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20/01/2017

Abfallexperte: Deutschland sollte vorangehen, statt Fortschritte auszubremsen

Energie und Umwelt

Abfallexperte: Deutschland sollte vorangehen, statt Fortschritte auszubremsen

Seit 2009 gibt es in Norwegen ein Deponieverbot für biologisch abbaubare Abfälle.

[Dalibor Danilovic/Shutterstock]

Die vorgeschlagenen Abfallziele für 2030 seien ehrgeizig, aber realisierbar, erklärt Henrik Lystad, Vorsitzender des Europäischen Kompostnetzwerkes (ECN) im Interview mit EurActiv Slowakei.

Henrik Lystad ist stellvertretender Direktor des norwegischen Verbandes für Abfallwirtschaft und Leiter des Europäischen Kompostnetzwerkes (ECN).

EurActiv: Sie vertreten das Europäische Kompostnetzwerk in Brüssel. Vor Kurzem gab es den Vorschlag, die Recyclingziele für 2030 zu streichen. Deutschland war auch dafür. Halten Sie das für eine gute Idee?

Lystad: Definitiv nicht. Und ich kann diesen Vorschlag auch überhaupt nicht nachvollziehen. Ich befürchte, diese Initiative ist aus der Angst heraus entstanden, dass ihre hohen Recyclingquoten den neuen Berechnungsmethoden nach niedriger ausfallen könnten. Deutschland ist in Sachen Recycling und Recycling-Technologie europaweit führend. Es sollte seine Rolle akzeptieren, anstatt diese überaus wichtigen Fortschritte auszubremsen. Die Kreislaufwirtschaft wird kommen. Wir sind auf sie angewiesen, ganz Europa ist auf sie angewiesen. Und Deutschland muss als gutes Beispiel vorangehen.

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Wir hoch sind die Recycling-, Verbrennungs- und Deponiequoten für Siedlungsabfälle in Norwegen?

Die Recyclingquote für Siedlungsabfall liegt irgendwo bei 42 Prozent. Nur sehr wenig landet auf den Deponien, etwa vier Prozent. Der Rest wird entweder wiederverwertet oder an Ersatzbrennstoffkraftwerke geschickt.

Gibt es in Norwegen ein Deponieverbot?

Ja, seit 2009 ist es verboten, biologisch abbaubare Materialien auf Deponien zu entsorgen. Hier zu zählen Abfälle, die zu mehr als zehn Prozent aus organischen Stoffen bestehen. Dieser Wert liegt höher als in unseren Nachbarländern Finnland, Schweden, Dänemark und Deutschland. Es funktioniert aber ähnlich, denn der Gesamtanteil von organischen Stoffen im Abfall ist mit fünf bis zehn Prozent sehr niedrig.

Wird Norwegen es schaffen, die in der EU-Gesetzgebung festgeschriebenen Ziele für 2020 zu erreichen?

Das steht noch nicht fest. Die Recyclingzahlen sind nicht besonders hoch, auch wenn es kaum Deponierung gibt. Es bleibt noch viel zu tun.

Wo liegt das Problem?

Eines besteht darin, Bioabfälle einzusammeln. Hier sind die Zahlen noch zu niedrig. Die Menschen sind nicht verpflichtet, Bioabfälle vom ihrem anderen Müll zu trennen. In manchen Gemeinden landen sie in der Verbrennungsanlage. Es geht aber auch um die Sammelquoten. Darüber hinaus gibt es auch immer weniger Papier mit hohen Recyclingraten.

Ein andere Problem ist Sperrmüll. Den Recyclingzentren in Norwegen zufolge nehmen die Mengen stetig zu. Die Recyclingraten dieser Abfälle bleiben jedoch meist hinter der Auflese von Tür-zu-Tür zurück.

In Norwegen wird ein sehr großer Anteil des Abfalls verbrannt. Liegt das daran, dass die Verbrennungsanlagen inzwischen gebaut sind und nun betrieben werden müssen?

Wir verzeichnen in Norwegen keine Überkapazitäten. Die Müllverbrennungskapazität macht nur etwa zwei Drittel des erzeugten Restmülls aus. Das letzte Drittel geht an Verbrennungsanlagen in Schweden. Dies gilt sowohl für Haushaltsmüll aus auch für gewerbliche Abfälle. Orte ohne eigene Kapazitäten überlassen ihre Abfallwirtschaft ausgeschriebenen Partnern. Die Besitzer industrieller Abfälle dürfen in Norwegen selbst über das Schicksal ihres Mülls entscheiden. Hier könnten die unterschiedlichen Preise für das jeweilige Verfahren Einfluss auf den weiteren Umgang mit dem Abfall haben.

Gebiete, die über ihre eigenen Verbrennungsanlagen verfügen, folgen vielleicht dem gleichen Recycling-Regime wie Ortschaften ohne. Viele setzen sich eigene Ziele, was Treibhausgasemissionen angeht. Auch der Dienstleistungsfaktor spielt eine wichtige Rolle.

Natürlich müssen wir eine Lösung für die hohen Verbrennungsraten finden. Wir können uns nicht hinter der Tatsache verstecken, dass der Anteil an Altholz in Norwegen nun einmal höher ist und die Kälte es rechtfertigt, die Energie aus Abfällen zu beziehen.

Wie steht Norwegen zum EU-Abfallgesetz?

Wir müssen es aufgrund des EWR-Abkommens zwischen Norwegen und der EU anerkennen und umsetzen.

Halten Sie das neue europäische Abfallpaket selbst für Norwegen für zu ambitioniert? Der ursprüngliche Vorschlag liegt bei einer Recyclingrate von 65 Prozent für Siedlungsabfälle.

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Es ist ambitioniert, aber realisierbar. Man muss das Ganze aus der richtigen Perspektive betrachten. 2030 ist noch lange hin. Nachdem 2009 das Deponieverbot in Norwegen eingeführt wurde, kam es zu einem drastischen Kurswechsel. Auch wenn ich von den Herausforderungen in den Visegád-Ländern höre, ist eigentlich alles eine Frage der Perspektive. Wo stehen sie heute? Nun, sie haben viele Deponien und denken sich, dass sie auch in Zukunft viele haben werden. Aber das muss nicht sein. Es geht einfach nur darum, den Kurs zu ändern und neue Kapazitäten aufzubauen. Wenn man das tut und neue Vorschriften erlässt, kann man es schaffen.

Norwegens Probleme unterscheiden sich stark von denen in den Visegád-Ländern. Wo können Staaten wie die Slowakei, Ungarn, Tschechien und Polen vielleicht doch noch etwas von Norwegen lernen?

Die Visegrád-Länder verfolgen einen sehr guten rechtlichen Ansatz. Die meisten von ihnen haben bereits die Trennung von Biomüll veranlasst. Das ist der Eckpfeiler, mit dem sie die hohen Zielwerte und ein hochwertiges Recycling erreichen können. Von Norwegen könnten sie sich zwei Instrumente abgucken. Einerseits die erweiterte Herstellerverantwortung. Die Slowakei hat hier bereits ein solides Gesetz hervorgebracht. Mit der Herstellerverantwortung kann man sehr effektiv Entwicklungen anstoßen, ohne dass die Gemeinden und Bürger über ihre Abfallrechnungen dafür zahlen müssen. Letzten Endes jedoch werden die Verbraucher den Preis über die höheren Produktpreise decken.

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Das zweite Instrument besteht darin, dafür zu sorgen, dass der Kapazitätsaufbau in beide Richtungen funktioniert. Polen und andere Länder versuchen, diesen Aufbau von Kapazitäten zu fördern. Jedoch nicht sehr stark und auch nicht ausreichend. Es scheint allerdings ein guter Ansatz zu sein.

Sollten Regierungen sich Ihrer Meinung nach zusammenarbeiten und einander über ihre Maßnahmen informieren?

Ich denke es ist wichtig, lokale Aufbereitungsanlagen zu haben. Die neuen Kapazitäten müssen außerdem sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich nachhaltig sein.

Es sollte also keine Überkapazitäten geben?

Ganz genau. Auch das Geschäftsmodell muss überzeugen. Das Ersatzbrennstoffkraftwerk sollte in das lokale Fernwärmesystem integriert werden. Wenn man Kapazitäten nur um der Kapazitäten Willen baut, wird man in zehn Jahren scheitern. Sobald sich die Gesetzgebung ein wenig verändert, steht die Industrie vor großen Schwierigkeiten und ist nicht wettbewerbsfähig. Anlagen, die zu stark von der Regierung reguliert und beschützt werden könnten langfristig womöglich nicht überleben.

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