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27/07/2016

Digitalisierung für eine “neue Renaissance”?

Digitale Agenda

Digitalisierung für eine “neue Renaissance”?

Europas Online-Bibliothek Europeana macht Dokumente, Bücher, Gemälde, Filme und Fotos aus europäischen Sammlungen kostenlos im Internet zugänglich - und gilt als europäische Antwort auf Google Books. Foto: Screenshot

Die EU-Mitgliedsstaaten sollen sich intensiver darum bemühen, die in sämtlichen Bibliotheken, Archiven und Museen vorhandenen Sammlungen ins Internet zu stellen. Dies fordert die “Reflexionsgruppe zur Digitalisierung” in ihrem Abschlussbericht. Mit dem Projekt Google Books hätte Google den Standard eines kostenlosen Zugangs für den Endverbraucher gesetzt.

In dem am Montag vorgelegten Bericht fordert der sogenannte "Ausschuss der Weisen" die EU-Mitgliedsstaaten auf, bis 2016 alle ihre öffentlich zugänglichen Kulturgüter auf dem Internetportal Europeana verfügbar zu machen – und zwar nicht nur Bücher.

Kommissionsvizepräsidentin Neelie Kroes, zuständig für die Digitale Agenda, dankte den drei "Weisen" für "ihre konstruktiven Vorschläge dazu, wie wir eine ‘digitale Renaissance’ in Europa in Gang bringen können." Die Bereitstellung der Sammlungen von Museen und Bibliotheken im Netz brächte nicht nur "die reiche Geschichte und Kultur Europas zur Geltung", sondern könne auch mit neuen Vorteilen bei Bildung, Innovation und der Schaffung neuer wirtschaftlicher Betätigungsfelder einhergehen, so Kroes.

EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou erklärte: "Die Gruppe hat die Interessen der Werkschaffenden mit den Anforderungen eines sich wandelnden Umfelds im digitalen Zeitalter zum Ausgleich gebracht. Wir müssen Mittel und Wege finden, um dies in all den Bereichen zu bewerkstelligen, in denen der Kultur- und Kreativsektor den aus dem Übergang in das digitale Zeitalter erwachsenden Herausforderungen gegenübersteht. Kultur und kulturelles Erbe im digitalen Zeitalter eröffnen den Volkswirtschaften und Gesellschaften Europas neue Chancen."

Google hat bereits 15 Millionen Bücher digitalisiert

Der amerikanische Suchmaschinenbetreiber Google hatte 2004 mit seinem Digitalisierungsprojekt Google Books begonnen. Seither hat Google etwa 15 Millionen der 130 Millionen weltweit existierenden Bücher digitalisiert. Europeana gilt als europäische Antwort auf Google Books, hat aufgrund von technischen und finanziellen Schwierigkeiten allerdings erst knapp ein Drittel davon erfasst.

Der Ausschuss der Weisen, dem die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, Elisabeth Niggemann, angehört, fordert, dass die Mitgliedsstaaten ihre Mittel für die Digitalisierung aufstocken. Es wird auf den potenziellen wirtschaftlichen Nutzen hingewiesen, der – auch im Rahmen öffentlich-privater Partnerschaften – mit der Entwicklung innovativer Dienstleistungen in Bereichen wie Tourismus, Forschung und Bildung verbunden sei.

Google hätte mit Google Books den Standard eines freien Zugangs für den Endverbraucher zu den wichtigsten Sammlungen von lizenzfreien Büchern gesetzt, heißt es im Abschlussbericht. Modelle, bei denen Kulturinstitutionen den Nutzer zur Kasse bitten, seien daher wahrscheinlich nicht nachhaltig – da nicht wettbewerbsfähig.

Wesentliche Schlussfolgerungen des Berichts "Die neue Renaissance"

Das Portal Europeana soll dem Bericht zufolge zum "zentralen Bezugspunkt für das kulturelle Erbe Europas im Netz" werden. Die Mitgliedsstaaten müssten sicherstellen, dass alle mit öffentlicher Förderung digitalisierten Materialien über diese Internetseite zugänglich sind, und ihre "öffentlich zugänglichen Meisterwerke" bis 2016 in Europeana einbringen. Kultureinrichtungen, die Europäische Kommission und die Mitgliedsstaaten sollten Europeana aktiv und umfassend fördern und dafür werben.

Urheberrechtlich geschützte Werke, die nicht länger gewerblich vertrieben werden, sollten online verfügbar gemacht werden. Die Digitalisierung und Verwertung dieser Werke obliegt hauptsächlich den Rechteinhabern. Falls die Rechteinhaber dies nicht tun, müssen Kultureinrichtungen die Möglichkeit haben, Material zu digitalisieren und es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wofür die Rechteinhaber eine Vergütung erhalten sollen.

EU-Regeln für verwaiste Werke (Werke, deren Rechteinhaber nicht ermittelt werden können) müssten so bald wie möglich erlassen werden. Im Bericht werden acht Grundbedingungen festgelegt, die für alle denkbaren Lösungen gelten.

Die Mitgliedsstaaten sollen ihre Mittel für die Digitalisierung erheblich aufstocken, um Arbeitsplätze zu schaffen und künftiges Wachstum zu fördern. Daneben seien öffentlich-private Partnerschaften für die Digitalisierung zu fördern.

Hintergrund

Der "Ausschuss der Weisen" setzt sich zusammen aus Maurice Lévy (Chairman und CEO des französischen Werbe- und Kommunikationsunternehmens Publicis), Elisabeth Niggemann (Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek und Vorsitzende der Stiftung für die Europäische Digitale Bibliothek) sowie Jacques De Decker (Schriftsteller und Ständiger Sekretär der belgischen Königlichen Akademie der französischen Sprache und Literatur).

Das Portal Europeana bietet derzeit Zugang zu über 15 Millionen digitalisierten Büchern, Landkarten, Fotografien, Filmen, Gemälden und Musikstücken, was jedoch nur einen kleinen Teil der Werke ausmacht, die sich im Besitz europäischer Kultureinrichtungen befinden. Bei den meisten digitalisierten Materialien handelt es sich um ältere Werke im öffentlichen Bereich, bei denen keine Rechtsstreitigkeiten wie bei urheberrechtlich geschützten Werken drohen.

dto

Links

Europeana: Website

Dokumente

EU-Kommission: Europeana soll zentrales Internetportal für Europas Kulturerbe werden (10. Januar 2011)

EU-Kommission: "Ausschuss der Weisen" fordert "neue Renaissance" durch Zusammenführung des kulturellen Erbes Europas im Netz (10. Januar 2011)

EU-Kommission: i2010: Digital Libraries Initiative Website

EU-Kommission: Europeana ermöglicht Online-Zugriff auf über 14 Millionen Beispiele des europäischen Kulturerbes (18. November 2010)

Ausschuss der Weisen: The new Renaissance – report of the "comité des sages" (10. Januar 2011)

Ausschuss der Weisen: Die neue Renaissance – Empfehlungen der Drei Weisen zum Ausbau des europa?ischen kulturellen Erbes im Netz – Zusammenfassung

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