereits die verschiedensten Pläne. In Großbritannien hat die Energieministerin Amber Rudd verkündet, dass das Land seine Klimaziele erreichen wird, indem es Kohle durch Gas ersetzt. Solche Maßnahmen erhöhen natürlich die Nachfrage nach Gas in einigen nordwesteuropäischen Märkten. Kohle mit Gas zu ersetzen ist tatsächlich ein sehr wirksamer Weg, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

Aber Erdgas setzt doch auch Methan-Emissionen frei – ein viel stärkeres Treibhausgas als CO2, oder?

Methan ist ebenfalls für den Klimawandel verantwortlich. Das ist richtig. Aber worauf wollen Sie hinaus?

Ich wollte sagen, dass Erdgas als Überbrückungskraftstoff gilt, aber eigentlich kaum jemand darüber spricht, dass es Methan-Emissionen verursacht, die eigentlich noch viel schädlicher für das Klima sind als Kohlenstoffemissionen.

Wir konzentrieren uns darauf, alle Emissionen zu senken – nicht nur CO2 aus der Öl- und Gaserzeugung. Hier haben wir besonders solide Steuermaßnahmen ergriffen: eine hohe CO2-Steuer zum Beispiel. Darüber hinaus gibt es auch Maßnahmen, um Methan-Emissionen zu messen und zu begrenzen. Bei uns war auch schon von Anfang an das Abfackeln verboten.

Norwegen ist weltweit führend, wenn es um die Nutzung von Erneuerbaren im Inland geht. Wie hoch ist der Anteil der erneuerbaren Energien bei der norwegischen Energieerzeugung?

Wir produzieren zehn Terrawattstunden mehr an sauberer Energie als wir verbrauchen.

Aber Sie nutzen auch Ihre Erdgasreserven im Inland, richtig?

Ja, für die Schifffahrt. Außerdem nutzen wir kleinere Mengen in den verschiedenen Bereichen der energieintensiven Industrien. Wir haben aber nur ein einziges Gaskraftwerk.

Die Gasvorkommen dienen also hauptsächlich dem Export.

Genauso ist es.

Manche Kritiker würden fragen, warum Sie Europa mit fossilen Brennstoffen versorgen und all die saubere Energie für sich behalten?

Das ist wirklich nicht richtig. Wir sind gerade dabei, unsere Export- und Handelskapazitäten in Richtung EU auszubauen. So errichten wir derzeit eine 140 Megawatt starke Leitung nach Deutschland und eine zweite nach Großbritannien.

Darüber hinaus haben wir inzwischen Verbindungsleitungen in die Niederlande, nach Dänemark und nach Finnland eingerichtet. Auch mit Schweden verfügen wir über ein vollständig integriertes System. Daher stimmt es einfach nicht, so etwas zu sagen. Sehen Sie sich nur die Aussagen der Internationalen Energieagentur (IEA) an. Sie sieht das norwegische Modell als leuchtendes Beispiel dafür, wie man Energiesysteme entwickelt.

Sie sagten heute morgen in ihrer Präsentation, dass Norwegen 2035 beginnen würde, das letzte Drittel seiner Erdgasvorkommen zu fördern. Ich weiß, es ist immer schwierig Vorraussagungen zu machen, aber was passiert, wenn die Reserven erschöpft sind?

Wenn das passiert, werden wir die Produktion einstellen. Ein Drittel haben wir bereits zur Erzeugung genutzt. Das Zweite werden wir in den nächsten 20 Jahren fördern und dann haben wir noch ein letztes Drittel übrig.

Geht es bei diesem Plan auch um Bohrungen in der Arktis?

Wir haben bereits ein Pipelinesystem zur Arktisregion eingerichtet. Ein Großteil der übrigen Ressourcen wird im nördlichsten Teil des Territoriums liegen.

Norwegen ist offensichtlich auch als Nicht-EU-Mitglied sehr erfolgreich. Welche Auswirkungen hätte ein Brexit auf den Energiemarkt angesichts Ihrer internationalen Abkommen und Ihrer Verbindungen mit Großbritannien? Und was könnte ein Vereinigtes Königreich außerhalb der EU von so einem erfolgreichen Vorbild wie Norwegen lernen?

Haben Sie mich gerade nach einem Brexit befragt? Unsere Zusammenarbeit mit der EU ist exzellent, ebenso wie unsere Zusammenarbeit mit Großbritannien. Wir werden auch weiterhin mit beiden eine Energiepartnerschaft pflegen – sowohl auf politischer als auch auf marktwirtschaftlicher Ebene.

Worauf ich eigentlich hinaus wollte ist Folgendes: Sie sind ein erfolgreicher Handelspartner, vor allem in Sachen Energie…

Das werde ich nicht kommentieren. Ich muss jetzt eh los. Vielen Dank also.