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27/09/2016

Globaler CO2-Ausstoß auf Allzeithoch

Energie und Klimaschutz

Globaler CO2-Ausstoß auf Allzeithoch

Kohlekraftwerke, wie das hier abgebildete Staudinger bei Großkrotzenburg (Hessen), tragen erheblich zum Anstieg der deutschen CO2-Emissionen bei. Foto: dpa

Der weltweite CO2-Ausstoß ist so hoch wie noch nie. 35 Milliarden Tonnen des schädlichen Treibhausgases gelangten allein 2012 in die Atmosphäre. Der neue Rekord wird jedoch bereits 2013 gebrochen werden. Eigentlich Grund genug für die internationale Staatengemeinschaft, auf dem Klimagipfel in Warschau endlich das Ruder herumzureißen – wären da nicht zwei widersprüchliche Studien.

Der weltweite CO2-Ausstoß hat ein neues Rekordhoch erreicht. Einer Studie des Center for International Climate and Environmental Research in Oslo (CICERO) zufolge, gelangten im Jahr 2012 insgesamt 35 Milliarden Tonnen des Treibhausgases in die Atmosphäre. Tendenz steigend. Für das auslaufende Jahr 2013 wird eine Zunahme der klimaschädlichen Emissionen um eine weitere Milliarde Tonnen erwartet. Damit sind die CO2-Emissionen seit 2011 kontinuierlich um etwa 2,2 Prozent jährlich gestiegen.

"Die verheerenden Konsequenzen des Klimawandels sind bereits auf der ganzen Welt spürbar", sagt Andy Atkins, Geschäftsführer der Umweltschutzorganisation Friends of Earth. "Die Regierungen müssen aufhören, Ausreden zu erfinden und schleunigst Maßnahmen ergreifen, um eine Katastrophe zu verhindern."

Auch Deutschland hat zur Erhöhung der weltweiten CO2-Emissionen beigetragen. Obwohl der CO2-Ausstoß in der EU im Jahr 2012 um 1,3 Prozent sank, ist er in Deutschland um 1,8 Prozent gestiegen. Grund dafür ist die Energiewende. Der Verzicht auf Atomstrom hat zum Import billiger Kohle aus den USA geführt, die nun die Energiegewinnung sichern soll. Zum Vergleich: Das von Kohle abhängige Polen reduzierte seinen CO2-Ausstoß im vergangenen Jahr um 3,1 Prozent.

Zwei Studien – unterschiedliche Ergebnisse

Während die weltweit führenden Politiker noch bis Ende der Woche auf der UN-Klimakonferenz in Warschau diskutieren werden, befeuert CICERO durch seine alarmierende Studie die Debatte zusätzlich.

Bereits zu Beginn des Monats hatte die niederländische Umwelt-Agentur (PBL) in Kooperation mit dem Joint Research Center der EU-Kommission (JRC) eine Studie veröffentlicht, die ebenfalls von einer Erhöhung der CO2-Emissionen und einem neuen Rekordwert sprach. Allerdings ging die Studie der PBL und des JRC nur von einem Anstieg des Treibhausgases um 1,1 Prozent im Jahr 2012 aus. Das ist lediglich die Hälfte des Wertes, den das Klimaforschungszentrum in Oslo errechnet hat. Während also das Institut in Oslo vor einem bedrohlichen Trend warnt, sprechen die Kollegen der PBL und des JRC von einer "bemerkenswerten Verlangsamung" des jährlichen Anstiegs, angesichts einer gleichzeitig um 3,5 Prozent wachsenden Weltwirtschaft.

Falls sich die verschiedenen Forschungsinstitute nicht auf einheitliche Zahlen und Statistiken einigen könnten, sei das eine schlechte Nachricht, sagte der grüne EU-Abgeordnete Bas Eickhout gegenüber EurActiv. "Das letzte was wir jetzt gebrauchen können, ist ein Streit zwischen den Institutionen über die Interpretation der Emissionswerte. Die Beteiligten, die überhaupt nichts tun wollen, werden das [als Ausrede] benutzen und sagen, die Wissenschaft ist sich nicht einig."

Glen Peters, ein leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungszentrum in Oslo erklärte, sein Institut habe bei der Berechnung der Emissionen andere Ausgangsdaten als die niederländische PBL verwendet. Die Unterschiede bei der Messung der CO2-Werte gehen laut Peters also hauptsächlich darauf zurück, dass die PBL die Emissionen Chinas anders einschätzte. "Wir errechneten eine Erhöhung der chinesischen Emissionen um 5,9 Prozent pro Jahr und die [Kollegen der PBL] kamen auf eine Steigerung von 3 Prozent pro Jahr", erklärte Peters. "Da China so groß ist, können wenige Prozentpunkte einen großen Unterschied ausmachen."

Schwellenländer als Sündenböcke

Die CICERO-Studie schreibt China die Verantwortung für 70 Prozent des weltweiten CO2-Anstiegs zu, obwohl sich die jährliche Erhöhung der chinesischen Emissionen kontinuierlich verlangsamt. Die Studie der PBL fand eine ähnliche Formulierung und machte die sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Süd Afrika) – die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge für 30 Prozent des weltweiten BIP sorgen – für beinahe die Hälfte des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich.

Die Befunde der Studien über die BRICS-Staaten sind für die Kritiker aus den USA und der EU Wasser auf ihre Mühlen. Sie fordern die BRICS-Staaten seit geraumer Zeit dazu auf, zusätzliche Verantwortung bei der Reduzierung der Emissionen zu übernehmen und dies vertraglich zu regeln.

Entwicklungsländer fordern Geld

Die BRICS-Staaten und Schwellenländer hingegen sehen auch die Industrienationen in der Pflicht. Schließlich sind diese seit dem 19. Jahrhundert für die stetig gestiegene Luftverschmutzung verantwortlich. "Großbritannien und die anderen Industrieländer haben das Problem verursacht und müssen nun bei der Lösung internationale Führungsstärke beweisen", sagte Atkins von Friends of Earth.

Auch Pa Ousman, Vorsitzender der Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder (LDC) pflichtet der Kritik der BRICS-Staaten bei. Gegenüber EurActiv erklärte er, was die Entwicklungsländer nun von den europäischen Industrienationen erwarten würden. "Die Vorreiter in der EU sollten sich nicht von den Nachzüglern bremsen lassen", sagte Ousman. "Großbritannien, Schweden und Dänemark müssen die Dinge vorantreiben."

EU-Klimaschutzkommissarin Connie Hedegaard sieht alle Staaten gleichermaßen in der Pflicht: "Alle Länder müssen bereit sein, nächstes Jahr im September beim UN-Klimagipfel deutliche Zusagen zu machen." Welche Zusagen das konkret sein könnten, ist nach wie vor Teil der hartnäckigen Verhandlungen. Der EU-Abgeordnete Eickhout meinte, die Gespräche wären mühsam, langsam und von Tag zu Tag schwieriger.

Auf die Frage, was die Europäer konkret unternehmen könnten, forderte Ousman gegenüber EurActiv: "Die EU sollte ihre Führungsstärke zeigen, indem sie sich dazu verpflichtet, dem Grünen Klimafonds Geld zur Verfügung zu stellen."

Der Grüne Klimafonds ist Teil des UN-Rahmenabkommens über die Klimaveränderung, das 1992 auf der Rio-Konferenz unterzeichnet wurde. Ab 2020 soll der Fonds den Entwicklungsländern jährlich 100 Milliarden US-Dollar für Projekte zum Klimaschutz zur Verfügung stellen. Die Geldmittel halten sich bisher jedoch in Grenzen, lediglich die Startkosten des Klimafonds wurden gedeckt.

EurActiv.com/pas

Links

EurActiv Brüssel: Study: World set for record 36 bn tonnes of CO2 emissions this year (19. November 2013)