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25/08/2016

Deutscher Strompreis fast 50 Prozent über dem EU-Durchschnitt

Energie und Klimaschutz

Deutscher Strompreis fast 50 Prozent über dem EU-Durchschnitt

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Die Energiewende wieder auf Kurs zu bringen, za?hlt zu den großen Herausforderungen der neuen Bundesregierung. Einer aktuellen Studie zufolge gibt es jedoch einen anhaltenden Negativtrend: Der Wettbewerbsnachteil der deutschen Industrie gegenüber europäischen Konkurrenten ist größer geworden und die deutschen Haushaltsstrompreise bewegen sich 48 Prozent oberhalb des europäischen Durchschnitts.

"Die Energiewende bleibt die größte Herausforderung für unser Land", hatte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Januar dieses Jahres erklärt. Der aktuelle Energiewende-Index der Unternehmensberatung McKinsey zeigt jedoch kein optimistisch stimmendes Bild. Demnach ist die deutsche Energiewende sogar noch weiter vom Erfolgspfad entfernt als zur Veröffentlichung des ersten Indexes im September 2012.

Der Energiewende-Index bietet alle drei Monate einen Überblick über den Status der Energiewende in Deutschland. Dieser wird entlang der "drei Dimensionen des energiewirtschaftlichen Dreiecks" betrachtet: Klima- und Umweltschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Innerhalb dieser Dimensionen werden jeweils fünf Indikatoren analysiert und daraufhin bewertet, inwieweit sie ihre Zielwerte im geplanten Zeitverlauf der Energiewende erreicht haben.

Laut aktuellem Index scheint für nur sechs der 15 Indikatoren eine Zielerreichung bis 2020 "realistisch". Bei neun Indikatoren gebe es "deutlichen Anpassungsbedarf", da die Zielerreichung aktuell als "unrealistisch" bewertet wird.

Der Indexwert für die Industriestrompreise habe sich "drastisch verschlechtert". Grund dafür sei der Anstieg der Preise im ersten Halbjahr 2013 um 7 Prozent gegenüber dem vorherigen Halbjahr auf 11,23 ct/kWh. Ein wichtiger Treiber hierfür war der Anstieg der EEG-Umlage, von der die Industrie nur teilweise befreit ist, schreiben die Studienautoren Thomas Vahlenkamp, Matthias Gohl und Michael Peters.

Damit liegen die deutschen Industriestrompreise heute rund 19 Prozent über dem EU-Durchschnitt, der als Referenzgröße des Index im selben Zeitraum gesunken ist – um 1 Prozent auf 9,43 ct/kWh. Damit sei der Wettbewerbsnachteil der deutschen Industrie gegenüber europäischen Konkurrenten größer geworden. Das Ziel, die Wettbewerbsposition beim Industriestrompreis gegenüber 2008 nicht weiter zu verschlechtern, ist damit auf "unrealistisch" gefallen.

Beim Thema Haushaltsstrompreise nimmt der Abstand zum EU-Durchschnitt zu. Die durchschnittlichen Preise in Deutschland liegen mit 29,71 ct/kWh leicht u?ber den Vorquartalswerten. Zugleich sind die Preise im EU-Durchschnitt von 20,33 ct/kWh auf 20,01 ct/kWh gesunken. Die deutschen Preise bewegen sich somit 48 Prozent oberhalb des europa?ischen Durchschnitts. Fu?r 2014 sei durch die Steigerung der EEG-Umlage sogar mit einem weiteren Anstieg der Haushaltsstrompreise zu rechnen.

Zu den Zielen, die nach Einschätzung von McKinsey noch als "realistisch" erreichbar gelten, gehört der geplante Ausbau der Solarstromerzeugung. Das Ziel der Bundesregierung wird hier derzeit zu 43 Prozent u?bererfu?llt.

"Politikum" EEG-Umlage

Die EEG-Umlage sei längst zum Politikum geworden, schreiben die McKinsey-Autoren – mit unterschiedlichsten Vorschla?gen von vielen Seiten, wie sie ku?nftig zu begrenzen sei. Sie kommen allerdings zum Schluss, dass sich die EEG-Umlage "unter den Randbedingungen des Bestandsschutzes und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der stromintensiven Industrie" kurzfristig kaum senken lasse. Es gelte, beim Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien vor allem auf die kostengünstigen Optionen zu setzen und vor allem auch die Folgekosten, z.B. beim Netzausbau, zu minimieren.

Die EU-Kommission hatte im Dezember verkündet, ein förmliches Hauptprüfverfahren zum EEG zu eröffnen. Aus Sicht der Bundesregierung stellen die EEG-Förderung und die Ausnahmeregelungen für stromintensive Unternehmen keine Beihilfen dar und sind mit EU-Recht vereinbar. EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia nannte Anfang dieser Woche Bedingungen für einen möglichen Kompromiss. Reduktionen sollten nur für energieintensive Unternehmen gewährt werden, "die wirklich dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt und besonders von der Finanzierung der Erneuerbaren-Förderung betroffen sind", sagte Almunia der Fachzeitschrift "Energie & Management".

Almunias Vorgaben seien "in vielen Bereichen zu restriktiv", heißt es nun in einem Entwurf für die Stellungnahme der Bundesregierung, der Spiegel Online vorliegt. Bei den Regelungen zur Entlastung energieintensiver Unternehmen bei der Ökostromabgabe bestehe "dringender Anpassungsbedarf". Insgesamt halte die Bundesregierung den Entwurf für "bürokratisch", "zu detailliert" und "nicht tragfähig", heißt es laut Spiegel. Man könne "nicht nachvollziehen, warum ausgerechnet Länder mit einer ambitionierten Erneuerbare-Energien-Politik schlechter gestellt" würden. Und man bitte "mit Nachdruck" darum, dass die Kommission ihren Entwurf "grundlegend überarbeitet".

dto