Gas-Lobbyistin: „Wir könnten 2050 bis zu 76 Prozent erneuerbares Gas haben“

Beate Raabe, Generalsekretärin des Lobbyverbands Eurogas [© 2017 Eurogas]

Die überschüssige Energie aus Wind- und Solarquellen sollte systematisch zur Produktion von synthetischem Gas genutzt werden, um die so produzierte erneuerbare Energie besser speichern zu können. Das Potenzial ist riesig, sagt Beate Raabe.

Beate Raabe ist Generalsekretärin von Eurogas, einem Verband der europäischen Gasindustrie. Sie sprach mit EURACTIVs Energie- und Umweltredakteur Frédéric Simon im Vorfeld der jährlichen Konferenz von Eurogas mit dem Titel „Renewable gas: balancing our energy“, die am 27. Oktober in Brüssel stattfinden wird.

„Erneuerbares Gas“: Das klingt nach einem Widerspruch in sich. Ist das ein Versuch, Erdgas grüner zu machen, als es tatsächlich ist?

Wir wollen den Menschen zeigen, dass Gas nicht nur Erdgas ist, sondern auch erneuerbar sein kann. Den Ausdruck Biogas kennen beispielsweise Viele – aber nicht alles erneuerbare Gas ist Biogas. Mit dem Begriff „erneuerbares Gas“ wollen wir alle Arten solcher Gas-Energiequellen abdecken.

Welche Gase kann man den „erneuerbar“ nennen?

Fangen wir mit dem Biogas an: Biogas wird aus Dung hergestellt. Landwirte nutzen es oft direkt auf ihren Höfen oder gemeinsam mit anderen Bauern. Dieses Gas ist nicht komplett rein und kann deswegen nicht direkt ins Netz eingespeist werden. Man kann es als Energiequelle vor Ort oder in Blockheizkraftwerken nutzen. Sehr viel Biogas wird in solchen Blockheizkraftwerken verwendet.

Man kann Biogas aber auch veredeln und auf einen Standard bringen, mit dem es in das Gasnetz eingespeist werden kann und dann mit Erdgas gemischt wird. Dann heißt es Biomethan. Das ist das Tolle daran: Sie können das bereits existierende Gasnetz nutzen, um dieses erneuerbare Gas zu transportieren und zu lagern.

Außerdem gibt es viele Quellen, aus denen man Biogas gewinnen kann: Dung, Abwässer und Abfälle, zum Beispiel landwirtschaftliche oder Kommunalabfälle. Wir haben in Europa Millionen Tonnen an Müll, und sehr viel davon könnte in Biogas und Biomethan umgewandelt werden. Das ist also eine Möglichkeit, zur Kreislaufwirtschaft beizutragen, und eine Lösung für die Kommunen im Kampf gegen Müllberge.

Ein großer Teil dieser Abfälle – gerade Plastik, Metall und Papier – wird aber recycelt.

Das stimmt, aber sehr viel Müll endet immer noch auf Deponien oder wird einfach verbrannt. Dieser Müll könnte stattdessen zur Gasproduktion verwendet werden – wir sprechen da von einer „Vergasung von Abfallmasse“. Die neuesten Vergasungstechnologien können aus einer großen Bandbreite an Müll Gas produzieren, darunter auch Kommunalabfälle.

Zurück zum erneuerbaren Gas. Das schließt auch Wasserstoff mit ein, oder?

Ja, das sind weniger bekannte Ebenen des erneuerbaren Gases – Wasserstoff und synthetisches Methan.

Wenn zu viel Elektrizität aus Wind- oder Solarenergie gewonnen wird, könnte diese Überproduktion, die sonst einfach verloren gehen würde, zur Teilung von Wasser- und Sauerstoff genutzt werden. Sie erhalten dann Wasserstoffgas. Dieser Vorgang nennt sich Power-to-Gas.

Es ist ein sehr energieintensiver Prozess; aber wenn man sowieso zu viel Energie hat, warum sollte man sie dann nicht nutzen? Zu manchen Zeitpunkten ist Elektrizität sehr billig – es kommt ja sogar vor, dass der Preis negativ ist. Dann macht es Sinn, diese Elektrizität zu nutzen, um Wasserstoff zu produzieren.

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Wasserstoff kann leider nur zu einem bestimmten Teil in das Gasnetz eingespeist werden. Das ist momentan noch ein Nachteil. Es wird aber gerade erforscht, wieviel genau eingespeist werden kann, ohne dass Probleme mit Haushaltsgeräten wie Gasöfen auftreten. Momentan herrscht Konsens, dass ungefähr 10 Prozent Wasserstoffanteil im Gasnetz sehr sicher sind. Damit könnten alle Geräte normal genutzt werden – egal, ob zum Kochen, Heizen usw. In Leeds gibt es aber gerade ein Forschungsprojekt, unter dem das gesamte Erdgasnetz auf Wasserstoff umgestellt werden soll.

Synthetisches Methan geht da noch einen Schritt weiter. Sie können den Wasserstoff mit CO2 reagieren lassen. Das CO2 erhalten Sie direkt aus der Luft, aus industriellen Prozessen. Sie kombinieren die H-Atome mit den C-Atomen der CO2-Moleküle und Sie erhalten CH4, Methan. So können sie synthetisches Methan herstellen, das genau gleich aufgebaut ist wie Erdgas.

Und wie energieintensiv ist dieser Prozess?

Die Herstellung von synthetischem Methan ist leider auch sehr energieintensiv. Sie ist also ebenfalls nicht sehr effizient, aber sie ist im Moment die einzige Möglichkeit für groß angelegte und saisonale Speicherung von überschüssiger Energie. Es werden gerade Batterien entwickelt, aber derzeit ist keine Entwicklung in Sicht, mit der im großen Stil und über lange Zeit Elektrizität in Batterien gespeichert werden kann.

Als Beispiel: Sie können saisonale Unterschiede im Heizbedarf mit synthetischem Gas ausgleichen. Im Winter ist der Heizbedarf bis zu fünf Mal höher als im Sommer. Das Gasnetz kommt damit klar. Wenn die komplette Heizleistung aber elektrisch bedient werden müsste, hätten wir ein Problem; die Stromnetze können diese Fluktuationen nicht stemmen. Auf der anderen Seite könnten Sie überschüssige Elektrizität aber dafür nutzen, synthetisches Methan zu produzieren, das dann zum Heizen genutzt werden kann, wenn es besonders kalt ist.

Das ist also der Hauptvorteil: Dass erneuerbares Gas als Unterstützung und Absicherung für erneuerbare Elektrizität genutzt werden kann.

Es würde mehr als nur eine Absicherung sein. Erneuerbares Gas würde eine eigene erneuerbare Energieform werden, die mit dem Elektrizitätssektor interagiert. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die Sektoren koppeln: Wir müssen uns den Elektrizitätsmarkt in Zusammenhang mit dem Gasnetz ansehen, um herauszufinden, wie sich die beiden am besten ergänzen.

Wie hoch ist der derzeitige Marktanteil von erneuerbarem Gas? Und wie hoch kann er Ihrer Meinung nach in Zukunft werden?

Wir haben derzeit bei einem Gesamtvolumen von 450 Milliarden Kubikmetern Gas ungefähr 18 Milliarden Kubikmeter erneuerbares Gas, das meiste davon Biogas. Insgesamt sind es also um die 4 Prozent erneuerbares Gas. Das ist noch nicht sehr viel; man muss im Kopf behalten, dass es eben eine Technologie ist, die noch in der Erforschungsphase ist. Das Potenzial ist aber gewaltig, sowohl für Biogas als auch synthetisches Gas als auch Wasserstoff. Dieses Potenzial müssen wir entwickeln und ausschöpfen.

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Angenommen, Ihre Erwartungen an die Politik werden erfüllt: Kann erneuerbares Gas irgendwann Gas aus fossilen Quellen komplett ersetzen?

Das E3MLab der Universität Athen hat für uns eine Studie zu erneuerbarem Gas unter dem PRIMES-Modell durchgeführt. Laut ihrem Ergebnis würde im Jahr 2050 die Gasnachfrage ähnlich hoch sein wie heute, aber 76 Prozent der Nachfrage würde mit erneuerbarem Gas gedeckt werden. Das ist das Potenzial, das die Forscher sehen.

Ist das eine realistische Einschätzung oder eher Theorie?

Momentan ist das eine theoretische Zahl, weil wir über einen recht langen Zeitraum sprechen. Aber wenn die (politischen) Rahmenbedingungen stimmen, ist dieses Szenario durchaus realistisch.

Wie können EU-Gesetze dazu beitragen, dass der Anteil des erneuerbaren Gases erhöht wird? Erfüllt die geplante Reform der Erneuerbare-Energien-Richtlinie in dieser Hinsicht Ihre Erwartungen?

Sie ist insofern hilfreich, als dass die Kommission vorgeschlagen hat, Ursprungsgarantien auch für erneuerbares Gas zu diskutieren. Es gibt aber noch Lücken. Man müsste zum Beispiel bei den Subventionen ausgeglichenere Startpunkte schaffen.

Wir reden hier von sehr viel geringeren Subventionen, als sie die erneuerbare Elektrizität erhalten hat. In Deutschland lagen die Subventionen für Photovoltaik im Jahr 2000 beispielsweise bei 500 Euro pro Megawattstunde. Für Power-to-Gas würde man heute Unterstützung in Höhe von ungefähr 130 Euro pro MWh benötigen. Wir würden also auch Subventionen für die Forschung und Entwicklung der Erneuerbaren-Gas-Technologien benötigen, aber diese wären sehr viel geringer als die für elektrische Energie in der Vergangenheit. Und die Lernkurven bei erneuerbarem Gas wären ähnlich hoch wie bei der Photovoltaik.

Wir sehen also eine Gleichberechtigung zwischen erneuerbarer Elektrizität und erneuerbarem Gas als notwendig an. Es fehlen auch noch einige andere Mosaikstücke bei der Gas-Handhabung – nicht nur auf EU- sondern auch auf nationaler Ebene.

Wenn Sie in Deutschland beispielsweise synthetisches Gas über Power-to-Gas produzieren, müssen Sie alle anfallenden Steuern und Abgaben zahlen. Dazu gehören die Elektrizität an sich, die Netzgebühren, die Energiesteuer, die Erneuerbare-Energie-Abgaben und Konzessionsgebühren. Diese Abgaben machen heute einen Großteil der Kosten für erneuerbares Gas aus.

Werden in Zukunft die Preise auf dem Markt auf natürliche Weise fallen? Wenn es so viele Vorteile von erneuerbarem Gas gibt, sollte sich der Markt doch selbst regulieren und keine Eingriffe der Politik brauchen.

Wir fordern lediglich eine Gleichberechtigung mit der erneuerbaren Elektrizität. Wir wollen keine Sonderbehandlung für Gas. Und wie ich vorhin bereits sagte: Wir fordern, dass die Elektrizitäts- und Gasnetze gemeinsam und in Kombination angeschaut werden.

Welche Art und welche Höhe der Infrastrukturerneuerungen und -investitionen wäre dafür nötig?

Gar nicht viel. Sie nehmen Elektrizität aus den lokalen Netzen, lassen Sie durch das Power-to-Gas-Kraftwerk laufen und das entstehende Gas wird direkt in das bestehende Gasnetz eingespeist. Alles, was man braucht, ist also ein Power-to-Gas-Kraftwerk und Anschluss an die Gas- und Elektrizitätsnetze.

Wir sehen die besten Synergien für Power-to-Gas-Kraftwerke in Norddeutschland, wo wir viel Wind haben. Tatsächlich wurde die Power-to-Gas-Technologie in Deutschland gefördert, weil die Wind- und Solarenergiebranche dies aufgrund ihrer Überkapazitäten forderte. Die Technologie wird aber auch in anderen Länder unterstützt, in der Schweiz und in Italien, zum Beispiel.

In Deutschland gibt es ja auch das Probleme des Energietransports von Nord nach Süd. Der Süden kann nicht von der Windkraft des Nordens profitieren, außer wenn neue große Verbindungsleitungen gebaut werden. Dagegen regt sich jedoch lokaler Widerstand. Eine Lösung wäre Power-to-Gas.

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Angenommen, Sie erhalten die notwendige Unterstützung der Politik: Ist die Gasindustrie bereit, sich für eine Erhöhung des Anteils von erneuerbarem Gas einzusetzen?

Das ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Wenn Sie genug Rendite auf Ihre Investitionen erhalten, dann tun sie es. So einfach ist das.

In Bezug auf politische Zielsetzungen: Es gibt bereits Erneuerbare-Energie-Ziele auf EU-Ebene bis 2020 sowie auf nationaler Ebene. Erneuerbares Gas kann zum Erreichen dieser Ziele beitragen. In den Niederlanden ist heute schon 30 Prozent der erneuerbaren Energie tatsächlich Biogas.

Was glauben Sie: Wie hoch könnte der Anteil von erneuerbarem Gas an den EU-Energiezielen für 2030 sein?

Das ist schwer zu sagen. Das Potenzial ist groß. Man muss das Thema anders herum angehen und die Bedingungen deutlich machen, die dafür benötigt werden. Der Zeitrahmen für eine weitreichende Fokussierung auf erneuerbares Gas ist eher 2030-2050.

Man sollte aber auch nicht vergessen, dass Erdgas der fossile Energieträger mit den niedrigsten CO2-Emissionen ist. Man kann viel dafür tun, Kohle durch Erdgas zu ersetzen. Wenn man allein die Laufzeiten der Gaskraftwerke erhöhen würde – die meisten dieser Kraftwerke laufen im Moment kaum – könnte man die EU-Ziele einer Treibhausgas-Verminderung von 40 Prozent bis 2030 sogar um 6 Prozent unterschreiten. Und dabei geht es nur darum, mehr Gas statt Kohle zu nutzen. Ich rede hier noch nicht einmal von einem kompletten Kohleausstieg.

Deswegen muss unsere Herangehensweise langfristig ausgelegt sein. Wir können viel mit wenigen Kosten erreichen, wenn wir zunächst die Kohleenergie mit Erdgas ersetzen und dann schrittweise erneuerbares Gas hinzufügen.

Biogas oder Biomethan könnten ähnliche Probleme wie Bio-Kraftstoffe bekommen, wenn man sich Landnutzungsänderungen, Lebensmittepreise oder Waldabholzung ansieht. Wie sehen Sie das?

Wir fokussieren uns viel mehr darauf, Abfälle zu nutzen statt Ackerflächen oder Wälder. Für uns entstehen also nicht die gleichen Probleme.

Irgendwann werden Ihnen aber die Abfälle ausgehen.

Nein, das werden sie nicht. Es wird immer landwirtschaftliche Abfälle, Kommunalabfälle und tierische Abfälle wie Dung geben. Wir leben in einer verschwenderischen Welt.