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30/08/2016

“Kohlekraftwerke werden in Deutschland noch lange wichtig bleiben”

Energie und Umwelt

“Kohlekraftwerke werden in Deutschland noch lange wichtig bleiben”

Deutschland wird Braunkohlenoch länger benötigen, ist der tschechische Konzern ?EZ überzeugt.

[ GuenterHH/Flickr]

“Die Teile von Vattenfall, an denen wir interessiert sind, sind – neben der Wasserkraftsparte – moderne Kohlekraftwerke mit einer Lebensdauer bis zu 40 Jahren”, sagt Daniel Beneš vom tschechischen Energieunternehmen ?EZ. Er ist überzeugt, dass Kohle in Deutschland noch lange notwendig sein wird.

Daniel Beneš ist Generaldirektor des 1992 gegründeten ?EZ mit Sitz in Prag. ?EZ ist der größte Energiekonzern in Mittel- und Osteuropa sowie der größte Stromproduzent in der Tschechischen Republik und betreibt auch in Deutschland Kohle- Wasser-, Wind- und Solarkraftwerke. Der Konzern hat Interesse an der Übernahme der Braunkohlesparte von Vattenfall in der Lausitz bekundet.

Vor der Klimakonferenz in Paris haben Sie ziemlich aktiv in den Verhandlungen mit verschiedenen Partnern. Neben denen in der Magritte-Initiative, die große europäische Energieunternehmen verbindet, war ?EZ auch unter den ungefähr 100 internationalen Firmen und weiteren Organisationen, die die sogenannten “Vorschläge für den Handel” unterstützt haben. Was war für Sie bei diesen Diskussionen am wichtigsten?

Ja, der Konferenz ist ein Jahr sehr intensiven Arbeit vorausgegangen, in dem sich Politiker mit Vertretern des Handels sowie der Nichtregierungsorganisationen getroffen haben. Ich habe mich bei diesen Diskussionen bemüht zu erklären, dass die Industrie und die Energiewirtschaft in langfristigeren Investitionszyklen funktionieren. Ich denke, das Hauptproblem für die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft ist nicht die Unwilligkeit der Firmen zur Senkung der Treibhausgasemissionen, sondern oft eine schlechte Wahl oder das Fehlen von geeigneten Technologien und Instrumenten sowie gerade die langfristige Unbeständigkeit eines regulatorischen Umfeldes ist. Zum Ausgleich des Energiemarktes und einer besseren Voraussehbarkeit für Investoren sollte auch dieses Abkommen beitragen.

Welche konkreten Instrumente können Ihrer Meinung nach dem Markt den richtigen Impuls für die Investitionen in Niedrig-Emissions-Technologien geben?

Notwendig ist meiner Meinung nach die Festlegung des CO2-Preises, der dann nicht nur unternehmerische Partner, sondern auch den öffentlichen Sektor und die Haushalte zur Senkung der Emissionen anregt. Er soll auf der Marktbasis gegründet sein, eine obligatorische Entscheidung führt umgekehrt zur Verteuerung der Zielerfüllung und zu negativen Auswirkungen auf die ganze Wirtschaft. Darum ist es positiv, dass das geschlossene Abkommen die auf Carbonpricing basierenden Marktmechanismen anerkennt und unterstützt.

Hat das Abkommen also Ihre Erwartungen erfüllt?

Wichtig ist, dass Europa in seinen ehrgeizigen Zielen im Bereich des Klimaschutzes nicht alleine bleibt. Das Abkommen wurde schließlich von 196 Ländern der Welt unterzeichnet. Jetzt wird es von den einzelnen Staaten abhängen, die konkreten Schritte und Instrumente festzulegen, die zur Verlangsamung der globalen Erwärmung führen. Aber schon die Vorbereitung des Gipfels hat eine Reihe von Verpflichtungen gebracht. Dutzende Staaten, einschließlich China und USA, haben sich zu freiwilligen Zielen zum Klimaschutz verpflichtet. Konkrete Verpflichtungen haben sich ebenfalls die Vertreter der Energieunternehmen und der Industrie auferlegt, die letztlich diejenigen sein werden, die den großen Teil der Kosten im Kampf gegen Klimaänderungen tragen.

Welche Verpflichtungen hat ?EZ angenommen?

Die ?EZ-Gruppe hat sich vorgenommen, den Energiewirkungsgrad zu erhöhen und in der Tschechischen Republik die spezifischen CO2–Emissionen für eine produzierte Strom-Megawattstunde bis 2020 um 46 Prozent im Vergleich zum Jahr 2001 zu senken. Die langfristige Strategie der ?EZ ist es, die kohlenstoffneutrale Stromproduktion bis 2050 zu erreichen. Zu diesem ehrgeizigen Ziel, das auch über dem Rahmen der Verpflichtungen der EU sowie über dem der Mehrheit der Staaten der Welt liegt, haben wir uns zusammen mit weiteren bedeutenden Energieunternehmen in Europa bekannt. ?EZ hat im letzten Jahrzehnt in Niedrigkohlenstofftechnologien über fünf Milliarden Euro investiert. Dieser Bereich ist wichtig für uns und wir investieren hier. Eine umweltfreundliche Einstellung zum Klima ist für uns also nichts Neues.

Bedeutet eine “kohlenstoffneutrale” Stromproduktion, dass man neben dem Bemühen auf fossile Brennstoffe zu verzichten auch Technologien für die Erfassung und weitere Nutzung des freigesetzten Kohlenstoffes verwenden oder Aktivitäten finanzieren kann, die die natürliche CO2–Erfassung fördern?

Wir gehen davon aus, dass wir um 2050 den Strom nicht mehr aus Kohle produzieren werden. In dieser Zeit endet die Lebensdauer unseres modernsten und effektivsten Kohlenkraftwerkes in Ledvice. Unser Produktionsmix wird insbesondere auf erneuerbaren Energiequellen und den Kernkraftwerken basieren, die mit niedrigen Emissionen verbunden sind.

Was sagen Sie zu den Argumenten, dass die Nukleartechnik eigentlich für das Klima nicht nützlich ist, weil sie hohe und nicht immer effektive Investitionen verlangt, die stattdessen gerade in erneuerbare Energiequellen oder in Energieeinsparungen invstiert werden könnten?

Es geht selbstverständlich um eine sehr teure Technologie, wir dürfen aber nicht vergessen, dass man bei den heute gebauten Reaktoren dritter Generation mit einem Betrieb von mindestens 60 Jahren rechnet. Das ist drei Mal mehr als zum Beispiel die Lebensdauer eines Windkraftwerkes. Unserer Meinung nach können Kernkraftwerke und erneuerbare Energiequellen gut nebeneinander funktionieren und sich gegenseitig ergänzen. Der Kern ist eine stabile Quelle ohne Emissionen, die von der Laune der Natur nicht abhängig ist. Daneben ist, wie der zuverlässige und sichere Betrieb unserer klassischen Quellen, auch die Entwicklung der erneuerbaren Energiequellen und der innovativen Lösungen im Rahmen der dezentralen Energiewirtschaft ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie.

Wie steht ?EZ zu der Aufforderung, von den Kohlekraftwerken Abschied zu nehmen?

In Bezug auf die volle Dekarbonisierung sehen wir eine Evolution, keine Revolution. Investitionen in dem Energiesektor haben einen langfristigen Charakter und es kann also nicht erwartet werden, dass es von einem Tag auf den anderen zu einem Wandel kommt. ?EZ hat eines der umfangreichsten Modernisierungsprogramme von Kohlekraftwerken durchgeführt und es wäre nicht besonnen, die Stabilität der Stromversorgung zu gefährden. Moderne Kohlekraftwerke sind die Brücke zu der künftigen emissionsfreien Energieversorgung.

In Deutschland, wo Sie sich für Teile des schwedischen Unternehmens Vattenfall interessieren, hat man aber eher eine revolutionäre Einstellung.

In Deutschland hat sich die Situation durch den Atomausstieg verschärft. Kohlekraftwerke sind die Quellen für eine Stromversorgung der Bevölkerung in Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint oder kein Wind bläst – also wenn die erneuerbaren Energiequellen nicht im Stande sind, eine ausreichende Energieversorgung sicherzustellen. Das gilt so lange, bis alternative Technologien bereitstehen, die zum Beispiel eine größere Energiemenge speichern können. Aber das ist noch Zukunft. Meiner Meinung nach werden auch in Deutschland die Kohlekraftwerke lange noch eine wichtige Rolle spielen. Die Teile von Vattenfall, über die wir sprechen, sind aber nicht nur moderne Kohlekraftwerke mit einer Lebensdauer von 40 Jahren, sondern auch die Sparte Wasserkraft.

Wollen Sie also ein Angebot einreichen?

Die Entscheidung, ob wir ein unverbindliches Angebot einreichen, werden wir in Kürze fällen. Es ist aber nicht die einzige Akquisition, an der wir in Deutschland Interesse haben. Wir wollen ein zuverlässiger Partner der Energiewende sein, deshalb suchen wir auch Gelegenheiten in erneuerbaren Energiequellen und innovativen CleanTech-Unternehmen. Vor Kurzem sind wir zum Beispiel in dem bayerischen Unternehmen Sonnenbatterie eingestiegen, der weltweiten Nummer eins in der Produktion von Batteriesystemen zur Energiespeicherung. Darüber hinaus haben wir einen Anteil an der Dresdner Firma Sunfire erworben, die innovative Technologien zur Senkung der CO2-Emissionen und für die dezentralisierten Energieversorgung entwickelt.