Mayr: Die Brücke schnellstens abreißen

Recherchen von WDR und SZ werfen Fragen bezüglich der Sicherheit von insgesamt 18 europäischen Atommeilern auf.

Ist das Risiko der Atomkraft erst seit vergangener Woche bekannt? Der EU-Umweltexperte Claus Mayr skizziert in einem Standpunkt auf EURACTIV.de die Nuklear-Debatte seit den 70er Jahren. Deutschland muss wieder Vorreiter sein, fordert Mayr.

Zum Autor

" /Claus Mayr ist Direktor für Europapolitik des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) in Brüssel.

 _________________

"Die Geschehnisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt". "Die Welt ist nach Fukushima nicht mehr, wie sie war". Diese oder ähnlich lautende Bekenntnisse waren in den letzten Tagen von allen führenden Politikern zu hören. Ob Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesumweltminister Norbert Röttgen oder EU-Energiekommissar Günther Oettinger. Selbst Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle und RWE-Chef Jürgen Großmann, der dafür im Dezember 2010 noch vom NABU den "Dinosaurier des Jahres" verliehen bekam, verabschiedeten sich vom ewigen Mantra der "Versorgungslücke", wenn die ältesten deutschen Atommeiler vom Netz gehen. Die Bürgerinnen und Bürger überall in Europa, insbesondere dort, wo ähnlich alte Pannen-Meiler stehen wie in Fukushima, etwa Tihange und Doel in Belgien, staunen ob dieser Kehrtwende. In Spanien registriert man fassungslos, dass die sachlichen und alles wohl abwägenden Deutschen von heute auf morgen sieben alte Atomkraftwerke vom Netz nehmen wollen, ohne die Stromlücke zu befürchten.

Seltsam, dass ich diese Bekundungen nur einem abnehme, dem österreichischen Umweltminister Nikolaus Berlakovich, der am Montag (14. März) als erster im EU-Umweltministerrat zumindest einen "Stress-Test" für die 143 Atomkraftwerke in der EU forderte. Denn sein Land hat die Kernenergie per Verfassung verboten, ist aber von Atommeilern in anderen Mitgliedstaaten und der Schweiz "umzingelt". Was hat sich in den letzten Tagen geändert? Weshalb konnte Merkel am Sonntag noch "die friedliche Nutzung der Kernenergie – als Brückentechnologie – für verantwortbar" halten, aber am Montag ein "Moratorium" für die acht ältesten Meiler, und am Dienstag das endgültige "Aus" für zumindest drei von ihnen zu beschließen?

Vor 30 Jahren: Menschliches Versagen in Europa undenkbar

Natürlich ist angesichts der verheerenden Naturkatastrophe in Japan und dem sich abzeichnenden Super-GAU ein Umdenken erforderlich und richtig. Nur, das haben die Umweltverbände bereits seit den 1970er Jahren gefordert, weil die Risiken schon damals bekannt waren – erinnert sei an Wyhl und Brokdorf. Als junge Studenten haben wir uns hitzige Diskussionen und Leserbriefschlachten mit den "Atom-Päpsten" der Rheinisch-Westfaelischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen und der Kernforschungsanlage (damals KFA, heute "Forschungszentrum") Jülich geliefert. Sie schwärmten damals vom Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) in Hamm-Uentrop und träumten vom "Schnellen Brüter" in Kalkar am Niederrhein nahe Düsseldorf.

Die Argumente waren schon damals die gleichen wie bis zur letzten Woche, wie in der bekannten Haarspray-Reklame gebetsmühlenartig vorgetragen: "Cattenom 18 Uhr, die Reaktorhülle hält; Philippsburg 20 Uhr, die Reaktorhülle hält..". Am 28. März 1979 passierte das Unmögliche: die Kernschmelze im amerikanischen Reaktor "Three-Mile-Island". Dennoch wurde der Thorium-Hochtemperaturreaktor gebaut und 1983 in Betrieb genommen, ebenso wie etliche andere Atomkraftwerke in dieser Zeit. Die Kernschmelze in "Three-Mile-Island" war die Folge menschlichen Versagens, das ja in Europa niemals denkbar sei…

Ängste vor "Licht aus"-Szenarien

Am 26. April 1986 dann Tschernobyl. Unsere Kinder durften zwar monatelang keine Frischmilch trinken und nicht im Freien spielen, dennoch war die Atomeuphorie nach einem kurzen Augenblick des Innehaltens ungebrochen. Ein russischer "Schrottreaktor" (obwohl eigentlich brandneu!), und weit weg in den gering bevölkerten Weiten der Sowjetunion. Immerhin, Tschernobyl bescherte uns endlich ein Bundesumweltministerium und eine bundesweite Atomaufsicht. Und der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer veranlasste eine umfassende Risikoanalyse. Ergebnis Anfang der 90er Jahre: nicht weniger, als wir heute wissen. In vielen älteren Meilern mangelnde Erdbebensicherheit, ungenügender Schutz gegen Flugzeugabstürze, selbst gegen Sportflugzeuge. Nach dem 11. September 2001 kamen neue Szenarien dazu: unzureichender Schutz der Betonhüllen der Reaktoren gegen terroristische Flugzeugattacken oder panzerbrechende Waffen.

Konsequenz war der Ausstiegsbeschluss der damaligen Rot-Grünen Bundesregierung, der zudem bewies, dass der im großen gesellschaftlichen Konsens erarbeitete "Fahrplan" möglich war, ohne dass die von der Atomlobby geschürten Ängste vor "Licht aus"-Szenarien einträten. Was sind also die weitergehenden Erkenntnisse heute? Und was bedeutet das, über Deutschlands Grenzen hinaus, für die EU oder gar Europa?

‚Wiedereinstieg in den Ausstieg‘

Weitergehende Erkenntnisse? Keine. Die tragischen Ereignisse in Japan belegen nur erneut, dass auch die angeblich sichersten Atomkraftwerke der Welt nicht beherrschbar sind und sich die Risiken mit dem Alter der Meiler massiv erhöhen. Der Unterschied zu Tschernobyl ist lediglich der Tatsache geschuldet, dass in einem dicht besiedelten Hochtechnologie-Land wie Japan Hunderttausende Menschen bedroht sind. Vielleicht Millionen, falls die Wolke Richtung Tokio ziehen sollte, wo mit 36 Millionen mehr als dreimal so viele Menschen wie in Belgien leben. Und dass die Katastrophe Wirtschaft und Börsen erschüttert, nicht zuletzt die Börsenkurse der Atomindustrie selber.

Was bedeutet das also für uns alle in Deutschland und Europa? Das "Moratorium" ist ein erster Schritt, aber nicht genug. Notwendig ist der schnellst mögliche, komplette und unwiderrufliche ‚Wiedereinstieg in den Ausstieg‘. Wenn die Atomkraft noch immer eine "Brückentechnologie" sein soll, muss diese Brücke schnellstens abgerissen werden!

Und dies gilt natürlich nicht nur für Deutschland, siehe das von Meilern in Deutschland, der Schweiz, Slowenien, der Slowakei, Tschechien und Ungarn "umzingelte" Österreich. Der auf Günther Oettingers "Atomgipfel" beschlossene "Stress-Test" mag ein Anfang sein. Aber was wir benötigen, sind für alle Mitgliedstaaten verbindliche einheitliche Sicherheitsstandards und deren Kontrolle durch eine unabhängige EU-Behörde, die Pflicht zur Abschaltung der bei diesen Tests als unsicher erkannten Reaktoren, sowie – ja, ich weiß, das ist bei den Mitgliedstaaten unbeliebt – Kontroll- und Sanktionsbefugnisse für die Europäische Kommission.

Pannen-Reaktor vor den Toren Brüssels

Vielleicht könnte für Brüssel der Blick auf die alten Reaktoren im eigenen Land hilfreich sein. Das Atomkraftwerk Tihange an der Maas bei Huy etwa, inzwischen 36 Jahre alt und für seine Pannen gefürchtet, liegt praktisch "vor den Toren" der Hauptstadt Europas. Es sollte nach dem belgischen Ausstiegsbeschluss von 2003 eigentlich 2015 vom Netz gehen. Aber die letzte funktionierende belgische Regierung, unter dem jetzigen permanenten EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy, handelte 2009 mit dem Betreiber Electrabel eine Laufzeitverlängerung bis 2025 aus, die im Gegenzug jährlich mehrere Hundert Millionen Euro in die klamme Staatskasse spülen soll. Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Nur am Rande erwähnt: Seit dem 14. März lässt die belgische Regierung im 20 Kilometer-Umkreis um Tihange Jod-Tabletten verteilen, betont aber, das habe nichts mit den aktuellen Ereignissen in Japan zu tun. Für mich beweist das nur erneut die Gefahr dieses Pannen-Meilers und belegt gleichzeitig die Hilflosigkeit der Politik!

Energiewende ohne Kohle- und Atomenergie

Doch die Konsequenzen für Europa bestehen natürlich nicht nur im Abschalten der Pannen-Meiler und dem sukzessiven Auslaufen der Atomenergie. Belgien etwa bezieht bislang über 50 Prozent seiner elektrischen Energie aus der Atomkraft, beim "Spitzenreiter" Frankreich sind es 75 Prozent. Um die beschlossenen Klimaschutzziele zu erreichen, müssen wir in den nächsten Jahrzehnten auch aus der Kohle aussteigen. Mancherorts erledigt sich dieses Thema ohnehin von selbst: etwa in Nordrhein-Westfalen, das seinen Strom überwiegend mit Braunkohle erzeugt. Und wo der letzte Tagebau 2045 ausläuft – will man nicht die natürlich prinzipiell vorhandenen weiteren Lagerstätten auskohlen, die aber unter Mittelstädten wie Jülich (33.000 Einwohner) und Erkelenz (45.000 Einwohner) liegen. Es war fast prophetisch, als Claude Turmes, profilierter Energie-Experte der Grünen im Europäischen Parlament, Mitte Februar auf einer Umweltkonferenz in Brüssel davor warnte, den Umbau in die "low carbon economy" nur mit Atomenergie und CCS meistern zu wollen.

Deutschland als Vorreiter

Was wir vor allem brauchen, ist die – von Merkel schon in ihrer Zeit als Bundesumweltministerin 1998 angekündigte – Entkoppelung des Wirtschaftswachstums vom Energieverbrauch, ganz generell massives Energiesparen, sowie die spürbare Steigerung der Energieeffizienz. Die jüngsten Beschlüsse des Rates und Vorschläge der Kommission weisen in die richtige Richtung, sind aber nicht ambitioniert genug. Zudem muss der für Deutschland bereits angekündigte beschleunigte Weg in die Erneuerbaren Energien in der gesamten EU Nachahmer finden. Hier kann und sollte Deutschland sich wieder als Vorreiter profilieren. Etwa bei der Windenergie: Während Deutschland Ende 2010 etwa 27.000 Megawatt und Spanien immerhin über 20.000 Megawatt installiert hatte, sind es in den Schlusslichtern Griechenland, Polen und Österreich knapp über, in Belgien sogar nur unter 1.000 Megawatt.

Natürlich zeigt gerade das Beispiel Windenergie, nicht zu trennen von der Frage des Netzausbaus, aber auch Biomasse und das "vor-Fukushima-Mega-Thema" E10, dass wir hier nicht den "Teufel mit dem Beelzebub" austreiben dürfen. Klimaschutz und Schutz der biologischen Vielfalt sind zwei gleichrangige Ziele, und natürliche Ökosysteme sind unser größtes Kapital bei der Verminderung der und Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels.

Weltweit kein sicheres Endlager

Und schließlich: In den letzten 60 Jahren hat alleine Deutschland die Atomenergie mit über 240 Milliarden Euro subventioniert. Aber am 14. März 2011 haben sich in 450 Orten Deutschlands mehr als 110.000 Menschen an Mahnwachen beteiligt, nach neuesten Umfragen lehnen etwa 80 Prozent der Deutschen die Atomenergie ab. Es ist daher nicht länger akzeptabel, dass mit Steuergeldern immer noch neue Atomreaktoren gebaut werden, wenn eine überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger diese Risikotechnologie ablehnt und Alternativen vorhanden sind. Das bedeutet, auch den Euratom-Vertrag aus dem Jahre 1957 infrage zu stellen. Der Traum von der sicheren und preiswerten Atomenergie ist ausgeträumt. Nicht zuletzt, und auch daran soll abschließend noch einmal erinnert werden, weil bislang kein Staat der Welt ein sicheres Endlager für den Atommüll hat.

Kontakt: Opens window for sending emailClaus.Mayr@nabu.de

Für fachliche Rückfragen: Elmar Große Ruse, NABU-Energieexperte, Berlin, Opens window for sending emailElmar.Grosse-Ruse@nabu.de

Zur EURACTIV.de-Debatte: EU-Energiepolitik nach Fukushima:

Schreyer: Europas Weg aus der Atomenergie (16. März 2011)

Weitere Standpunkte von Claus Mayr auf EURACTIV.de:

Wenn die EU-Karawane elektronisch aufrüstet… (28. Juni 2010)

Egal! Heute ist Euro-Krise (3. Mai 2010)

Wehrt euch gegen blanken Unsinn! (11. Februar 2011)

Links


Informationen / Dokumente

EU: Vertrag zur Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom)

Mehr zum Thema auf EURACTIV.de

Interview mit Michaele Schreyer: "Europa ist reich"
(4. Mai 2010)

Schreyer: Weg zur EU-Energiewende (8. März 2010)
____________

Atom-Moratorium nur per Gesetzesänderung? (17. März 2011)

Oettinger zu Fukushima: "Nahezu alles außer Kontrolle" (15. März 2011)

Übersicht zur Nutzung der Kernenergie in Europa (15. März 2011)

Merkel: Sieben Reaktoren gehen vom Netz (15. März 2011)

Oettinger: Europa ohne Kernkraft? (15. März 2011)

Atomkrise: Oettinger bestellt Dringlichkeitssitzung ein (14. März 2011)

Laufzeitverlängerung in Deutschland ausgesetzt (14. März 2011)

Explosion und drohende Kernschmelze im japanischen AKW (12. März 2011)

Erdbeben und Tsunami-Katastrophe in Japan (11. März 2011)

Atom-Comeback in Europa? (28. April 2010)

Mez: Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
________________

Fahrplan für CO2-armes Europa bis 2050 (9. März 2011)

Europas Erneuerbare: "Standortoptimierung wäre verfrüht" (22. September 2010)

Christian Hey: "Die Brücke steht schon" (5. Mai 2010)

Wie europäisch ist das Energiekonzept 2050? (6. September 2010)

Die Vision vom Super Grid (8. März 2010)

In der Reihe "EU Quo Vadis – Standpunkte zur Energiepolitik" sind auf EURACTIV.de erschienen:

Christian Hey: Europas Weg zu 100 Prozent Ökostrom (11. März 2010)
Manuel Sarrazin:
Autonomie oder Verflechtung? (10. März 2010)
Rebecca Harms: Kein Platz für Kohle und Atom (10. März 2010)
Lutz Mez:
Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
Michaele Schreyer:
Weg zur EU-Energiewende (8. März 2010)
Reinhard Loske: "Den Konsumismus überlisten" (8. März 2010)
Fritz Reusswig: "Wir brauchen die dritte industrielle Revolution" (1. März 2010)
Hans-Josef Fell: "Weitgehendes Versagen der EU-Energiepolitik" (1. März 2010)