Exklusiv: Russischer Energieexperte über das erste Treffen zwischen Putin und Trump

Igor Yusufov [Aleksei Turbin]

EXKLUSIV/ Energie-Guru Igor Yusufov teilt im Interview mit EURACTIV.com seine Sicht der Dinge zum Treffen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump während des G20-Gipfels und zum globalen Energiemarkt allgemein.

Igor Yusufov hat mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Öl- und Gasindustrie. Von 2001 bis 2004 war er russischer Energieminister. Im Jahr 2011 gründete er die Investmentfirma Fund Energy, die inzwischen in Energy Corporation umbenannt wurde.

Yusufov sprach mit Georgi Gotev, leitender Redakteur bei EURACTIV.

Was wurde Ihren Informationen nach beim Treffen der Präsidenten Trump und Putin zum Thema Energie-Herausforderungen besprochen?

„Politik ist der konzentrierteste Ausdruck der Wirtschaft“, schrieb Lenin vor mehr als hundert Jahren. Er ist heute vielleicht nicht mehr der populärste politische Autor, aber dieses Zitat ist absolut zutreffend, wenn es darum geht, diese scheinbar rein politische Diskussion zu bewerten.

Sie könnten jetzt sagen: Weder der russische Außenminister Sergej Lawrow noch sein amerikanischer Kollege Rex Tillerson haben bei ihren bisherigen Treffen eine Energieagenda angesprochen. Es ist aber tatsächlich so, dass die ersten Gespräche zwischen den beiden Präsidenten dieser Energie-Supermächte einen konstruktiven Rahmen für die Lösung der dringendsten Probleme der USA und Russlands in Bezug auf die Wirtschaft im allgemeinen, und den Energiesektor im speziellen gesetzt haben.

Wir sollten zur gleichen Zeit im Kopf behalten, dass neben der Energieagenda des bilateralen Dialogs, an der ich in den frühen 2000er-Jahren als Energieminister direkt beteiligt war, auch die Energiekomponente eine teils sichtbare, teils unsichtbare Rolle in den Krisen in Syrien und der Ukraine spielt. Auch die Hirngespinste von einer möglichen Einmischung Russlands in die US-Vorwahlen beeinflusst die Energieindustrie ganz direkt: Immerhin ist diese Industrie Ziel der neuesten Sanktions-Hysterie geworden, sodas zum Beispiel ExxonMobil die gegenseitig sehr gewinnbringende Kooperation mit dem größten russischen Öl-und Gasunternehmen Rosneft nicht weiterführen konnte.

Präsident Trump hat beim Besuch in Warschau klargemacht, dass die USA Flüssigerdgas (LNG) nach Europa exportieren und somit den russischen Marktanteil reduzieren wollen. Russland behauptet aber, sein Gas sei billiger. Hat Russland keine Angst vor möglicher Konkurrenz aus den USA?

Wir nehmen die Aussagen des US-Präsidenten, sein Land wolle LNG nach Polen und möglicherweise auch in andere Nachbarstaaten exportieren, mit Respekt zur Kenntnis. Die Aussagen wurden auch vom polnischen Präsidenten Andrzej Duda bestätigt, nachdem Polen einen Vertrag über eine einmalige LNG-Lieferung abgeschlossen hatte, in dem die Liefermenge nicht explizit festgelegt wurde. Polen verbraucht derzeit ungefähr 15 Milliarden Kubikmeter Gas, 10 Milliarden Davon werden von Gazprom geliefert. Im Jahr 2015 wurde in der Stadt Świnoujście ein LNG-Terminal mit einer Kapazität von 5 Milliarden Kubikmeter jährlich eröffnet. Im Juni 2016 kündigte die polnische Regierung an, dass dieses LNG-Germinal sowie eine geplante Gas-Pipeline zwischen Polen und Norwegen, ab 2022 die polnische Abhängigkeit von „Gaslieferungen aus dem Osten“ beenden werde.

Es ist aber notwendig, sich den wirtschaftlichen Aspekt der Lieferung von amerikanischem LNG nach Europa anzusehen. Aus ideologischer Sicht ist eine Diversifizierung der Gaslieferungen, wie sie in allen EU-Richtlinien gefordert wird, natürlich verständlich. Aber wenn wir uns die Berechnungen von Experten des Energieunternehmens, dem ich vorstehe, ansieht, glaube ich, dass die USA einen für sie sehr riskanten finanziellen Wettbewerb mit Russland eingehen. Unser Gas muss nicht verflüssigt und dann wieder in seinen gasförmigen Zustand zurückversetzt werden, und es wird auf dem kostengünstigstgen Weg transportiert: Über eine Pipeline.

Ich bin sicher, dass die US-Pläne, LNG direkt nach Polen und ander zentraleuropäische Länder zu liefern, weder der Start eines neuen Handelskrieges noch eine Verschlechterung der russisch-amerikanischen Beziehungen bedeuten. Ich möchte auch daran erinnern, dass Präsident Wladimir Putin während einer Pressekonferenz zu den Ergebnissen des G20-Gipfels in Hamburg von einem „gesunden Wettbewerb, von dem Alle profitieren” sprach. Damit bestätigte er unsere Unterstützung für offene Märkte, auch im Energiebereich, und dem amerikanischen Ziel von „offenem und fairem Wettkampf“. Gerade diese Position wurde auch in den Diskussionen mit US-Präsident Trump während des G20-Gipfels mehrfach wiederholt.

Putin beklagt maue Beziehung zwischen Moskau und den USA seit Trump

Ob Arbeitsebene oder militärische Ebene: Den Regierungen Russlands und der USA mangelt es laut Wladimir Putin seit dem Amtsantritt von US-Präsident von Donald Trumps an Vertrauen zueinander.

Bereits während der beiden US-russischen Energiegipfel 2002 und 2003 gingen Experten und Industrievertreter aus beiden Ländern Davon aus, dass Öl- und Gaslieferungen aus den USA nach Europa – was damals nur eine theoretische Überlegung war – nur Sinn ergeben würden, wenn sie mit anderen, bereits etablierten Lieferern koordiniert würden. Russland war und bleibt in dieser Hinsicht der wichtigste Akteur. Ich bin überzeugt, dass Verhandlungen, in die alle traditionellen Zulieferer eingebunden werden könnten, dazu beitragen werden, langfristige Stabilität in den Energiemärkten zu schaffen.

Russland hat also in Bezug auf die groß angekündigte amerikanischen Pläne nichts zu befürchten. Unser Land war immer ein gewissenhafter und überpünktlicher Gaslieferant für die europäischen Märkte. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass alternative Lieferungswege entstehen können. Wir sind für gesunden und nicht politisch motivierten Wettbewerb.

Das Projekt Nord Stream 2 ist ein offensichtliches Beispiel dafür, wie die russischen und amerikanischen Interessen sich überschneiden können. Was sollte die Herangehensweise sein?

Ich möchte Präsident Putin zitieren, der bei der besagten Pressekonferenz in Hamburg sagte, dass Russland seinen Wettbewerbsvorteil im Markt „in fairem und ehrlichem Wettstreit nutzen kann und sollte”. Diese Vorteile werden sich auch im Erfolg von Nord Stream 2 zeigen. Ich stimme dieser Einschätzung komplett zu, vor allem, weil der Transport über eine Pipeline wohl sehr viel billiger sein wird, als Gaslieferungen, die den teuren Prozess der Verflüssigung durchlaufen und darüber auch noch über den Atlantik transportiert werden müssen.

Russland ist bald Gastgeber eines Treffens zwischen OPEC-Mitgliedern und Nicht-OPEC-Staaten [am 24. Juli in St. Petersburg]. Das Hauptziel sind natürlich stabile Ölpreise; aber was kann Ihrer Meinung nach außerdem erreicht werden? [An dem Treffen nehmen Minister aus Kuwait, Venezuela, Algerien, Saudi-Arabien, Russland and dem Oman teil.]

Ein wichtiger neuer Aspekt beim Treffen des Komittees  zur Überwachung der Reduzierung der globalen Rohölproduktion ist die Einladung an zwei zusätzliche Staaten – Libyen und Nigeria – an der freiwilligen Reduzierung teilzunehmen. [Sowohl Nigeria als auch Libyen waren bisher von der Reduzierung der Ölproduktion ausgenommen. Unter der Vereinbarung verpflichten sich die OPEC-Staaten, Russland und andere erdölfördernde Nicht-OPEC-Staaten, ihre Produktion freiwillig zu reduzieren, um ein stabiles Preisniveau zu garantieren.]

Experten haben bereits Auswirkungen beobachtet: Nach dieser Ankündigung stiegen die Ölpreise auf dem Weltmarkt sofort an. Der Grund ist klar: in den letzten Monaten ist die tägliche Produktion in Libyen zum ersten Mal seit vier Jahren wieder auf über 1 Million Barrels pro Tag gestiegen. Am Anfang des Jahres lag die Produktion bei lediglich 690.000 Barrels täglich.

Diese Reaktion auf die OPEC-Ankündigung zeigt unserer Meinung nach, dass die Märkte an eine Ausweitung der Förderungs-Begrenzungen auf weitere Länder glauben. Als eine Person, der dabei war, als solche Begrnezungen zum ersten Mal entworfen und implementiert wurden – bei der 177. OPEC-Sitzung im Jahr 2001 – glaube ich auch daran, dass die Erweiterung auch auf Nicht-OPEC-Länder extreme wichtig ist. Nur durch gemeinsame Anstrengungen der großen Ölproduzenten können solche Förderbegrenzungen dauerhaft als Marktsteuerungsinstrument für stabile Preise etabliert werden.

OPEC verlängert Ölförderlimit

Die Mitglieder der Opec haben sich auf eine Verlängerung der Förderkürzungen für neun Monate verständigt.

Basierend auf den ersten Erfahrungen, die im Jahr 2001 gemacht wurden, haben die OPEC-Länder sich beim Gipfel am 30. November 2016 darauf geeinigt, die Produktion des Kartells auf 1,2 Millionen Barrel pro Tag zu reduzieren. Dabei sollten feste Produktionsquoten für die einzelnen Länder gelten. Später schlossen sich elf unabhängige Ölproduzenten dieser abmachung an. Somit wurden seit Januar 2017 täglich 1,758 Millionen Barrel weniger Öl produziert, als im Oktober 2016. Am 24./25. Mai 2017 haben sich die Länder dann geeinigt, die Maßnahme um weitere neuen Monate bis zum Ende des ersten Quartals 2018 zu verlängern.

Es gibt verschiedene Erwartungen bezüglich der Zukunft dieses sogenannten OPEC+ Prozesses. Der Ölminister des Iran, Bijan Namdar Zangane, den ich noch aus meiner Zeit als russischer Energieminister kenne, schließt beispielsweise eine weitere Verlängerung der Produktionsbegrenzungen über Ende März 2018 hinaus nicht aus. Khaled al-Faleh, der saudi-arabische Minister für Energie, Industrie und Mineralressourcen, hingegen erwartet, dass sich die teilnehmenden Länder auf dem Treffen in Wien am 30. November auf höhere Quoten einigen.

Meine Meinung, basierend auf Berechnungen von Experten der Energy Corporation, ist die folgende: die Aussichten, dass die Ölproduktion zukünftig auch von Ländern wie Libyen und Nigeria begrenzt wird, hängen langfristig von der Bereitschaft der USA ab, mit Russland und anderen großen Produzenten sowie mit den Verbrauchern in Europa und Asien in Dialog zu treten. Mit einem solchen Dialog, wie es ihn beispielsweise schon mit den bilateralen Energiedialogen gibt, könnte die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass sowohl für Produzenten als auch für Verbraucher faire Ölpreise gesichert werden.

Das erste Treffen der Präsidenten Putin und Trump war in diesem Kontext nicht nur das Treffen der Führer zweier Energie-Supermächte. Es hat viel mehr den Grundstein für konstruktiven Dialog in vielerlei Hinsicht gelegt. Energie wird in künftigen Verhandlungen und Treffen auf jeden Fall eine große Rolle spielen.