EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

08/12/2016

Braunkohle als flexibler Partner der erneuerbaren Energien

Energie und Klimaschutz

Braunkohle als flexibler Partner der erneuerbaren Energien

Brandenburg setzt auf Braunkohlekraftwerke, um die Energiewende im Land zu schaffen. Foto: Dirk Suhm / pixelio.de

Partnerstandpunkt von Wolfgang Dirschauer (Vattenfall Europe)Um volkswirtschaftlich desaströse Blackouts in der Energieversorgung zu verhindern, müssen Netz- und Kraftwerksbetreiber ihre Leistung täglich dem Angebot und der Nachfrage anpassen. Braunkohlekraftwerke werden dabei unterschätzt und gelten zu Unrecht als unflexibel, Plädoyer von Wolfgang Dirschauer, Klimapolitik-Chef bei Vattenfall Europe, für die Braunkohle.

Der Autor

" /Wolfgang Dirschauer ist Leiter des Bereiches Klimapolitik der Vattenfall Europe AG. Davor arbeitete er als energie- und umweltpolitischer Referent für die SPD-Bundestagsfraktion. Er studierte Politikwissenschaften, moderne Geschichte und englische Literatur in Hamburg und Bonn und hat einen Abschluss als M.A. der Politikwissenschaften der Universität Bonn. Dirschauer ist 1964 geboren, verheiratet und Vater von fünf Kindern.

______________________

Europaweit herrscht große Einigkeit, die erneuerbaren Energien weiter stark auszubauen. Durch intensive Förderung sollen sie wirtschaftlich werden, damit sie bereits in wenigen Jahrzehnten die Hauptquelle unserer Energieversorgung sein können. Im Stromsektor sollen die Erneuerbaren zunehmend zur "Leitenergie" werden, ein Ziel, dem sich insbesondere die Bundesregierung bereits 2010 mit ihrer "Energiestrategie" verschrieben hat und das durch die "Energiewende" 2011 und dem beschleunigen Abschalten der Kernenergie noch mehr an Bedeutung gewonnen hat.

Herausforderung Netzstabilität

Die Integration der erneuerbaren Energien in das deutsche (und europäische) Stromnetz stellt besondere Herausforderungen sowohl an Netz- als auch an Kraftwerksbetreiber. Politisch überparteilich unterstützt und maßgeblich über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert, erfolgt ein weiterer dynamischer Zubau vor allem an Photovoltaik- und Windanlagen.

Die Regelfähigkeit der konventionellen, fossil befeuerten Kraftwerke muss daher weiter deutlich ausgebaut werden, um die Stromnetzfrequenz und damit die Versorgungssicherheit jederzeit zu gewährleisten und volkswirtschaftlich desaströse Blackouts zu verhindern. Diese stabile Erzeugung ist unverzichtbar, um die fluktuierende Einspeisung der erneuerbaren Energien auf den verschiedenen Spannungsebenen auszuregeln, da vor allem Wind- und Solarstrom praktisch keinen Beitrag zur Systemregelung liefern.

Als einer der großen Kraftwerksbetreiber Deutschlands verfügt Vattenfall Europe über große Erfahrungen, tagtäglich die Kraftwerksleistung dem Stromangebot und der -nachfrage angepasst zu fahren.

Erdgas oder Kohle ?

In der politischen Diskussion wird in diesem Zusammenhang vor allem von der Notwendigkeit des Zubaus von Gaskraftwerken gesprochen, da diese aufgrund ihrer Technik besonders geeignet scheinen, die notwendige Flexibilität zur Sicherung unserer Stromversorgung zu besitzen.

Braunkohlenkraftwerken wird hingegen vielfach diese Eignung abgesprochen, da sie als unflexible "Grundlastkraftwerke" ausgelegt und für Regelungszwecke nicht oder nur sehr eingeschränkt zu verwenden seien.

Begriffe wie "Grundlast" und "Spitzenlast" sind passé

Die Realität indes zeigt, dass Begriffe wie "Grundlast" oder "Spitzenlast" einen Bedeutungswandel erleben. Zielführender ist es, von fluktuierender und stabiler Erzeugung zu sprechen und die Frage in den Mittelpunkt zu stellen, welche Systemdienstleistungen von Kraftwerken erbracht werden können und müssen.

In Brandenburg und Sachsen betreibt Vattenfall an vier Standorten Braunkohlenkraftwerke mit einer kumulierten elektrischen Leistung von 7.500 MWbrutto. Diese können mit einer Regelungsgeschwindigkeit von 2 bis 4 Prozent pro Minute nach oben oder unten gefahren werden. Bei einer aktuellen unteren Grenze der aufgrund technischer und vertraglicher Grenzen real fahrbaren Minimalleistung von rund 3.500 MWnetto beträgt das Regelband derzeit rund 4.000 MW.

Kein Kraftwerk ist über sein gesamtes Leistungsband regelbar. Bei modernen, neu zu errichtenden GuD (Gas- und Dampf-Kombikraftwerk) liegt die Mindestlast bei 20 bis 40 Prizent. Bei den bestehenden Braunkohlenkraftwerken liegt die technische Mindestlast bei 35 bis 45 Prozent des Bruttowertes.

Das erreichbare Regelungsband und die Regelgeschwindigkeit sind abhängig von der Betriebsweise (z.B. Einschränkung aufgrund von Wärmelieferungen) und dem Anlagenzustand (Kalt-/Warm- oder Heißstart) des Kraftwerkes.

Es kommt dabei jedoch nicht nur allein auf das einzelne Kraftwerk an sich, sondern auf den gesamten Kraftwerkspark an, um eine sichere Stromversorgung zu gewährleisten.

Das breite Regelband der Braunkohlenkraftwerke

Aktuell, aber auch in absehbarer Zukunft, ist es die Verstromung der Braunkohle in modernen, flexiblen Kraftwerken, die es den erneuerbaren Energien erst möglich macht, ihr dynamisches Wachstumspotenzial zu entfalten und in immer größerem Umfang in das Stromnetz einzuspeisen.

Nur durch die vorzügliche Regelbarkeit durch Lastwechselgeschwindigkeit und Breite des Regelbandes der Braunkohlenkraftwerke war es möglich, 2011 in Deutschland einen Anteil von 20 Prozent von regenerativ erzeugtem Strom in Deutschland zu erreichen.

Und diese Entwicklung steht nicht still. Durch anlagentechnische Optimierungsmaßnahmen ist eine weitere signifikante Reduzierung der technischen Mindestlast möglich. Vattenfall arbeitet unter dem Programmtitel "FlexGen" mit Nachdruck am Aufschluss dieser zusätzlichen Potenziale.

Eigenbeitrag der EE zur Systemsicherung

In dem Maße, wie die Kapazitäten der regenerativen Kraftwerksanlagen sich in den nächsten Jahren verdoppeln oder verdreifachen sollen, müssen auch diese in ein integriertes Steuerungskonzept einbezogen werden, um auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige und sichere Versorgung gewährleisten zu können.

Konventionelle und regenerative Erzeugungsanlagen müssen dabei so gesteuert werden, dass die jeweiligen Regelungsmöglichkeiten aufeinander angepasst werden. Denn unabhängig von Grundsatzfragen des Strommarktdesigns oder der Kostenentwicklung beim EEG ist es wirtschaftlich unsinnig, konventionelle Kraftwerke permanent mit größter Geschwindigkeit hoch- und runter zu fahren, auch wenn dies technisch möglich ist, weil das in jedem Fall zu einem deutlich höheren Verschleiß führt.

Die Zukunft eines integrierten Erzeugungssystems wird daher logischerweise auch von den erneuerbaren Energien Beiträge zur Netz- und Systemstabilisierung abfordern und diese auch dadurch besser in das Gesamtsystem integrieren. Die Braunkohlenkraftwerke können und werden diesen Prozess aktiv, effizient, innovativ und konstruktiv begleiten und unterstützen.

Link


Weiterer Bericht auf EurActiv.de
: Mit Braunkohle zur Energiewende (4. Juni 2012)